26. Februar 2020

Sinken Kassenbeiträge ohne Privatversicherung?

Ein Kommentar zur aktuellen Bertelsmann-Studie

Einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge könnten die Kassenbeiträge spürbar sinken, wenn alle Bürger gesetzlich versichert wären. Kritik und Protest kam umgehend von PKV, Ärzte- und Beamtenseite. Lesen Sie hier einen Kommentar zur Studie.

Lesedauer: 2,5 Minuten

Die zentralen Punkte der Bertelsmannstudie

Beziehe man die finanziell leistungsstärkeren Privatversicherten in die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) ein, könnten jeder aktuell GKV-Versicherte und sein Arbeitgeber zusammen im Schnitt 145 Euro pro Jahr sparen. Zu diesem Ergebnis kommt die kürzlich veröffentlichte repräsentative Studie des Berliner IgeS-Instituts im Auftrag der Bertelsmann Stiftung.1

Laut der Analyse verdienen Privatversicherte – demnach Gutverdiener, Beamte, einkommensstarke Selbstständige – durchschnittlich mindestens 56 Prozent mehr als gesetzlich Versicherte. Sie seien zudem tendenziell gesünder. Kämen sie in die GKV, könnte diese mit einem Nettofinanzüberschuss von jährlich 8,7 bis 10,6 Milliarden Euro rechnen. Der Beitragssatz ließe sich um 0,6 bis 0,7 Prozentpunkte senken.

In Europa leiste sich nur Deutschland ein duales System. Weltweit gebe es ein Zwei-Säulen-Prinzip sonst nur noch in Chile. „Nur wenn sich alle Versicherten unabhängig vom Einkommen zusammentun, um die Risiken zwischen Gesunden und Kranken auszugleichen, kann eine tragfähige Solidargemeinschaft entstehen”, betont Stiftungsvorstand Brigitte Mohn.

Gegenwind von Beamtenbund und PKV

Der dbb Beamtenbund widerspricht. Das System funktioniere gerade wegen des „bewährten Miteinanders” von GKV und PKV, meint dbb-Chef Ulrich Silberbach. Auch vom Verband der PKV kam Protest: Der Milliarden-Mehrumsatz der PKV komme dem Gesundheitswesen insgesamt zugute. Ohne diesen müssten GKV-Versicherte sogar noch draufzahlen

Lesen Sie jetzt einen Kommentar des Abrechnungsexperten Dieter Jentzsch

Wetten dass….?

Seit einigen Tagen ist das „Spotlight Gesundheit – Risikoselektion in der Krankenversicherung“ aus dem Haus Bertelsmann in aller Munde. Das nur achtseitige Papier behauptet, die Krankenversicherung sei zwischen einem „solidarischen“ (gesetzlichen) und privatwirtschaftlichen Zweig „aufgespalten“.

An einer einzigen Stelle im Spotlight, auf Seite 3 steht: „Ein moralischer Vorwurf ist daher fehl am Platz…“. Dann aber werden über das gesamte Papier negativ besetzte Begriffe großzügig verteilt: Die Systemunterschiede seien unsolidarisch und schädlich für den Zusammenhalt der Gesellschaft, jedes durchschnittliche GKV-Mitglieder könnte jährlich 145 € sparen, wenn auch die Beiträge der „Gutverdiener“ in den GKV-Topf gelangten.

Stattdessen entzögen die sich „anreizkonform“ dem Solidarausgleich. Außerdem seien die PKV-Versicherten wohlhabender, gesünder und lebten in Regionen, wo es genug Ärzte gebe.

Es kommt darauf an, wer die Fragen formuliert“

Das „Spotlight“ greift auf die umfangreiche IGeS-Studie, ebenfalls beauftragt vom Haus Bertelsmann, zu. Deren Basisdaten stammen zum Großteil aus einer Befragung von 12.000 Haushalten durch das Sozio-oekonomische Panel. Hier wie dort kommt es darauf an, wer die Fragen formuliert. Dann, beinahe im Imperativ eine „Handlungsempfehlung“: „Die duale Struktur der Kranken- und Pflegeversicherung ist mittel- und langfristig entsprechend umzubauen.”

Einzelleistungsvergütung ist Grund für besseren Verdienst der Privatärzte

Dass Ärzte für ihre Leistungen nach der GOÄ besser als im GKV-System vergütet werden, liegt am Prinzip der Einzelleistungsvergütung. Im GKV-System bestimmen dagegen gedeckelte Honorare, Budget pro Fachgruppe, das Quartal und der Krankheitsfall sowie ICD-Diagnosen die Vergütung, die so zum Teil erhebich begrenzt wird.

Die folgenden Fakten werden viel zu selten erwähnt:

  • PKV-Beiträge kennen keine Familienversicherung. Für jeden Versicherten fallen Beiträge an. In der GKV ist die beitragsfreie Familienversicherung zwar „solidarisch“, aber für dieses System sehr teuer. Soll dieser Familienschutz abgeschafft werden?
  • Wenn durchschnittlich pro Arztpraxis jährlich rund 54.000€ Einnahmen aus der Behandlung Privatversicherter verloren gehen, bedroht das die wirtschaftliche Existenz vieler Praxen.
  • Eine große Einheitskasse gewänne eine marktbeherrschende Position.
  • In anderen europäischen Ländern mit Einheitskassen müssen innovative medizinische Methoden, oft vorkommende Operationen und der Einsatz spezieller Gerätschaften häufig rationiert werden.
  • Elektive Eingriffe werden in allen bekannten Systemen meist selbst bezahlt.
  • Die Altersrückstellungen der PKV mit aktuell mehr als 270 Milliarden Euro gehören den Versicherten, die sie aufgebracht haben.
  • Die KOMV mit 13 Professoren (Juristen, Mediziner, Ökonomen) hat sich einstimmig (!) für den Erhalt des aktuellen dualen Systems ausgesprochen. Sie schlägt vor, die Leistungslegenden von EBM und GOÄ baldmöglichsteinander anzupassen.

Ach so – worüber es zu wetten lohnt? Darüber, dass auch zu Mitte des Jahres 2020 hin wieder die vermeintlichen Ungerechtigkeiten bei der Vergabe von Wunschterminen in Facharztpraxen durch verschiedene Medien skandalisiert werden. Dagegen berichten gerade Hausärzte, dass oft ein Telefonat mit dem Facharzt einen dringend benötigten Termin in kürzester Zeit ermöglicht. Ganz unspektakulär und für alle Patienten, unabhängig ihrer Versicherung. Und es gibt die Terminsservicestellen, dem Vernehmen nach noch nicht ausgelastet. Aber das alles ist ja kein Skandal und daher nicht so interessant.

  • Dieter Jentzsch ist als Referent für ärztliches Honorarwesen bei der Ärztlichen Unternehmensgruppe Büdingen tätig. Er leitete mehr als 16 Jahre die Geschäftsstellen in Mainz und Frankfurt. Parallel dazu hält und entwickelt er für Büdingen Med Themen- und zielgruppenspezifische Seminare zur GOÄ.

GOÄ und EBM: Wie sollte ein modernes Vergütungssytem aussehen?
Sowohl die ambulante Honorarordnung in der GKV als auch die Gebührenordnung der PKV müssen reformiert werden. Kürzlich hat die Wissenschaftliche Kommission für ein modernes Vergütungssystem (KOMV) dazu ihren Ergebnisbericht an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn übergeben.

1. BertelsmannStiftung, 17.02.2020: Duales System kostet die Gesetzliche Krankenversicherung bis zu 145 Euro je Mitglied pro Jahr

Bild: ©: GettyImages/Togapix

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