18. September 2020

Als Arzt in die Niederlande

Wie attraktiv ist das Land der Tulpen wirklich?

Kirsten Altvater hatte in Deutschland ihre eigene zahnärztliche Praxis, bis sie sich für eine Anstellung in einer Privatklinik im niederländischen Best (bei Eindhoven) entschloss. Wir haben mit ihr über die ärztliche Arbeit, das Leben und die Menschen in den Niederlanden gesprochen.

Lesedauer: 3,5 Minuten

Interview: Marina Urbanietz

Frau Altvater, weshalb haben Sie Deutschland verlassen?

Kirsten Altvater: Aufgrund einer Fehlinvestition musste ich 2009 meine Praxis in Meckenheim schließen. Gleichzeitig hat mich eine Bekannte auf eine Privatklinik in der Kleinstadt Best aufmerksam gemacht, in der ihr Partner bereits seit längerer Zeit arbeitete. Ich bewarb mich dort initiativ und habe die Zusage bekommen. So hat mein niederländisches Abenteuer vor 8,5 Jahren begonnen.

Wie haben Ihre niederländischen Kollegen und Patienten auf Sie reagiert?

Kirsten Altvater: Die Resonanz seitens der Kollegen und auch der Patienten war durchweg positiv. Alle waren eigentlich sehr freundlich.

Gab es sprachliche Barrieren?

Kirsten Altvater, Zahnärztin mit dem Schwerpunkt zahnärztliche Chirurgie und Implantologie
Kirsten Altvater, Zahnärztin mit dem Schwerpunkt zahnärztliche Chirurgie und Implantologie

Kirsten Altvater: Ja, für mich definitiv! Als ich in die Niederlande kam, konnte ich kein Wort Niederländisch sprechen. Ich habe dann während meiner Zeit in der Klinik berufsbegleitend einen 4-wöchigen Crashkurs absolviert, der von meinem Arbeitgeber bezahlt wurde. Danach ging es viel besser mit der Sprache, und die Menschen reagieren freundlicher, wenn sie in ihrer eigenen Sprache angesprochen werden.

Bei der Bewerbung wurde dennoch kein Sprachtest verlangt?

Kirsten Altvater: Nein, ein Sprachtest war keine Voraussetzung für den Job. Da die meisten Niederländer sehr gut Englisch sprechen, kann man sich sowohl mit den Kollegen als auch mit den Patienten auf Englisch gut verständigen. In unserer Klinik waren zudem die meisten Zahnarzthelferinnen aus Deutschland. Da sie jedoch bereits länger in den Niederlanden lebten, konnten sie bei sprachlichen Problemen mit den Patienten sehr gut helfen. (Anm. der Red.: Seit einiger Zeit ist ein Nachweis der niederländischen Sprachkenntnisse notwendig, um die sogenannte BIG-Registrierung zu erhalten. Mehr Informationen hierzu finden Sie hier >>)

Kann man von einem Ärztemangel in den Niederlanden sprechen?

Deutsche Ärzte in den Niederlanden. Quelle: Royal Dutch Medical Association 2

Kirsten Altvater: Als ich vor 8,5 Jahren in die Niederlande kam, wurden z. B. Zahnärzte dringend gesucht, aber eigentlich mangelte es an Fachärzten aller Fachrichtungen. Dazu muss ich sagen, dass es sich dabei meist um ländliche Regionen handelt. Großstädte und deren Umgebung haben in aller Regel ausreichend eigene Spezialisten. (Anm. der Red.: Vor allem in den nordöstlichen Regionen wie Drente, Groningen und Friesland herrscht nach wie vor ein Ärztemangel. 1 Insgesamt sind im niederländischen Gesundheitssystem aktuell knapp 600 deutsche Ärztinnen und Ärzte beschäftigt. Die Fachrichtungen mit den höhsten Zahlen finden Sie in der Tabelle links. 2)

Wie hoch sind die Gehälter im Schnitt?

Kirsten Altvater: Diese Frage kann ich nicht pauschal beantworten. Bei mir war das Nettogehalt in den Niederlanden ungefähr doppelt so hoch wie in Deutschland, u.a. auch dank der sogenannten „30%-Regelung“ (Anm. der Red.: Dabei handelt es sich um eine Lohnsteuerregelung, die die Einstellung hochqualifizierter ausländischer Arbeitnehmer in den Niederlanden attraktiver machen soll. Dadurch können 30% des Gehalts in Form einer steuerfreien Vergütung ausgezahlt werden. Mehr Informationen finden Sie hier >>).

Wie kommt man an die Stellenausschreibungen aus den Niederlanden?

Kirsten Altvater: Stellenausschreibungen gibt es auf jeden Fall im Internet, z. B. auf aerzteblatt.de oder für Zahnärzte auch auf zm-online.de. Zudem gibt es auch viele Ärztevermittlungsagenturen, die für Ärzte meist kostenlos sind. Sie können neben der Stellensuche auch bei Fragen zu bürokratischen Angelegenheiten oder landesspezifischen Besonderheiten behilflich sein. Ich fand diesen Service jedenfalls sehr nützlich und würde allen Kollegen ans Herz legen, ihn zu nutzen.

Wie schätzen Sie den bürokratischen Aufwand beim Jobwechsel in die Niederlande ein?

Kirsten Altvater: Als ersten Schritt müssen deutsche Kollegen eine BIG-Registrierung in den Niederlanden beantragen. Erst danach kann man hier als Arzt praktizieren. Da die Formulare englisch- und zum Teil sogar deutschsprachig sind und auch die Mitarbeiter in den Ämtern in der Regel gute Englischkenntnisse haben, war es sprachlich unproblematisch. Auch grundsätzlich kann ich sagen, dass der bürokratische Aufwand in den Niederlanden im Vergleich zu Deutschland ziemlich überschaubar ist. (Anm. der Red.: Weitere Informationen zur BIG-Registrierung (auf Englisch) finden Sie hier >>).

Worin unterscheidet sich das niederländische Gesundheitssystem vom deutschen?

Kirsten Altvater: In den Niederlanden ist jeder Patient wie ein Privatpatient zu behandeln. Patienten bezahlen vor Ort direkt nach Abschluss der Behandlung. Bei höheren Summen ist es üblich, dass die Hälfte bereits im Voraus bezahlt wird. Erst dann rechnen sie es mit ihrer Krankenkasse ab. Als Arzt kommt man mit den Versicherungen kaum in Kontakt.

(Anm. der Red.: In den Niederlanden hat sich das Prinzip des Primärarztsystems etabliert. Dabei sind Hausärzte fast für alle Patienten die erste Anlaufstelle, eine fachärztliche Behandlung ist nur über die Zuweisung des Hausarztes möglich. Auch eine freie Facharztauswahl ist in den Niederlanden im Gegensatz zu Deutschland nicht möglich. Die meisten Fachärzte sind in Kliniken tätig). 1

Welche Arbeitsmodelle sind in den Niederlanden möglich?

Kirsten Altvater: Neben der Festanstellung in einer Klinik oder einer Praxis sind viele deutsche Ärzte in den Niederlanden auch als Freiberufler tätig, d.h. sie arbeiten stundenweise in einer oder aber auch in verschiedenen Kliniken und Praxen. Es ist auf jeden Fall ein interessantes Model für Grenzgänger oder aber auch für Wochenendeinsätze für Kollegen, die ihren Arbeitsplatz in Deutschland nicht aufgeben möchten.

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Wie ist die Lebensqualität in den Niederlanden?

Kirsten Altvater: Die Niederlande sind zweifelsohne ein schönes Land – gerade für Naturfreunde gibt es hier viel zu entdecken. Auch die sogenannte Work-Life-Balance hat hier eine hohe Stellung. Dies bedeutet allerdings auch, dass alle Geschäfte (mit Ausnahme des Lebensmittelbereichs) bereits um 18 Uhr schließen. Da ich meist bis um 17 Uhr gearbeitet habe, war für mich ein Stadtbummel unter der Woche eher schwierig.

An dieser Stelle muss ich allerdings auch erwähnen, dass ich meinen Wohnsitz in Deutschland nicht aufgegeben habe und an den Wochenenden in Bonn war. Unter der Woche habe ich dann in Best in einer Pension gewohnt. Pendler erleben das Land doch noch etwas anders als diejenigen, die quasi endgültig auswandern.

Lebenshaltungskosten: Ist das Preisniveau grundsätzlich mit dem in Deutschland vergleichbar?

Kirsten Altvater: Grundsätzlich sind die Preise ähnlich wie in Deutschland. Eine Ausnahme stellen allerdings die Mieten dar. Ich habe die Mietpreise als sehr hoch erlebt, wobei es bestimmt auch von der jeweiligen Gegend abhängt.

Leben und arbeiten in den Niederlanden: Gibt es auch Nachteile?

Kirsten Altvater: Ich persönlich hatte Schwierigkeiten, Anschluss zu finden. Ich bin zwar abends rausgegangen und habe z.B. auch einen Yogakurs vor Ort besucht, um mit den Einheimischen in Kontakt zu kommen, aber richtige Freundschaften konnte ich leider nicht schließen. Auch dies hängt natürlich von vielen Faktoren ab: Ich war alleinstehend und dazu auch noch Pendlerin. Im Prinzip war ich nur unter der Woche in Best und am Wochenende bei mir Zuhause in Bonn. Ich denke auch, dass Kollegen, die mit Familien ausreisen, durch Partner und Kinder automatisch mehr Anschlussmöglichkeiten vor Ort haben.

Bei der Arbeit haben mich die unzähligen Versammlungen (sogenannte „vergaderingen“ auf Niederländisch) ehrlich gesagt etwas genervt. Dabei mussten sowohl die Klinikleitung als auch alle Kollegen anwesend sein (wir waren über 30 Zahnärzte). Dort wurden meist organisatorische Angelegenheiten lang diskutiert, jedoch wurden Entscheidungen trotzdem ausschließlich von der Klinikleitung getroffen. Der Sinn dieser Veranstaltungen erschließt sich mir auch heute nicht.

Was ist Ihr Rat an alle Kollegen, die sich für die Niederlande entscheiden möchten?

Kirsten Altvater: Wie ich bereits erwähnt habe, würde ich auf jeden Fall eine Vermittlungsagentur empfehlen. Ansonsten ist es wichtig, sich die zukünftige Arbeitsstelle im Detail vor Ort anzusehen und im besten Fall dort auch mit den Kollegen zu sprechen. Worauf wird bei der Arbeit in erster Linie Wert gelegt? Welche Qualitätsstandards sind etabliert? Mit welchen Laboren/anderen Kliniken arbeitet man zusammen? Wie ist die allgemeine Stimmung? Ein kurzer Aufenthalt vor Ort lohnt sich aus meiner Sicht definitiv.

  1. Gebhardt L. Als Arzt in die Niederlande – Gehalt, Arbeitsbedingungen, Lebensqualität. praktischArzt.
  2. Registratiecommissie Geneeskundig Specialisten (RGS, the Medical Registration Council). Royal Dutch Medical Association (KNMG).

Bildquelle: © GettyImages/Olena_Z

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