06. Mai 2016

Suchtkranker Kollege: 6 Tipps wie Sie bei Verdacht richtig reagieren

Eine Suchterkrankung sich selbst oder gar anderen einzugestehen, fällt niemandem leicht – insbesondere Ärzten nicht, die durch die hohe berufliche Belastung besonders gefährdet sind: Angst vor Stigmatisierung sowie vor dem Verlust der beruflichen Existenz lässt viele schweigen. Dennoch bleibt die Sucht häufig nicht unbemerkt. Wie reagiert man als Kollege, wenn sich die Hinweise auf einen suchtkranken Arzt verdichten? Wo erhält man als Betroffener Hilfe, ohne Approbation und Ansehen zu verlieren? Erfahren Sie hier die Antworten.

Der vorliegende Beitrag wurde für Sie von Frau Dr. Nina Mörsch, coliquio-Redaktion, verfasst.

Suchtproblem von Ärzten: Kein seltener Fall

Ärzte sind weitaus stärker von Suchtkrankheiten betroffen als der Rest der Bevölkerung: Sie befinden sich häufig in Ausnahmesituationen und müssen Entscheidungen über Leben und Tod treffen. Außerdem haben sie leichten Zugang zu Suchtmitteln wie Opiate und andere Medikamente. Experten schätzen, dass rund 8 % der Ärzte in Deutschland eine Abhängigkeitserkrankung haben1 - die Dunkelziffer liegt vermutlich höher. Dabei gilt Alkohol als Suchtstoff Nummer eins, Medikamente hingegen als Suchtmittel zweiter Wahl. Frühere Untersuchungen bei 400 stationär in der Oberbergklinik behandelter Ärzte ergaben folgende Suchtmittelverteilung2:

  • Alkohol 50,3%
  • Medikamente 6%
  • BTM-Substanzen 5%
  • Alkohol + Medikamenten 30,7%
  • Alkohol + Medikamenten + BTM 3,5%
  • BTM + Medikamenten 2,8%

Existenzängste & falsches Selbstverständnis: Ärzte schweigen oft zu lange

Häufig dauert es sehr lange, bevor Betroffene Hilfe suchen. Aus Sicht von Dr. Klaus Beelmann, Geschäftsführender Arzt der Ärztekammer Hamburg, spielt neben dem Selbstverständnis des „unverwundbaren Helfers“, vor allem die Angst vor Aufdeckung eine große Rolle: Der Arbeitsplatz, die Approbation sind in Gefahr, Regresse oft die Folge. Dabei glaubt der Arzt meist, sich selbst gut unter Kontrolle zu haben – die Substanzwirkung vertieft diese Tendenz zur Einschränkung des Kritikvermögens. Häufig sind es deshalb Dritte, z.B. Kollegen, die aufgrund von Auffälligkeiten aktiv werden und die Kammer informieren.3

„Hilfe statt Strafe“: Entzug der Approbation erfolgt nur selten

Ärzte, die ihre Suchterkrankung melden, müssen nicht gleich den Verlust ihrer Approbation befürchten. Vielmehr bieten viele Ärztekammern eine anonyme Beratung ohne Meldung an die Aufsichtsbehörde an. Daneben erhalten Betroffene Unterstützung in Form eines strukturierten Behandlungs- und Betreuungsprogramms nach dem Prinzip „Hilfe statt Strafe“^3,4^: Ziel ist es, suchtkranken Ärzten zu helfen sowie die Sicherheit der Patienten zu gewährleisten. Nach dem Programm können die Ärzte wieder in den Job einsteigen, werden jedoch noch ein bis zwei Jahre von der jeweiligen Ärztekammer kontrolliert. Nur wenn sich der Betroffene trotz manifester Sucht nicht in Behandlung begeben will, die Therapie abbricht oder sich nicht an Vereinbarungen des Programms hält, dann wird die zuständige Behörde die Approbation sehr wahrscheinlich ruhen lassen oder entziehen. Gleichwohl schaffen es etwa drei Viertel der Betroffenen, die Suchtintervention erfolgreich abzuschließen.

Eine Übersicht der Ansprechpartner für suchtkranke Ärzte >> bei den einzelnen Landesärztekammern bietet die Bundesärztekammer an.

Einzelheiten zum Ablauf des Suchtinterventionsprogramms lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der Arzneimittelverordnung in der Praxis.

Bei Verdacht: Wie sollten Kollegen reagieren?

Nach Angaben des Psychiater und Psychotherapeuten Bernhard Mäulers weisen folgende Anzeichen klar auf einen suchtkranken Arzt hin1:

  • Vereinsamung, Rückzug,
  • nachlassende Korrektheit (Unpünktlichkeit, häufige Fehlzeiten, nachlässige Dokumentation),
  • Zunahme familiärer Probleme,
  • Gerüchte über Suchtprobleme.

Zwar ist der Gedanke „Ich möchte meinen Kollegen nicht verpetzen“ noch immer weit verbreitet. Doch falsch verstandene Kollegialität führe zur Koabhängigkeit und für den Betroffenen zur Chronifizierung seiner Suchterkrankung, so Experten. Wichtig sei es deshalb, frühzeitig den Betroffenen selbst anzusprechen und erst dann Vorgesetzte oder die Kammer zu informieren.3

6 Tipps, wie Sie bei Verdacht auf eine Suchterkrankung Ihres Kollegen reagieren

  1. Erkennen Sie Suchtprobleme als ernste gesundheitliche Bedrohung für die Kollegen, als potentielle Gefahr für ihre Patienten und für das Ansehen der Ärzte an.
  2. Gehen Sie jedem Vorwurf auf eine Suchterkrankung eines Kollegen nach.
  3. Sprechen Sie Betroffene selbst an und nennen Sie konkret auffällige Situationen, Gerüchte, Beschwerden. Sie sind nicht in der Beweispflicht, Sie nennen die Gründe für Ihre Besorgnis.
  4. Weisen Sie auf Ansprechpartner und Behandlungsmöglichkeiten hin (siehe oben).
  5. Geben Sie die Verantwortung für das Handeln dem Betroffenen, es sei denn, Sie sind der Vorgesetzte, dann können Sie die Durchführung geeigneter Maßnahmen verlangen.
  6. Lassen Sie sich nicht von Versprechungen oder auch Drohungen zur Vertuschung und zum Stillhalten verführen.

Erst der letzte Schritt: Meldung an die Kammer

Wenn alle aufgeführten Schritte nichts nutzen, müssten Ärzte, so Mäuler, aus der ärztlichen Verantwortung heraus, und im Interesse des Kollegen und seiner Patienten sollten Sie dann eine Meldung an die Kammer erwägen. Auch wenn dieser Schritt nicht leicht und gut zu überlegen ist, sollten Sie es als Ihre ethische Pflicht sehen, suchtkranke Kollegen nicht ohne Intervention weiterarbeiten zu lassen.1

  1. Bernhard Mäulen, Institut für Ärztegesundheit: Arzt und Sucht
  2. Via Medici, Thieme Verlag: Therapie von suchtkranken Ärzten
  3. Arzneiverordnung in der Praxis, Band 43, Heft 2, April 2016: Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft: Hilfe für Ärzte mit Abhängigkeitserkrankungen
  4. Ärztekammer Hamburg: Suchtinterventionsprogramm

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG.

coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigter Geschäftsführer:
Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653