12. Mai 2020

Aus dem Kollegenkreis

Arztgesundheit in Zeiten von Covid-19

Ärzte sind nicht erst seit Beginn der Corona-Pandemie stark gefordert. Doch die psychische Belastung scheint in Zeiten von Epidemien besonders hoch. Erfahrungsgemäß suchen sie aber, wenn überhaupt, erst sehr spät Unterstützung. Weshalb ist das so? Und was können Ärzte für sich und Kollegen tun, um das Erlebte besser zu bewältigen?

Lesedauer: 7 Minuten

Interview und Redaktion: Dr. Nina Mörsch

Kürzlich bemängelten Intensiv- und Notfallmediziner, dass in vielen deutschen Kliniken eine psychologische Versorgung für medizinisches Personal fehle. Dabei gehe es gerade jetzt darum, die eigenen Teams, die Ärzte und Pflegekräfte mit dem Erlebten nicht alleine zu lassen.

In der Schweiz gibt es für die dort tätigen Ärzte das Unterstützungsnetzwerk ReMed. Wir haben mit der Hautärztin Dr. Sabine Werner gesprochen, die vor vielen Jahren aus Deutschland in die Schweiz abgewandert ist und im Leitungsausschuss von ReMed mitarbeitet. Darüber hinaus berät sie Ärzte auch als privater Coach bei Problemen rund um den Arztalltag. Sie kennt daher die Sorgen und Nöte vieler Kollegen – nicht nur in Zeiten von Covid-19.

Im Interview berichtet Dr. Werner davon, wie eine Beratung bei ReMed abläuft, weshalb Ärzte erfahrungsgemäß nur selten oder sehr spät Hilfe suchen und was jeder Arzt tun kann, um auch in Krisen resilient zu bleiben.

Frau Dr. Werner, können Sie kurz die genauen die Ziele und Aufgaben von ReMed erläutern?

Ja, sehr gerne. ReMed ist ein Unterstützungsnetzwerk, das sich an ärztliche Kollegen in kritischen Momenten richtet. Der Träger ist der Berufsverband der Schweizer Ärztinnen und Ärzte, die FMH. Das Programm ReMed arbeitet völlig unabhängig und orientiert sich in seiner Vorgehensweise an den gesetzlichen Rahmenbedingungen sowie an der Standesordnung der FMH. ReMed wird somit von Ärzten für Ärzte gestaltet und agiert vertraulich.

Das Ganze funktioniert so: Ratsuchende können sich über eine Hotline oder per E-Mail bei uns melden. Innerhalb von 72 Stunden nimmt ein ärztlicher Kollege von den sogenannten Erstberatenden Kontakt auf. Dann wird das Problem gemeinsam besprochen und geschaut, wie es am besten weitergehen könnte.

Mit welchen Problemen wenden sich Ärzte derzeit an Sie?

Im Grunde genommen herrscht im Moment noch ein bisschen die Ruhe vor dem Sturm. Die Anfragen sind ähnlich wie vor der Corona-Krise, es geht also in der überwiegenden Mehrzahl um Stress am Arbeitsplatz, Überlastung und Burnout. Daneben werden auch Probleme mit Praxis, Praxis-Partnern oder auch Mitarbeitern thematisiert.

Auch die Diagnose einer schweren somatischen Erkrankung kann Ärzte in eine Krise stürzen, insbesondere wenn man vielleicht gerade erst eine Praxis gegründet hat. Aber auch viele junge Assistenzärztinnen und Assistenzärzte wenden sich an uns, die noch in der Weiterbildung sind und Probleme mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie haben.

Wir wissen aber, dass bei Krisensituationen die Pflegenden und Ärzte, sich erst verzögert Hilfe suchen. Bis ein Arzt zugibt, dass er in einer persönlichen Krise steckt, da muss schon viel passieren. Wir erwarten diese Welle deshalb erst mit Verzögerung.

Sie haben erzählt, dass Betroffene zum Beispiel über die Hotline mit ReMed in Kontakt treten. Wie geht es dann weiter?

Ja, genau, die häufigste Form der Erstberatung findet telefonisch statt. Wir sind in der Schweiz regional organisiert nach Sprachregionen, entsprechend beraten wir auf Französisch, Italienisch oder und Deutsch.

Ärzte sind nicht gewohnt, dass ihnen jemand zuhört”

Zuerst natürlich ist das Zuhören mal das Wichtigste. Das sind wir Ärzte ja nicht gewohnt, dass uns mal jemand zuhört und wir jemandem unser Herz ausschütten können. Und wir als Berater, die selbst als Ärzte tätig sind, verstehen die Problematik sehr gut, da wir uns zum Beispiel noch gut an unsere Zeit in der Klinik erinnern können.

Dann folgen in der Regel ein kurzes Coaching und eine Klärung der nächsten Schritte. Daran schließt sich entweder ein Coaching oder auch eine psychologische Begleitung an. Manchmal kann auch juristische Unterstützung oder eine weitergehende medizinische Behandlung erforderlich sein. Wir haben ein breites Netzwerk an Kolleginnen und Kollegen auch anderer Fachdisziplinen, mit denen wir uns regelmäßig austauschen, sodass wir die Ratsuchenden entsprechend weiterleiten können. Ich selbst bin auch außerhalb von ReMed als Coach tätig und begleite Kolleginnen und Kollegen auch nach akuten Krisen über längere Zeit, präventiv oder bei spezifischen Fragestellungen wie z.B. Entscheidungen über den weiteren Berufsweg oder ähnliches.

Können Sie ein konkretes Beispiel eines solchen Coachings nennen?

Ja, ich habe kürzlich ein Kurzzeit-Coaching mit einer Gruppe von Klinikärzten in leitender Funktion durchgeführt, die auf einer Notfallstation arbeiten und ganz proaktiv eine Lösung suchten, wie sie ihre Assistenzärzte im eigenen Haus besser abholen können, damit diese die derzeitge schwierige Phase durchstehen.

Wir haben in einem einstündigen Gespräch mit den Ärzten Ressourcen eruiert und erste funktionierende Schritte abgesteckt. Dann wurde zweimal wöchentlich ein Team-Treffen von fünf bis zehn Minuten Dauer eingeplant, indem die Assistenten auf einer Skala von 1 bis 10 angaben, wie es ihnen geht und was passieren müsste, damit es ihnen 1-2 Punkte besser ginge.

Und so haben wir gemeinsam eine Art ständiges Stimmungsbarometer innerhalb der Abteilung implementiert. Aufgrund der Regelmäßigkeit hatten die jungen Kollegen keine Angst davor, zuzugeben, wenn sie überlastet sind. Aus Sicht der Ärzte hat sich das Team-Treffen mit Coaching-Ansatz derart bewährt, dass sie es mindestens noch ein halbes Jahr weiter fortführen möchten.

Das klingt gut, zumal fünf bis zehn Minuten die Woche jetzt auch überschaubar sind, um sie in den Arztalltag zu integrieren. Vielleicht noch eine Frage zu den Kollegen. Wenn ein ärztlicher Kollege spürt, dass es seinem Kollegen nicht so gut geht, was könnte er tun?

Als ersten Schritt ist meiner Meinung nach erstmal wichtig, dass wir als Heiler und Helfer diesen Mythos, dass wir immer einsatzbereit sind und immer durchhalten müssen, nicht noch selbst pflegen. Das heißt, wir als Ärzte sollten mit gutem Beispiel vorangehen und Kollegen gegenüber eigene Belastungsgrenzen zugeben können. Dies gilt im Übrigen insbesondere für Führungskräfte. Nur so können wir Kollegen animieren, sich auch anzuvertrauen und sich mitzuteilen, das Thema zu enttabuisieren.

Und das zweite ist eine gewisse Sensibilität und Empathie zu haben für Kollegen und das Einzelgespräch suchen. Man kann ruhig mal jemanden beiseite nehmen und nachfragen: „Du bist so still geworden und machst keine privaten Aktivitäten mehr mit. Ich habe das Gefühl, Dir geht es nicht gut. Kann ich dir irgendwie helfen?”

Eine solche wertschätzende, offene und vertrauensvolle Atmosphäre unter Kollegen oder auch in einer Abtreilung unterstützt Ärzte dabei, nicht nur den Superhelden spielen zu müssen.

Was raten Sie Ärzten zur Prävention von Burnout oder auch anderen gesundheitlichen Auswirkungen von Stresssituation?

Mittlerweile wissen wir anhand von wissenschaftlichen Studien sehr genau, was Ärzte krank macht bzw. vielmehr, was sie gesund hält.

  • Selbstfürsorge: Der erste Punkt ist sicherlich eine Investition in sich selbst, also achtsamer sich selbst gegenüber zu sein und die eigenen Grundbedürfnisse einmal wahrzunehmen. Das ist etwas, was Ärzte nicht sehr gut können. Sich einen kurzen Moment nehmen, um zu reflektieren: Was will ich eigentlich? Wo will ich hin? Wie kann ich Ziele erreichen? Wie kann ich mein Zeitmanagement verbessern? Was ist für mich eine gute Work-Life-Balance und was braucht es dazu? Hierbei kann auch ein kurzes Coaching mit weniger als 4 Stunden helfen.
  • Austausch mit Kollegen: Der zweite Punkt wäre die Investion in berufliche Beziehungen, also der Austausch mit Kollegen.
  • Außerberufliche Beziehungen: Als nächstes ist die Pflege außerberuflicher Beziehungen und Interessen, also die berühmte Work-Life-Balance, ganz wichtig, um resilient zu bleiben, also flexibel und stark durch harte Zeiten zu kommen.
  • Die Sinnfrage klären: Und last but not least gilt es, die Sinnfrage im eigenen Leben zu klären. Wofür mache ich das alles? Was treibt mich vorwärts? Immer wieder die eigenen Ziele und Wünsche zu kalibrieren: Ist das, was ich mache, eigentlich das, was ich machen will?

Eine gesunde Selbstfürsorge ist in Krisen das Wichtigste”

Um es auf den Punkt zu bringen: Eine gesunde Selbstfürsorge ist gerade in Krisen das Wichtigste, was uns resilient hält. Aber das muss man trainieren, das fällt nicht vom Himmel. Das ist ein bisschen wie Muskeltraining. Wenn man ins Fitnessstudio geht und man merkt gar nichts, dann hat man meist auch kein Trainingseffekt. Oder auch wie im Flugzeug, wenn die Sicherheitshinweise kommen, dann werden wir aufgefordert, sich selbst zuerst die Sauerstoffmaske zu nehmen und erst dann anderen zu helfen. Und das sollten wir Ärzte jetzt beherzigen und bewusst einplanen. Nicht nur für uns, sondern auch, um für unsere Patientinnen und Patienten und für unsere Kollegen im Team fit zu bleiben.

Diese Angebote, von denen Sie berichtet haben, finden ja alle in der Schweiz statt. An wen können sich denn deutsche Ärzte mit ihren Problemen hinwenden?

Es ist sicher immer eine Möglichkeit, sich an die zuständigen Fachverbände und Berufsverbände zu wenden. Auch könnte es hilfreich sein, wenn man sich im Kollegenkreis spontan online verabredet und austauscht, also sich möglichst einfach selbst Hilfe organisiert. Dann gibt es natürlich auch viele Materialien im Internet, also Hilfe zur Selbsthilfe mit Videos zum Thema Resilienz und gesunde Selbstfürsorge. Und als meinen persönlichen Beitrag würde ich in der aktuellen Krise für Kollegen aus Deutschland, die vielleicht nicht wissen, an wen sie sich wenden können, ein kostenfreies Kurzzeit-Coaching anbieten.

Liebe Frau Dr. Werner, ganz herzlichen Dank für das Gespräch.

Dr. med. Sabine Werner und ihr Ehemann Jörg H. Werner sind Inhaber der W&W Beratungskontor AG in Arbon (CH). Schwerpunkt ihrer Arbeit sind Leadership und wertschätzende Führung, Selbst-, Zeit- und Zielmanagement, Stresskompetenz, Teamentwicklung und lösungs- und verhaltensorientierte Kommunikation. Weiterhin sind sie auf Coaching für Ärzte, Team-Trainings im Gesundheitswesen und Praxispositionierung spezialisiert. Sie vermitteln Wissen und Werkzeuge, damit Menschen erfolgreicher zusammenarbeiten und bringen dabei ihre Erfahrungen und Kompetenzen aus Gesundheitswesen, Erwachsenenbildung und Wirtschaft zusammen. Kontakt: office@beratungskontor.ch

Mehr Hören im coliquio-Podcast zum Thema Arztresilienz

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