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12. Apr. 2022

Finanzkampf um Deutschlands Arztpraxen

Droht Deutschlands Arztpraxen Gefahr durch Private Equity? Eine aktuelle Recherche zeigt: Der Ausverkauf der Praxen an Investoren ist bereits weiter fortgeschritten als viele ahnen. Der Virchowbund analysiert die Lage und macht Vorschläge, wie die Qualität der Versorgung aufrechterhalten werden kann. 1

Lesedauer: ca. 4 Minuten

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Hunderte Praxen in Deutschland sind bereits im Eigentum von sogenannten Private-Equity-Gesellschaften. Tendenz: Steigend. Das hat eine aktuelle Recherche des NDR und der ARD ergeben. Genaue Zahlen konnten die Investigativredaktion nicht ermitteln.

Unter „Private Equity“ versteht man private, nicht börsennotierte Kapitalgeber. Ärztliche Verbände wie der Virchowbund, die KBV, die Kassenärztlichen Vereinigungen und viele andere sehen es seit langem kritisch, dass Private Equity sich immer weiter im Gesundheitswesen ausbreitet.

Eine Studie des IGES Instituts aus dem Jahr 2020 kommt beispielsweise zu dem Ergebnis, dass investorengeführte Praxisketten „vermehrt betriebswirtschaftlich attraktivere Leistungen erbringen, während sie weniger attraktive Leistungen vernachlässigen.“ Besonders gefährlich für die Versorgung wird es dort, wo solche Ketten eine beherrschende Marktmacht aufbauen. In einzelnen Städten ist das nach ARD/NRD-Recherchen schon geschehen.

Aufkaufen, einsparen, verkaufen

Diese Dynamik ist auch aus anderen Branchen bekannt – z. B. bei Immobilien. Die Investoren verfolgen meist eine sogenannte „Buy and build“-Strategie:  Dabei wird zuerst ein „Plattformunternehmen“ gekauft. Von dieser Basis ausgehend werden mehrere kleinere Unternehmen – beispielsweise eigenständige Arztpraxen und Kliniken – erworben und zu einer größeren Einheit (z. B. MVZ-Ketten) verschmolzen.

Verwaltung, Einkauf und andere Bereiche werden zusammengefasst und zentralisiert. So lassen sich Kosten sparen und Skaleneffekte nutzen. Nach zwei bis fünf Jahren wird das Konglomerat an einen neuen Investor weiterverkauft. Aus einem ehemals fragmentierten Markt entsteht eine homogenere Wettbewerbslandschaft mit einigen großen „Playern“.

Auch Ärztinnen und Ärzte leiden unter Rendite-Druck

So verschlechtert sich das Angebot für die Patientinnen und Patienten. Ihnen werden statt Grundversorgung immer mehr hoch spezialisierte Leistungen angeboten. Gleichzeitig haben sie immer weniger Wahlfreiheit, wenn MVZ-Konzerne ganze Regionen quasi monopolisieren. Für angestellte Ärztinnen und Ärzte wird es aus demselben Grund immer schwerer, den Arbeitgeber zu wechseln.

Finanzkräftige Investoren treiben auch die Preise für freiwerdende Arztsitze und Praxen in die Höhe. Ärztinnen und Ärzte haben in einigen Regionen kaum mehr eine Chance, sich niederzulassen. Im Preiskampf gegen professionelle Investoren sind sie machtlos.

„Tatsächlich ist der Wandel unseres Gesundheitswesens nur ein Teil einer globalen Neuorientierung wirtschaftlicher Prozesse. Das von einer immer stärker werdenden Finanzindustrie künstlich geschaffene Geld findet seinen Weg in die reale Wirtschaft.“ So treffend analysierte es bereits vor einigen Jahren der Medizinhistoriker Prof. Dr. Paul Unschuld.

In der „industriellen Gesundheitswirtschaft“ ist auch das Gesundheitswesen den Mechanismen des Marktes unterworfen. Der Staat gibt immer weniger Steuergeld für die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung aus. Stattdessen soll die „industrielle Gesundheitswirtschaft“ sich selbst tragen, mehr noch: Investoren anlocken, möglichst hohe Renditen erzeugen. 

In den Kliniken ist die renditegetriebene Medizin längst der Fall. Als Folge der Fallpauschalen wird beispielsweise die Liegedauer verkürzt. Eine sogenannte „blutige Entlassung“ rechnet sich für die Klinik: gleiches Geld, weniger Aufwand. In der ambulanten Medizin steht dem meist noch die gelebte Freiberuflichkeit der selbstständigen Praxisinhaberinnern und -inhaber entgegen.

Nur die Freiberuflichkeit steht der industrialisierten Medizin im Wege

Freiberuflichkeit sichert freie medizinische Entscheidungen. Kaufmännische Direktoren in MVZ und Kliniken sowie andere Nicht-Ärzte dürfen Ärzten nicht vorschreiben, wie sie ihre Patienten therapieren. Auch die ärztliche Schweigepflicht leitet sich aus der Freiberuflichkeit ab.

Das Verständnis der Freiberuflichkeit ist leider auch innerhalb der Ärzteschaft oft mangelhaft ausgeprägt. Vor allem angestellte Ärztinnen und Ärzte verwechseln oft Freiberuflichkeit mit Selbstständigkeit. Dabei gilt die Freiberuflichkeit auch für sie.

Mehr Information zum Thema Freiberuflichkeit finden Sie beim Virchowbund.

Maßnahmen gegen die Spekulation

Damit die Freiberuflichkeit weiter das Bollwerk gegen Spekulation im Gesundheitswesen sein kann, braucht sie politischen Schutz. Der Virchowbund propagiert seit Jahren sehr konkrete Gesetzesänderungen für die Zulassung und den Betrieb von MVZ, damit Schlupflöcher geschlossen werden.

Zum Beispiel sollen MVZ-Neugründungen nur noch als gGmbH möglich sein. Dadurch werden sie per Rechtsform auf Gemeinnützigkeit verpflichtet. Zum Beispiel dürfen dann keine hohen Renditen mehr an Anleger ausbezahlt werden. Damit wird auch sichergestellt, dass Gewinne nicht das Hauptziel des Unternehmens sind, sondern allenfalls ein Nebeneffekt.

Auch könnte man MVZ-Trägern die Zulassung entziehen, wenn innerhalb von fünf Jahren die Mehrheit der Gesellschaftsanteile veräußert wird oder die wirtschaftlich berechtigten wechseln.

Außerdem soll es nach Vorstellung des Verbandes der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte eine Obergrenze für Arztsitze im MVZ geben. So werden übergroße MVZ als Monopol-Anbieter vermieden. MVZ mit 50 und mehr Arztsitzen sind längst Realität. Eine bereits umgesetzte Forderung des Virchowbundes ist, dass jedes MVZ einen ärztlichen Leiter haben muss.

Transparenz-Register für MVZ

Häufig ist unklar, wer hinter einem MVZ steckt. Die Inhaberstrukturen sind oft bewusst verschachtelt.  

Deshalb ist aus Sicht des Virchowbundes auch ein Transparenz-Register erforderlich, aus dem eindeutig hervor geht, in welcher Gesellschaftsform ein MVZ betrieben wird, wer die Gesellschafter mit entsprechenden Anteilen sind und gegebenenfalls auch die Träger dieser Gesellschaften. Diese Informationen müssen auch den Patienten barrierefrei und niedrigschwellig zur Verfügung gestellt werden.

Die CDU/CSU fordert aktuell ein Impfregister, aber die Einführung eines MVZ-Registers hat sie jahrelang verschleppt. „Noch nicht einmal unsere Minimalforderung, dass auf dem Praxisschild eines investorengeführten MVZ der ‚wirtschaftlich Berechtigte‘ ausgewiesen werden muss, wurde umgesetzt“, beklagte der Virchowbund-Bundesvorsitzende Dr. Dirk Heinrich auf Twitter. Der Verband wandte sich heute auch in einer Pressemitteilung an die Öffentlichkeit

Der Verband der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte betont: Investitionen ins Gesundheitswesen sind nicht per se schlecht. Unter den richtigen Bedingungen profitieren davon Patienten und Ärzte gleichermaßen. Von „richtig“ sind die aktuellen Umstände aber noch deutlich entfernt.

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Der Verband der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte (Virchowbund) kämpft dafür, die Budgetierung zu beenden, die ärztliche Selbstverwaltung zu stärken und die Freiberuflichkeit zu erhalten. Außerdem unterstützt er Praxisinhaber und MFA konkret beim Praxismanagement und mit persönlicher Rechtsberatung. Jetzt alle Verbands-Services kennenlernen.

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