20. März 2020

Aus dem Praxisalltag

Dr. Matthias Marquardt: „Die Ausgangssperre wird hoffentlich bald kommen“

Dr. Matthias Marquardt ist Facharzt für Innere Medizin und Sportmedizin mit eigener Praxis in Langenhangen bei Hannover. Wie die meisten niedergelassenen Kollegen, musste auch er aufgrund der aktuellen Situation seinen Arbeitsalltag komplett umkrempeln. Wir haben mit Dr. Marquardt über die größten Herausforderungen und seine Art, damit umzugehen, gesprochen.

Fragen: Marina Urbanietz

Welche Auswirkungen hat das Coronavirus auf Ihre Praxis?

Dr. Matthias Marquardt © HenningScheffen
Dr. Matthias Marquardt © HenningScheffen

Dr. Marquardt: Aktuell haben wir viele Terminumbuchungen, da überregionale Patienten aufgrund der Anreise Ihre Termine verlegen. Außerdem haben wir zahlreiche Anfragen von Patienten mit vermeintlichem Corona-Kontakt. Diese Einzelfälle zu beraten ist sehr zeitaufwendig, insbesondere weil die Weiterleitung der Fälle an Gesundheitsämter und Test-Zentren, die ja noch in Einrichtung begriffen sind, nicht reibungslos funktioniert. Viele Ansprechpartner dort sind überlastet und überfordert mit der Situation.

Wie reagieren Sie, wenn ein Patient mit grippeähnlicher Symptomatik trotz aller Warnungen in Ihre Praxis kommt?

Dr. Marquardt: Wir lassen Patienten nur nach Rücksprache über die Türsprechanlage ein und haben Warnschilder aufgehängt. Patienten mit Grippesymptomen schicken wir, wenn medizinisch vertretbar, nach Hause und klären den Fall per Videosprechstunde oder Telefon. Bei begründeten Verdachtsfällen geht der Weg – wie von der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung (KV) vorgesehen –  über die Gesundheitsämter.

Wir bekommen viele Anfragen von Ärzten unterschiedler Fachrichtungen bzgl. der Maßnahmen zum eignen Schutz und zum Schutz der Praxismitarbeiter. Welche Schutzmaßnahmen haben Sie bereits ergriffen? Was würden Sie Ihren Kollegen empfehlen?

Dr. Marquardt: Wir können nur begrenzt Schutzmaßnahmen ergreifen. Wir können Patienten mit wahrscheinlicher Infektion aus der Praxis fernhalten und uns die Hände desinfizieren. Wir haben aber trotz steter Bemühungen keine Schutzmasken und keine Schutzkleidung erhalten können. Es ärgert mich in dem Zusammenhang, dass das Bundesministerium für Gesundheit am 18.03.2020 Ärzte dazu aufforderte, sich selbst um Schutzkleidung zu bemühen. Das haben wir doch alle getan, aber eben keine erhalten! 

Sie haben vor ca. 1 Woche in einem Video vor Corona-Panikmache gewarnt. Wie bewerten Sie die aktuellen Maßnahmen europäischer Regierungen? Und insbesondere in Deutschland?

Dr. Marquardt: Die Situation hat sich wenige Tage nach dem Videodreh radikal gewandelt. Es zeigte sich, dass die ergriffenen Maßnahmen zu keiner Abflachung der Kurve der Neuinfektionen führten, sondern, dass wir auf den exponentiellen Anstieg zusteuerten, den wir jetzt haben. In Italien wurde dies zuerst deutlich. Die sofortige Ausgangssperre wäre für mich schon viel früher die logische Konsequenz gewesen. Ich vermute, dass man dies der deutschen Bevölkerung in kleinen „Häppchen“ näherbringen will.

Die Ausgangssperre wird hoffentlich bald kommen, auch wenn die Entwicklung der Infektionszahlen in Italien noch keine Entspannung der Situation zeigt (Stand 19.03.2020). Natürlich mehrt diese unklare Lage in der Krise kritische Stimmen, die die Erkrankungszahlen in Relation zur Gesamtsterblichkeit und zur Auswirkung der saisonalen Grippe setzen und die Maßnahmen für übertrieben halten. Ich denke aber, dass wir alles dafür tun sollten, um die Überlastung der Krankenhäuser wie in Italien zu vermeiden.

Wo informieren Sie sich über den aktuellen Stand? Welche Quellen würden Sie Ihren Kollegen besonders ans Herz legen?

Dr. Marquardt: Ich schaue mir die Entwicklung der Infektionszahlen auf der WHO-Seite an. Darüber hinaus die Informationen vom Robert Koch-Institut (RKI), Landesärztekammer und Kassenärztlicher Vereinigung zur Triage und zum Patientenmanagement. Das einzige, was mich sonst noch interessiert, sind die politischen Entscheidungen, die ich über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk erfahre und Telefonate mit internistischen Kollegen aus den Kliniken.

Seit Montag bzw. Dienstag sind alle Kitas und Schulen geschlossen. Ist auch Ihre Praxis davon betroffen? Wenn ja, welche Lösungen haben Sie für Ihre Mitarbeiter mit Kindern?

Dr. Marquardt: Meine Assistentin hat Kinder und muss nun zu Hause bleiben, da ihr Mann im Unternehmen (noch) unabkömmlich ist. Eine Weile ist das verkraftbar. Mittelfristig müssten wir, so schwer mir das als Chef fällt, möglicherweise Kurzarbeitsregelungen nutzen.

Ihre Prognose: Wird sich das Coronavirus in Deutschland weiterhin rasant ausbreiten?

Dr. Marquardt: Ja. Ich befürchte, dass es in kurzer Zeit sehr schnell gehen wird. Die Kliniken sind jetzt noch ruhig, das kann sich aber in wenigen Tagen in unvorstellbarem Ausmaß ändern. Dass die Kollegen dort nicht adäquat geschützt sind, macht mich unruhig und ängstlich. Sie haben keine Ausrüstung, oder viel zu wenig davon. Und jeder, der mal in einer Notaufnahme in einer Überlastungssituation am Rande seiner Kräfte gearbeitet hat weiß, dass die jetzt erforderlichen, peniblen Schutzmaßnahmen für sich und andere selbst bei optimaler Ausstattung schwierig genug einzuhalten sind.

Zum Schluss eine Frage an Sie als Sportmediziner: Aktuell bleiben immer mehr Fitness- und Sportstudios geschlossen. Doch gerade jetzt ist eine sportliche Betätigung zur Stärkung des Immunsystems sehr empfehlenswert. Welche Tipps haben Sie für die aktuelle Situation?

Dr. Marquardt: Für alle Läufer gibt es ja, solange keine Ausgangssperre verhängt wurde, formal kein Problem. Ich glaube aber, dass wir diese Freiheit nicht mehr lange haben werden. Bis die Ausgangssperre kommt, würde ich von Läufen in Gruppen abraten. Fitnesstudiogänger können jetzt nicht mehr in Studios trainieren, sie können sich aber mit Klimmzügen, Liegenstützen und Sit-Ups auch zu Hause fit halten. Machen Sie das unbedingt!

Die zahlreichen von mir betreuten Leistungssportler haben heutzutage oftmals Laufbänder und Fahrradergometer zu Hause. Für die Profisportler ist dies aber nur ein schwacher Trost. Für Sie steht bei der drohenden Ausgangssperre die Existenz wie bei vielen Unternehmern aufgrund fehlender Einnahmen auf dem Spiel.

Dr. Matthias Marquardt studierte Humanmedizin an der Georg-August-Universität Göttingen und der Medizinischen Universität zu Lübeck. Der Internist, Sportmediziner und Chirotherapeut ist niedergelassen in eigener Praxis mit dem Schwerpunkt Sportmedizin und Check-Up. Dr. Marquardt veröffentlichte 11 Bücher (u. a. „Die Laufbibel”).

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