07. Juli 2021

Meinung

KBV-Konzept 2025: Kurswechsel bei Delegation und Digitalisierung?

Im Mai hat die KBV ein Konzeptpapier zur Ausgestaltung der künftigen ärztlichen Versorgung vorgelegt. Der Beitrag von Hans-Joachim A. Schade, Fachanwalt für Medizinrecht, zeigt Hürden und Probleme auf und wirft einen Blick auf konkrete Durchführungsvarianten.

Lesedauer: 3,5 Minuten

Ärztlicher Führungsanspruch verspielt?

Das KBV-Konzept 2025 vom 3. Mai 2021 gibt für unternehmerisch denkende Ärztinnen und Ärzte Grund zum Nachdenken, denn die Schlüsselbotschaft lautet: Wenn die Ärzteschaft sich nicht radikal zur Digitalisierung und Delegation entscheidet, verliert das KV-System seinen bisherigen Führungspart und die Politik gestattet massive Patientenabwanderungen zu nichtärztlichen, in Zukunft akademisierten Heilhilfsberufen.1

Wohin steuert der neue Kurs?

Richtungsweisend ist dabei der Untertitel des KBV-Konzeptes: Strukturen bedarfsgerecht anpassen – Digitalisierung sinnvoll nutzen. Verkürzt könnte man auch daraus lesen: Wir stehen an der Wand! Wer der Bankrotterklärung der eigenen Berufspolitik nicht glaubt, sollte gleichzeitig das Positionspapier des GKV-Spitzverbandes zur Digitalisierung von Gesundheit und Pflege lesen.

Mit Digitalisierung und Delegation lassen sich viele Funktionen von Ärzten bei Patienten ersetzen, die bisher von Ärzten höchstpersönlich erbracht wurden. Das heißt, die Gesellschaft kann mit weniger Behandelnden mehr Erkrankte intensiver und besser versorgen. Eine Wahrheit, die aber keiner hören möchte. Mit Fernbehandlung und Telemonitoring kommt die bisherige analoge Praxisstruktur ins Wanken.

Die wichtigste Machtänderung basiert in der Entscheidung des Gesetzgebers, dem Gesundheitsministerium die Möglichkeit zu geben, bei der gematik-GmbH, die für die Digitalisierung im Gesundheitswesen Deutschlands zuständig ist, 51% der Anteile auf den Bund zu konzentrieren und damit den Gesundheitsminister zum Nachteil der Stimmrechte von Ärzte-/Zahnärzteschaft und gesetzlicher Krankenversicherung zum Mehrheitsgesellschafter zu machen.

Über den Autor:
Hans-Joachim A. Schade ist Fachanwalt für Medizinrecht und Wirtschaftsmediator von der Rechtsanwaltskanzlei “Broglie, Schade & Partner GbR” mit den Sitzen in Wiesbaden, Berlin und München.

Schluss mit der Selbstverwaltung?

Mit der Gesetzesänderung wurde die gematik GmbH durch die jetzt anstehende umfassende Digitalisierung zum entscheidenden Akteur des Gesundheitswesens. Dabei hat die gematik GmbH nicht nur eine Regulierungs- und Steuerungsfunktion, sondern sie soll auch unternehmerisch tätig sein und eine direkte Schnittstelle zu elektronischer Patientenakte und zu elektronischem Rezept erhalten. Über diese Schnittstellen kontrolliert die gematik GmbH indirekt auch das gesamte Gesundheitswesen mit Pharmastrukturen, Krankenkassen und KVen. Die gematik GmbH und damit das Gesundheitswesen hat somit anstelle der Selbstverwaltung den unmittelbaren Zugang zu den Versicherten.

Direktabrechnung durch nichtärztliche Heilhilfsberufe

Das Thema Delegation konnte die KBV lange verhindern. Historisch gesehen war es eine Großtat, einem ärztlichen Überangebot die Rahmenbedingungen einer Berufsfunktion zu schaffen, die trotz der Überzahl von über 10.000 ausgebildeten ärztlichen Akademikern in den 1980er-Jahren die Möglichkeit gab, ein gutes Auskommen zu finden.

Nun haben sich Vertreter akademisierter Pflege und Physiotherapie für die direkte Heilkundetätigkeit an Patientinnen und Patienten in Form von Direktabrechnung mit den Krankenkassen stark gemacht. Kommt es künftig aufgrund von Versorgungsengpässen zu solchen Direktabrechungen, würde dies innerhalb von 5 Jahren zu einem massiven Einbruch der Patientenzahlen vieler Praxen führen.1

Abwanderung bei Rückenschmerz und chronisch Erkrankten?

So leiden rund 36,9% der Hausarztpatientinnen und -patienten unter Rückenschmerzen und könnten sich direkt in die Physiotherapie begeben – zu Lasten von hausärztlich und orthopädisch Tätigen. Chronisch Kranke könnten sich an die jetzt schon immer besser ausgebildete Pflege wenden, die in Zukunft noch stärker akademisiert werden sollen. Genau wie der neue gesetzlich eingeführte Physican-Assistant die Möglichkeit erhalten könnte, hausärztliche Funktionen zu übernehmen.2

Im Konzept 2025 schlägt die KBV für ihre neue Haltung und Positionierung eine Anpassung der Anlage 5 Bundesmanteltarifvertrag Ärzte mit der Delegationsbeschreibung vor. Gleichzeitig soll es zu einer neuen Beschreibung des hausärztlichen Versorgungsauftrages kommen. Zugleich muss sie einräumen, dass ihre kritische bzw. ablehnende Positionierung zur Delegation dazu geführt hat, dass die Ärzteschaft aktuell von Gesundheitspolitikern nicht mehr als konstruktiver Partner gesehen wird. Verkürzt formuliert: die Berufspolitiker der ärztlichen Selbstverwaltung haben die jetzigen Besitzstände an stabilen Fallzahlen und Einkommensstrukturen durch ihre Blockadepolitik bei Digitalisierung und Delegation bereits verspielt.1

Sieht die KBV eine Lösung in diesem schwierigen Szenario?

Nach KBV Konzept 2025-Einschätzung sollten sich haus- und fachärztlich Tätige der Grundversorgung insbesondere bei chronisch Erkrankten weit mehr als bisher ärztlich entlastender und ärztlich unterstützender Delegation bedienen. Das Ziel ist die Entwicklung multiprofessioneller ärztlich geleiteter und verantworteter Teams. Diese sollen Patientenversorgung anbieten, die auch Physiotherapie und Pflege umfassen und so die Versorgung von Altenheimen und die Hausbesuchsstrukturen für den ländlichen und sozialschwachen Raum sicherstellen.1

Mehrere Praxen als Arbeitgeber nichtärztlichen Personals

Die KBV glaubt, der Aufwand an Personal würde von der Größenordnung wie auch von Führungskonzept und Organisation durch multiprofessionelle Angestellte die Mehrheit der Praxen im Sinne eines Alleinarbeitgebers überfordern. Hierfür will die KBV neue Vergütungslösungen mit den Krankenkassen verhandeln und auch unterstützende Berufsbilder wie den Fall-Manager/Case-Manager integrieren.1

Wie soll die Praxisstruktur konkret verändert werden?

Auf die Frage, wie die Praxisstruktur im Rahmen des neuen KBV-Konzepts 2025 konkret verändert werden soll, geht Hans-Joachim A. Schade im zweiten Teil des Beitrags ein. Zum zweiten Teil >>

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