15. Juni 2018

Aus dem Kollegenkreis

Arzt an Bord: Wichtige Fragen und Antworten

Auf einem Langstreckenflug benötigt ein Passagier plötzlich medizinische Hilfe. Nicht jeder Arzt fühlt sich ausreichend gut auf diese Ausnahmesituation vorbereitet, wie die große Resonanz auf unseren Gastbeitrag “Herzstillstand an Bord: Empfehlungen für Ärzte“ gezeigt hat. Wir haben dies zum Anlass genommen, wichtige Fragen nochmals aufzugreifen.

Der folgende Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Jochen Hinkelbein, Klinik für Anästhesiologie und Operative Medizin am Universitätsklinikum Köln und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrtmedizin (DGLRM). Redaktion: Dr. Nina Mörsch.

Sehr geehrter Herr Prof. Hinkelbein, ein Notfall an Bord stellt für mitreisende Ärzte eine besondere Herausforderung dar. Muss man sich als Arzt immer melden?

“Jeder Arzt ist dazu verpflichtet, wie jeder andere Mensch auch, im Notfall anderen zu helfen. Diese Hilfeleistungspflicht gilt natürlich auch an Bord von Luftfahrzeugen. Hier gelten landesspezifische Regelungen, die aber überwiegend ähnlich wie in Deutschland oder Europa sind. Allerdings sollte und muss man keine Maßnahmen durchführen, die man nicht kann oder beherrscht. Von daher ist es gut, wenn man zumindest Basismaßnahmen durchführen kann.

Bei vielen Notfällen an Bord kann man auch bereits durch einfache Dinge helfen. So hilft manchmal nur ein beruhigendes Gespräch. Niemand sollte also Angst davor haben, zu helfen.”

Wie sieht die Situation aus, wenn man zuvor Alkohol getrunken hat?

“Das hängt natürlich von der Menge ab. Wer sich als fit einschätzt, sollte auch entsprechend seiner Möglichkeiten helfen. Wer sehr viel getrunken hat, sollte das offen sagen und dann muss man eine Güterabwägung treffen. Mitunter gibt es ja auch andere Ärzte an Bord, dann vermeidet man Probleme.”

Wie können sich Ärzte auf einen solchen Fall vorbereiten?

“Von einigen Fluggesellschaften werden Kurse zur Vorbereitung angeboten, das kann man als Arzt wahrnehmen – muss man aber nicht. Unabhängig von dieser Tatsache ist es immer gut einen Blick über den eigenen Tellerrand zu werfen und wenn man dabei einen solchen Kurs besucht, sich fortbilden kann und auch anderen Passagieren optimaler helfen kann, ist das doch eine sehr gute Kombination.”

Wie sind die „Notfallkoffer“ in Flugzeugen erfahrungsgemäß ausgestattet?

“Für die Vorhaltung medizinischer Notfallkoffer gibt es Vorgaben der Europäischen Flugsicherheitsbehörde (EASA) und weiterer Organisationen. Hier ist klar geregelt, was an Bord sein muss. Einige Fluggesellschaften haben darüber hinaus weitere Medikamente bzw. medizinische Produkte in den Koffern (FAK: First aid kit; EMK: Emergency medical kit).

Das bedeutet, dass es einen gesetzlichen Mindeststandard gibt, unter den niemand gehen darf. Darüber hinaus haben die Fluggesellschaften allerdings teils unterschiedliche Dinge in den Koffern.”

Gibt es Besonderheiten bei Fluggesellschaften anderer Länder, die man im Vorfeld kennen sollte?

“Prinzipiell gilt für medizinische Hilfeleistungen das Recht des Landes, in dem das Luftfahrzeug zugelassen ist. Sind dies die USA drohen oft ja hohe Schadensersatzforderungen. Für medizinische Hilfeleistungen im Notfall gilt in den USA allerdings der sogenannte Good Samaritian act. Dieser besagt, dass der Arzt vor Schadensersatzklagen geschützt ist, wenn er im Notfall unentgeltlich nach bestem Wissen und Gewissen hilft.

Soll heißen, unentgeltlich an Bord eines amerikanischen Flugzeugs zu helfen, ist im Wesentlichen unproblematisch und ohne Risiko. Wenn man dann allerdings danach Geschenke annimmt, könnte das unter Umständen problematisch werden, weil die Hilfe dann nicht mehr unentgeltlich ist.”

Haftung bei Behandlungsfehlern im Flieger

Um die Unsicherheit bei hilfsbereiten Ärzten zu reduzieren, haben einige Fluggesellschaften wie etwa die Lufthansa Haftpflichtversicherungen abgeschlossen, die mit Ausnahme von Vorsatz und grob fahrlässigem Handeln die ärztliche Tätigkeit absichern. Bei anderen Fluglinien besteht die Möglichkeit, sich vom Flugkapitän eine Enthaftungserklärung unterschreiben zu lassen. Umfassende Informationen zu rechtlichen Aspekten bei ärztlichem Handeln an Bord eines Flugzeugs, finden Sie in einem weiteren Beitrag.

Zur Person: Prof. Dr. med. Jochen Hinkelbein ist Geschäftsführender Oberarzt der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Universitätsklinikum Köln. Er ist außerdem Präsident der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrtmedizin (DGLRM) e.V., Fellow of the Aerospace Medical Association (FAsMA) sowie Schatzmeister der European Society of Aerospace Medicine (ESAM) und Chairman der Space Medicine Group der ESAM. Folgen Sie Prof. Dr. Hinkelbein hier oder per Twitter über @ProfHinkelbein.

Herzstillstand an Bord: Neue S2e-Leitlinie mit 29 Empfehlungen

Um Ärzte, Flugbegleiter und auch die Fluglinien besser auf einen Ernstfall an Bord vorzubereiten und das Behandlungsergebnis bei betroffenen Patienten zu verbessern, hat die Gesellschaft für Luft- und Raumfahrtmedizin (DGLRM) e.V. 29 evidenbasierte Empfehlungen in einer S2e-Leitlinie (in englischer Sprache) veröffentlicht. Eine Zusammenfassung der wichtigsten Empfehlungen lesen Sie einem weiteren Gastbeitrag von Prof. Dr. Hinkelbein hier.

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Bildnachweis: © iStock.com/guvendemir

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