13. September 2016

Klinikarzt in Elternzeit: So erleiden Sie keinen Karriereknick

Als Klinikarzt in Elternzeit zu gehen, ohne einen Karrierebruch zu erleiden, ist keine Selbstverständlichkeit: So berichten viele Mediziner, nach ihrer Rückkehr an Aufgaben und Verantwortung eingebüßt zu haben. Lesen Sie hier, welche Angelegenheiten Beschäftigte und ihre Vorgesetzten vor und während der Elternzeit regeln sollten, damit die beruflichen Perspektiven gesichert bleiben.

Laut einer an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) durchgeführten Befragung unter Klinikangestellten beklagen viele Ärzte, vor allem weibliche Führungskräfte, nach ihrer Elternzeit an „Macht“ und „Einfluss“ verloren zu haben. Die Konsequenz: Mediziner nach der Elternzeit wechselten doppelt so häufig ihre Arbeits­stelle als Angestellte, die nicht in Elternzeit waren, schreibt Erstautor Dr. Carsten Engelmann, Chefarzt der Kinder­chirurgie am Klinikum Brandenburg (früher MHH). Zudem sei es für Ärzte signifikant schwieriger nach der Pause in Teilzeit einzusteigen als etwa für Nicht-Mediziner. Mit welchen Problemen schwangere Ärztinnen im Krankenhaus zu kämpfen haben, wurde bereits hier auf coliquio rege diskutiert.

Sicherer Wiedereinstieg birgt Vorteile für die Klinik

Dabei appelliert das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) in einer Broschüre an Arbeitgeber, Elternzeit nicht als Ausstieg zu begreifen, sondern vielmehr für eine sichere Rückkehr engagierter Mitarbeiter zu sorgen. Als Gründe nennt das Ministerium:

  • Erfahrung und Wissen eines qualifizierten Mitarbeiters lassen sich nicht so einfach ersetzen.
  • In vielen Krankenhäusern spielt Elternzeit aufgrund des hohen Frauenanteils eine wesentliche Rolle.
  • Der Weggang eines engagierten Arztes bedeutet für die Klinik finanzielle Einbußen: Nach Schätzungen der Prognos AG muss das Unternehmen je nach Einkommen der zu ersetzenden Person für die Einstellung von Ersatz­personal und dessen Qualifizierung mit Kosten zwischen 9.500 bis 43.000 Euro rechnen.

Elternzeit und Wiedereinstieg schrittweise planen

Für eine sichere Rückkehr empfiehlt Engelmann vor der Elternzeit verbindliche Absprachen zu machen und diese schriftlich niederzulegen. Das Bundesfamilienministerium rät zu einem schrittweisen Vorgehen:

1. Schritt: Gespräch im Vorfeld

  • Dokumentation des Status Quo des Mitarbeiters vor der Elternzeit: Vor der Pause sollte der aktuelle Arbeitsbereich mit allen Aufgaben und Verantwortlichkeiten genau definiert werden.
  • Rückkehrvereinbarung festlegen: Um einen „Weggegangen – Platz vergangen“-Effekt zu verhindern, empfiehlt Engelmann, die voraussichtliche Dauer der Elternzeit anzusprechen und das zukünftige Tätigkeitsfeld zu bestimmen.
  • Klare Vertretungsregelung schaffen: Um Mißverständnisse zu vermeiden, sollten der Aufgabenbereich des vertretenden Kollegen genau definiert und die Dauer der Vertretung zeitlich begrenzt werden.
  • Teilzeitmodelle in Betracht ziehen: Die Möglichkeit einer flexiblen Teilzeit erleichtert einen schnellen Wiedereinstieg. Erste Überlegungen zu Arbeitsumfang und Arbeitszeiten nach der Pause helfen bei der längerfristige Planung. Daneben empfiehlt Engelmann Arbeitgebern, Mittel wie z.B. intrainstitutionelle Zuwendungen, umzuwidmen, um Arbeitsausfälle für das Unternehmen zu kompensieren.

2. Schritt: Kontakt halten & in Weiterbildung investieren

Damit Mitarbeiter auch während der Elternzeit über betriebliche Veränderungen auf dem Laufenden bleiben, sollten sie weiterhin Kontakt mit der Klinik halten. Informationen erhalten sie beispielsweise über das Intranet, die Mitarbeiterzeitung oder über Kollegen. Viele Krankenhäuser ermöglichen Beschäftigten zudem, während der Elternzeit phasenweise zu arbeiten. So bleiben die Ärzte inhaltlich und praktisch weiter „am Ball“. Und wer während der Pause an Weiterbildungsmaßnahmen teilnimmt, erspart sich möglicherweise spätere Qualifizierungsmaßnahmen.

3. Schritt: Rückkehrgespräch

Rückkehrgespräche sollten frühzeitig vor dem Wiedereinstieg stattfinden. Die Universitätsklinik Tübingen schreibt hierfür ihre Mitarbeiter etwa 6 Monate vor Ende der Elternzeit an. Folgende Stichworte dienen zur Gesprächsvorbereitung:

  • Möglicher Rückkehrtermin und Beschäftigungsumfang beim Wiedereinstieg
  • Verteilung der Arbeitszeit: Stunden pro Tag/Woche, gibt es Schichten/Zeiten, die gar nicht möglich sind?
  • Wunsch-Einsatzorte/Alternative
  • Klärung noch offener Fragen zum Wiedereinstieg
  • Bedarf oder Notwendigkeit an Fort- und Weiterbildungen, die den Wiedereinstieg erleichtern?
  • Schnupptertage/-stunden erwünscht?

Übrigens: Ausländische Kliniken setzen auf eine Bindung des Elterngeldes an väterliche Beteiligung

Dass sich auch in der Klinik Beruf und Familie vereinbaren lassen, beweist laut Engelmann der Ländervergleich: So betrug die Fluktuationsrate in Zürich nur die Hälfte des deutschen Wertes. Im norwegischen Universitätskrankenhaus übertraf allein der Anteil der männlichen Elternzeit-Ärzte an der Gesamtbelegschaft den Anteil aller Mediziner in Elternzeit an der MHH. Neben einer ausgeprägten Praxis, Vertreter einzustellen, wirksam durchgesetzten Anti-Diskriminierungsregeln und Teilzeit-Modellen, setzen die Kliniken hier außerdem auf eine Bindung der Elterngeldzahlung an väterliche Beteiligung.

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