31. Oktober 2018

Krankschreibung: 6 komplizierte Fälle aus der Praxis

Das Ausstellen einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung kann je nach Ausgangssituation für den Arzt zu einer Herausforderung werden. Wir haben für Sie einige knifflige Fälle aus der Praxis zusammengestellt.

Lesedauer: 3 Minuten

Redaktion: Dr. Nina Mörsch

1. Dürfen AU-Bescheinigungen rückwirkend ausgestellt werden?

Grundsätzlich sollte laut Arbeitsunfähigkeits-Richtlinie eine vor der ersten ärztlichen Konsultation liegende Zeit nicht bescheinigt werden.1 Eine Rückdatierung des Beginns der AU auf einen vor dem Behandlungsbeginn liegenden Tag ist nur ausnahmsweise und nur nach gewissenhafter Prüfung und in der Regel nur bis zu drei Tagen zulässig. Dasselbe gilt für eine Folgebescheinigung. Allerdings heißt es auch in der Richtlinie: “Erscheinen Versicherte entgegen ärztlicher Aufforderung ohne triftigen Grund nicht zum vereinbarten Folgetermin, kann eine rückwirkende Bescheinigung der Arbeitsunfähigkeit versagt werden. In diesem Fall ist von einer erneuten Arbeitsunfähigkeit auszugehen, die durch eine Erstbescheinigung zu attestieren ist.”

2. Kann ich eine Patientin rückwirkend arbeitsunfähig schreiben, wenn sie vor zwei Wochen im Auslandsurlaub erkrankt ist?

Nein, lautet die Antwort der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein.2 Auch hier gilt: Eine AU-Bescheinigung kann maximal drei Tage rückwirkend ausgestellt werden. Arbeitnehmer, die im Ausland erkranken, müssen ihrem Arbeitgeber und ihrer Krankenkasse die Arbeitsunfähigkeit, deren voraussichtliche Dauer sowie ihre Adresse am Aufenthaltsort schnellstmöglich mitteilen. Zu empfehlen ist eine formlose AU-Bescheinigung eines ausländischen Arztes vor Ort.

3. Ein Patient war bis vorgestern arbeitsunfähig, gestern hat er gearbeitet, fällt aber heute wegen derselben Erkrankung wieder aus. Stellen wir nun eine Erst- oder eine Folgebescheinigung aus?

Es wird eine Erstbescheinigung ausgestellt, da der Patient – wenn auch kurzfristig – arbeitsfähig war. Die AU-Richtlinie sagt hierzu: “Die Voraussetzung für das Fortbestehen einer lückenlosen Arbeitsunfähigkeit für die Beurteilung eines Anspruchs auf Krankengeld ist, dass die ärztliche Feststellung der weiteren Arbeitsunfähigkeit wegen derselben Krankheit spätestens am nächsten Werktag nach dem zuletzt bescheinigten Ende der Arbeitsunfähigkeit erfolgt.” Ein Samstag zählt dabei nicht als Werktag.

4. Ein Patient wurde von einem anderen Facharzt bis gestern krankgeschrieben, heute ist er wegen einer anderen Erkrankung bei mir. Welche Bescheinigung stelle ich aus?

Gemäß der AU-Richtlinie stellen Ärzte auch in diesem Fall eine Erstbescheinigung aus, da es sich um getrennte Arbeitsunfähigkeitszeiten mit unterschiedlichen Diagnosen handelt.

5. Ein Patient ruft an, er könne krankheitsbedingt nicht selbst zur Abholung der AU in die Praxis kommen. Was tun?

Grundsätzlich muss eine ärztliche Untersuchung die Grundlage einer Krankschreibung sein. Bieten Sie ihm alternativ einen Hausbesuch an oder erklären Sie dem Patienten, er solle am nächsten Tag vorbeikommen.4 Dann stellen Sie die AU rückwirkend aus (siehe oben). Entsprechend dürfen auch nicht Ehepartner oder gar Nachbarn ohne Weiteres eine AU abholen. Dies ist nur in sehr individuellen Fällen vertretbar, etwa wenn Patienten palliativ sind oder der Arzt nicht abkömmlich ist, erläutern Experten.3 Tipp: Sollten Sie in einem ganz speziellen Fall aufgrund eines Telefonats eine AU ausstellen, lassen Sie diesen Vorgang unbedingt von der MFA dokumentieren.

6. Muss ich zur Wiedereingliederung auch eine AU-Bescheinigung ausstellen?

Ja, denn Patienten gelten auch während einer Wiedereingliederung als arbeitsunfähig im Sinne der AU-Richtlinie.2

In diesen Fällen besteht keine Arbeitsunfähigkeit

Arbeitsunfähigkeit liegt nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns nicht vor

  • bei Erkrankung eines Kindes. Ist das Kind unter zwölf Jahren alt, können Sie Muster 21 ausstellen. Das ist die ärztliche Bescheinigung für den Bezug von Krankengeld bei Erkrankung eines Kindes. Wenn ein Elternteil krank ist und das Kind nicht betreuen kann, darf ebenfalls nicht der andere Elternteil krankgeschrieben werden. Unter Umständen kann in dieser Situation bei der Krankenkassen eine Haushalthilfe beantragt werden, sofern das Kind unter zwölf Jahren ist.
  • für Zeiten, in denen ärztliche Behandlungen zu diagnostischen oder therapeutischen Zwecken stattfinden, ohne dass diese Maßnahmen selbst zu einer Arbeitsunfähigkeit führen,
  • bei Inanspruchnahme von Heilmitteln (z.B. physikalisch-medizinische Therapie)
  • bei Teilnahme an ergänzenden Leistungen zur Rehabilitation oder rehabilitativen Leistungen anderer Art (Koronarsportgruppen u. A.),
  • bei Durchführung von ambulanten und stationären Vorsorge-und Rehabilitationsleistungen, es sei denn, vor Beginn der Leistung bestand bereits Arbeitsunfähigkeit und diese besteht fort oder die Arbeitsunfähigkeit wird durch eine interkurrente Erkrankung ausgelöst,
  • wenn Beschäftigungsverbote nach dem Infektionsschutzgesetz oder dem Mutterschutzgesetz (Zeugnis nach §3 Abs. 1 MuSchG) ausgesprochen wurden,
  • bei kosmetischen und anderen Operationen ohne krankheitsbedingten Hintergrund und ohne Komplikationen,
  • Diagnoseangaben nach Kapitel XXI -ICD-10-GM rechtfertigen keine AU, da es sich nicht um Krankheiten handelt.

1. G-BA: Arbeitsunfähigkeits-Richtlinie, Stand 20. Oktober 2016
2. Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein, 02.10.2018: Aktuelle Fragen an die Serviceteams – und deren Antworten: Antworten zum Thema Krankschreiben
3. Medical Tribune: Was Sie schon immer übers Krankschreiben wissen wollten
4. Kassenärztliche Vereinigung Bayerns: Merkblatt Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung

Titelbild: © iStock.com/deepblue4you

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