24. August 2021

Behandlungsfehler in der Arztpraxis, was jetzt?

Was gilt als ärztlicher Behandlungsfehler? Wer ist bei einem vermuteten Behandlungsfehler in der Beweispflicht? Die Juristin des Verbandes der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte klärt auf.

Dieser Beitrag wird vertreten vom Virchowbund. Redaktion: Sebastian Schmidt

Auch in der bestorganisierten Praxis passiert es, dass Ärztinnen und Ärzten oder dem Praxispersonal ein Fehler unterläuft. Manchmal glauben auch Patienten, sie seien fehlerhaft behandelt worden.

Patienten und Patientinnen haben die Möglichkeit bei vermuteten Behandlungsfehlern die Gutachter- oder Schlichtungsstelle der jeweils zuständigen Ärztekammer anzurufen. Die Ärztekammer untersucht dann, ob tatsächlich ein Behandlungsfehler vorlag.

Rund 11.000 Behandlungen werden so jedes Jahr überprüft. Die meisten Vorwürfe betreffen Krankenhäuser. Im niedergelassenen Bereich sind vor allem die Fachrichtungen:

  • Unfallchirurgie/Orthopädie
  • Allgemeinmedizin (Hausarzt)
  • Augenheilkunde
  • Innere Medizin
  • Gynäkologie
  • Allgemeinchirurgie
  • Radiologie

mit dem Vorwurf eines Behandlungsfehlers konfrontiert.1

Seit 2006 werden die Daten zusätzlich über das Medical Error Reporting Systems (MERS) in einer bundesweiten Statistik erfasst. 2019 wurde in weniger als 3 von 10 Fällen ein Behandlungsfehler durch niedergelassene Ärzte und Ärztinnen durch die Prüfung tatsächlich nachgewiesen.

Was ist ein Behandlungsfehler?

Der Bundesgerichtshof definiert einen Behandlungsfehler als eine Handlung oder Unterlassung des Behandelnden, die dem zum Zeitpunkt der Behandlung bestehenden medizinischen Standard zuwiderlief.

Behandlungsfehler können darin bestehen, dass ärztliche Maßnahmen in Diagnostik und/oder Therapie entweder unnötigerweise, unter Verstoß gegen die Sorgfaltspflicht vorgenommen wurden oder dass notwendige ärztliche Maßnahmen unterlassen werden.

Medizinerinnen und Mediziner können den Erfolg der Behandlung nicht garantieren. Sorgfalt ist das oberste Gebot, um Behandlungsfehler zu vermeiden.

Als medizinischen Standard bezeichnet man das Verhalten, das von gewissenhaften oder aufmerksamen Ärztinnen und Ärtzen in der konkreten Behandlungssituation aus der berufsfachlichen Sicht des Fachbereichs zum Zeitpunkt der Behandlung vorausgesetzt und erwartet werden kann. Er repräsentiert den jeweiligen Stand der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und der ärztlichen Erfahrung, der erforderlich ist, um das Behandlungsziel zu erreichen und sich in der Erprobung bewährt hat.

Behandlungsfehler kann zu Gesundheitsschäden führen

Ein Behandlungsfehler kann zu einem Gesundheitsschaden führen. Damit ist ein gesundheitlicher Nachteil gemeint, der zusätzlich zu den krankheitsbedingten Beeinträchtigungen ursächlich durch eine ärztliche Behandlung eintritt.

Die Virchowbund-Juristin Andrea Schannath sagt: „Gesundheitsschäden müssen nicht notwendigerweise bleibend sein. Es genügt schon eine nicht völlig unbedeutende gesundheitliche physische und/oder psychische Beeinträchtigung, wie z. B. vorübergehende Schmerzen oder eine erneute Operation.“

Behandlungsfehler beweisen

Grundsätzlich tragen die Behandelten die Beweislast dafür, dass ein Behandlungsfehler vorliegt und die Ursache für einen Gesundheitsschaden war.

In bestimmten, gesetzlich geregelten Fallkonstellationen gibt es Beweiserleichterungen für Patienten und Patientinnen. Dann tragen Behandler die Beweislast in Teilen oder möglicherweise auch vollständig.

Eine Beweislast-Umkehr tritt beispielsweise beim groben Behandlungsfehler ein, wenn der Arzt oder die Ärztin besonders schwerwiegend gegen den medizinischen Standard verstoßen hat.

Wenn eine medizinisch gebotene wesentliche Maßnahme und ihr Ergebnis nicht dokumentiert wurden, hat das ebenfalls eine Beweiserleichterung für den Patienten zur Folge. Dann wird nämlich vermutet, dass der oder die Behandelnde diese Maßnahme nicht getroffen hat.

Haftung bei Behandlungsfehlern

Da Ärztinnen und Ärzte für Behandlungsfehler haften, müssen sie sich über eine Berufshaftpflichtversicherung finanziell absichern. Eine Berufshaftpflichtversicherung ist u. a. Voraussetzung für die Niederlassung.

Für Behandlungsfehler von angestellten Medizinerinnen und Medizinern und Partnern in der Praxis haften Praxisinhaber zum Teil ebenfalls. Auch Erbende können noch rückwirkend für Behandlungsfehler eines verstorbener Ärztinnen und Ärzte verklagt werden.

Wenn die ärztliche Kooperation als Partnerschaftsgesellschaft geführt wird, ist die Haftung allerdings beschränkt. Mehr dazu erfahren Sie in der Virchowbund-Praxisinfo „Partnerschaftsgesellschaft“. Der Verband bietet auch eine kostenlose Rechtsberatung für Mitglieder.

Der Virchowbund bietet eine Übersicht aller Praxisinfos, Musterverträge und Checklisten. In jedem Fall ist es eine gute Idee, sich rasch juristischen Beistand zu holen. Der Virchowbund bietet u. a. auch eine kostenlose Rechtsberatung für Mitglieder – auch in solchen Fällen. Noch kein Mitglied? Hier können Sie Mitglied werden oder mehr über die Vorteile einer Mitgliedschaft im Virchowbund erfahren.

Auf Behandlungsfehler reagieren

Früher durften Ärztinnen und Ärzte Fehler gegenüber Behandelten nicht eingestehen. Sie liefen Gefahr, ihren Versicherungsschutz zu verlieren. Das ist zum Glück heute nicht mehr der Fall.

Behandler dürfen und sollten geschädigte Patienten und Patientinnen bzw. deren Angehörige wahrheitsgemäß über alle Tatsachen der Behandlung aufklären. Erfahrungsgemäß wünschen sich die meisten Betroffenen vor allem eine Entschuldigung. Vermeiden sollten Medizinerinnen und Mediziner dennoch im Gespräch und in der übrigen Kommunikation mit Patienten und Patientinnen oder dessen Rechtsvertretende die Schuld anzuerkennen.

5 Tipps für das Gespräch nach dem Fehler

  • Nehmen Sie sich für das Gespräch Zeit.
  • Erläutern Sie sachlich den Vorfall und seine möglichen Folgen.
  • Drücken Sie sich klar und unmissverständlich aus.
  • Zeigen Sie aber auch Ihr Mitgefühl.
  • Außerdem müssen Sie Ihre Haftpflichtversicherung unverzüglich über alle Umstände informieren, die zu einer Haftung führen könnten – spätestens innerhalb einer Woche.

Eine komplette Checkliste für den Umgang mit tatsächlichen oder vermuteten Fehlern bietet die Praxisinfo „Behandlungsfehler“ des Virchowbundes. Darin finden Ärzte und Ärztinnen auch Tipps, wie sie sich gegen unbegründete Vorwürfe wappnen können.

Ein Tipp am Schluss: Mitglieder im Virchowbund können eine Berufshaftpflichtversicherung zu besonders günstigen Konditionen abschließen.

Titelbild: © Getty Images / fizkes

  1. Bundesärtzekammer: Statistische Erhebung der Gutachterkommisionen und Schlichtungsstellen für das Statistikjahr 2019; 13.05.2020.

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