03. Mai 2019

Berufliche Alternativen für Ärzte

Arzt als Consultant: Ein Erfahrungsbericht

Viele Ärzte sind glücklich in ihrem Beruf. Gleichwohl denken einige Mediziner über einen Branchenwechsel nach. So auch der Arzt Dr. Timo Kuschma: Er hat sich für eine Karriere als Unternehmensberater entschieden. Im folgenden Interview vergleicht er seine jetzige Tätigkeit mit der Arbeit als Arzt und erklärt, welche Eigenschaften aus seiner Sicht ein Berater mitbringen sollte.

Lesedauer: 4 Minuten

Interview und Redaktion: Dr. Nina Mörsch

Herr Kuschma, was hat Sie dazu bewogen, als Mediziner bei einer Unternehmensberatung tätig zu werden?

Ich wollte nach dem Studium an der Schnittstelle von Medizin, Technologie und Wirtschaft arbeiten. In der Unternehmensberatung hat man die Möglichkeit in interdisziplinären Teams an vielen spannenden und für die jeweiligen Unternehmen essenziellen Fragestellungen mitzuwirken. Dies hat mich gereizt.

Wie sind Sie mit McKinsey in Berührung gekommen?

Während meines Studiums habe ich an einem Förderprogramm von McKinsey teilgenommen und dadurch das Unternehmen, das Berufsbild und auch einige zukünftige Kolleginnen und Kollegen kennenlernen können. Jedem, der sich für die Unternehmensberatung interessiert, kann ich eine Teilnahme an solchen Programmen oder Veranstaltungen nur empfehlen. Diese gibt es auch für bereits berufstätige Interessenten, sogenannte „Professional Hires“.

Wenn Sie Ihre jetzige Tätigkeit mit der Arbeit als Arzt vergleichen – welche Gemeinsamkeiten gibt es, welche Unterschiede?

Die Herangehensweise beider Berufe – Arzt und Berater – sind relativ gut miteinander vergleichbar würde ich sagen. Beide analysieren ein Problem und leiten daraus „Diagnose“ und „Therapie“ ab. Ebenso wie der Arzt sicherstellen möchte, dass der Patient die Konsequenzen seiner Diagnose verstanden hat und seine Therapie mitumsetzen kann, möchten Unternehmensberater erreichen, dass die jeweiligen Empfehlungen von den Organisationen tatsächlich umgesetzt werden und zu Verbesserungen führen. In beiden Berufen arbeitet man viel mit Menschen. Die Unternehmensberatung ist ein sehr kommunikativer Beruf, auch wenn der direkte Kontakt mit den Patienten fehlt. Das Umfeld unterscheidet sich natürlich grundsätzlich: typischerweise arbeiten wir im Team von Montag bis Donnerstag direkt bei unseren Klienten vor Ort. Die Projekte und damit auch meistens die Teams wechseln im Schnitt alle drei Monate. Die Abwechslung sowie die Lernkurve ist entsprechend hoch.

War eine zusätzliche betriebswirtschaftliche Ausbildung nötig, um in die Beratungsbranche einsteigen zu können? Bzw. raten Sie dazu?

Ein Wirtschaftsstudium hilft, ist aber nicht notwendig. Etwa die Hälfte meiner Kolleginnen und Kollegen haben keinen wirtschaftswissenschaftlichen Hintergrund. Entsprechend gibt es Trainings wie den sogenannten Mini-MBA, der die Grundlagen der BWL vermittelt. Alles Wissen darüber hinaus vertieft man jeweils projektspezifisch.

Welche Aufgaben und Projekte betreuen Sie als Arzt bei McKinsey?

Meine Klienten kommen primär aus der Pharmaindustrie und der Medizintechnik sowie der Krankenversicherung. Inhaltich fokussiere ich mich dabei auf Digital und was wir Advanced Analytics nennen, also fortgeschrittene statistische Datenverarbeitungen wie maschinelles Lernen („Machine Learning“). Die Aufgaben hängen von der jeweiligen Rolle auf dem Projektteam ab. Als Arzt steigt man bei uns typischerweise als Associate ein und verantwortet einen eigenen Arbeitsbereich innerhalb des Gesamtprojektes. Als Projektleiter, meiner aktuellen Rolle, ist man quasi das Bindeglied zwischen dem Klienten und dem gesamten Projektteam inklusive Partnern. Wo sich der Associate vielleicht fragt „Wie setze ich meine Analyse am besten um?“, fragt sich der Projektleiter beispielsweise „Arbeitet das Team an den aktuell wichtigsten Fragestellungen? Sind wir mit dem Projektplan auf dem richtigen Kurs?“.

Welche Vorteile hat Ihnen das Medizinstudium für Ihren jetzigen Beruf gebracht?

Als Arzt hat man ein breites Verständnis über das Gesundheitswesens von biomedizinischen Grundlagen bis zu Abläufen im Krankenhaus erworben. Dieses Verständnis konnte ich auf vielen Projekten direkt anwenden. Darüber hinaus, schult das Medizinstudium ein analytisches Denkvermögen und die Fähigkeit große Mengen an komplexen Informationen schnell zu verstehen und in den richtigen Kontext zu setzen. Beides ist für die Arbeit in der Unternehmensberatung absolut hilfreich.

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Welche Eigenschaften und Skills sollte man mitbringen, wenn man als Berater arbeiten möchte?

Als konkrete Eigenschaften sind eine analytische Denkweise, ein gewisses Organisationstalent und die Fähigkeit in dynamischen Teams zu arbeiten, am wichtigsten. Wer eine starke intellektuelle Neugierde besitzt, dem wird die Abwechslung auf den Projekten sehr entgegenkommen.

Gibt es bestimmte Dinge und Situationen, die Sie im Arztberuf sehr schätzten und die Sie nun als Berater vermissen?

Der direkte Kontakt mit und die Dankbarkeit der Patienten ist wirklich besonders und ich glaube sehr schwer bis unmöglich in irgendeinem anderen Berufsfeld zu replizieren. Viele andere Aspekte wie eine praktische, klinische Tätigkeit sind natürlich sehr individuell zu berücksichtigen.

Könnten Sie sich vorstellen, wieder als Arzt zu arbeiten? Welche Hürden könnte es für einen Wiedereinstieg geben?

Auch zukünftig möchte ich an der technologischen Entwicklung im Gesundheitswesen mitwirken, weshalb ich mir einen Schritt zurück in eine rein klinische Tätigkeit schwer vorstellen kann. Ich denke solange man innerhalb von ein paar, vielleicht 1 bis 3 Jahren von der Beratung zurück in die Klinik wechselt, sind viele Inhalt noch da. Schwerer stelle ich mir eher den Systemwechsel vor. Die Arbeitsweise und Organisation in der Unternehmensberatung und der Klinik sind doch recht verschieden.

Wie hoch ist das Gehalt als Arzt in der Unternehmensberatung? Wie sehen die Karriereaussichten aus?

Zum Gehalt selbst kann ich keine Aussage treffen. Eine gute berufliche Karriere kann man natürlich in der Beratung selbst oder nach ein paar Jahren außerhalb davon machen. So haben wir Partner bei uns, welche Ärzte sind, aber auch ehemalige Kolleginnen und Kollegen, die jetzt als selbstständige Unternehmer oder in der Pharmaindustrie tätig sind – die Bandbreite an Optionen ist wirklich groß.

Welchen Rat haben Sie an Mediziner oder Medizinerinnen, die über einen Wechsel in eine Unternehmensberatung nachdenken?

Ich glaube das Wichtigste ist es sich bewusst damit auseinanderzusetzen, was einem persönlich am meisten Spaß macht und antreibt. Wer Spaß daran hat anspruchsvolle, wirtschaftliche Probleme zu lösen und seine klinische Tätigkeit nicht zu sehr missen wird, wird als Arzt mit der Unternehmensberatung sicherlich eine gute Option wählen. Mir hatte es damals in der Entscheidungsfindung sehr geholfen mit Ärzten/-innen in Unternehmensberatungen zu sprechen, um mehr über die konkrete Tätigkeit zu erfahren. Ein Praktikum oder die Teilnahme an Events und Informationsveranstaltungen können sich ebenfalls dazu eignen herauszufinden, ob die Unternehmensberatung zu einem passen könnte.

Zur Person: Dr. Timo Kuschma schloss sein Studium der Humanmedizin 2016 an der Universität Heidelberg ab. Unter anderem war er als Research Fellow im Bereich Krebsgenetik an der Stanford University (USA) tätig, seine Forschungsarbeiten dafür wurden am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg betreut. Seit 2017 arbeitet Timo Kuschma bei der Unternehmensberatung McKinsey, wo er derzeit als Junior Engagement Manager Unternehmen aus dem Gesundheitsbereich zu analytischen, strategischen und digitalen Themen berät. Mehr über eine Karriere bei McKinsey erfahren.

Titelbild: © iStock.com/anyaberkut

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