24. März 2018

Interview mit Dr. Christoph Turowski

Sterbehilfe: “Wenn es mein Gewissen fordert, kann ich nicht ausweichen”

Der Berliner Hausarzt Dr. Christoph Turowski musste sich wegen Sterbehilfe vor Gericht verantworten. Im Gespräch mit Christoph Renninger, coliquio-Redaktion, schildert er den Fall seiner Patientin, die Gerichtsverhandlung und seinen Standpunkt zum Selbsttötungsparagrafen §217 StGB. (Gesamtlesedauer: 7 Minuten)

Herr Dr. Turowski, Sie wurden wegen „Tötung auf Verlangen durch Unterlassen“ angeklagt. Am 8. März hat das Landgericht Berlin Sie freigesprochen. In welcher Situation befand sich die von Ihnen betreute Patientin?

Ich hatte Frau Anja D. 13 Jahre hausärztlich wegen eines schwersten Reizdarmsyndroms betreut, wie ich es in meiner ärztlichen Tätigkeit noch nie erlebt hatte. Sie hatte alle möglichen Therapien versucht, auch viele alternativmedizinische Behandlungen, aber nichts hat geholfen.

Dazu kam die psychische Belastung durch die chronischen Schmerzen. Die Patientin war mehrmals in ambulanter Psychotherapie, inklusive Psychoanalyse, und zweimal in psychosomatischen Rehabilitationskliniken. Die Frau war wirklich verzweifelt und hatte bereits fünf Suizidversuche unternommen.

Wie hat die Patientin Ihnen ihren Sterbewunsch mitgeteilt? Welche Art des Vorgehens wählten Sie?

Die Patientin kam zu mir in die Praxis und bat um Unterstützung beim Sterben. Sie war seelisch und körperlich am Ende und auch entschlossen einen Gewaltsuizid zu begehen. Aufgrund des lange Jahre bestehenden, vertrauensvollen Arzt-Patienten-Kontakts hat sie, vielleicht, geahnt, dass ich ihr die Hilfe nicht verweigern werde.

Für mich war es eine schwere Entscheidung, doch wenn es mein ärztliches Gewissen fordert, kann ich nicht ausweichen. Hätte ich später vom Gewaltsuizid erfahren, wäre das auch sehr belastend für mich gewesen.

Ich habe ihr dann Privatrezepte für Phenobarbital, ein starkes Beruhigungsmittel, geschrieben. Die Patientin hatte jederzeit die Tatherrschaft. Sie hat mich inständig gebeten, sie zu begleiten und mir die Schlüssel zu ihrer Wohnung gegeben.

Wie war der Ablauf als Sie die Nachricht der Patientin erhalten hatten, dass sie die Medikamente eingenommen habe?

Bereits einen Tag später kam die SMS mit der Nachricht „Habe alles geschluckt“. Ich bin zwei Stunden später hingefahren und fand die Frau im tiefen Koma. Unglücklicherweise hat sich das Sterben 58 Stunden hingezogen, was überhaupt nicht zu erwarten war. Ich bin drei Mal am Tag in die Wohnung gefahren, in der Hoffnung, sie habe es jetzt geschafft.

Haben Sie während der Sterbebegleitung weitere Maßnahmen getroffen?

Nein, diese waren mir ausdrücklich untersagt worden. Ich durfte nicht gegen den erklärten Willen der Patientin handeln. Das wäre strafbar und auch moralisch-ethisch inakzeptabel gewesen. Ich habe nichts unternommen und sie nur beobachtet.

Dr. Christoph Turowski (68) ist Arzt für Innere Medizin und war 30 Jahre in seiner Hausarztpraxis in Berlin-Steglitz tätig. Seit 2,5 Jahren ist er im Ruhestand. Seinen Fall schildert er auch in einem Brief an seine ärztlichen Kollegen.

Wie verlief die Zeit bis zum Eintritt des Todes?

Nachdem die Mutter der Patientin zwei Tage nach der Tabletteneinnahme durch ihren Anruf in der Praxis von mir informiert worden war, schien sie die Situation zu akzeptieren. In der folgenden Nacht rief sie jedoch erneut an und teilte mir mit, dass sie gerade die Polizei alarmiert hätte.

Ich bin dann schnellstens zur Wohnung gefahren und noch vor der Polizei eingetroffen. Anja D. war inzwischen verstorben. Nach der Leichenschau habe ich den Leichenschauschein ausgefüllt. Dabei habe ich das Kästchen „natürlicher Tod“ angekreuzt und als Todesursache Tablettenintoxikation und Nierenversagen angegeben. Dieses Kreuzchen hat mich dann in Schwierigkeiten gebracht.

Weshalb hat die Angabe zu den Ermittlungen geführt?

Bei der zweiten Leichenschau sind die Angaben aufgefallen und wurden, ohne Rücksprache mit mir, an die Staatsanwaltschaft zur Ermittlung weitergegeben.

„Natürlicher Tod“ ist ein Begriff, der nirgendwo definiert ist. Werden Tabletten in suizidaler Absicht eingenommen ist ja die natürliche Folge, dass der Mensch dann stirbt.

Wenn der Tod als „nicht natürlich“ angegeben wird, dann muss die Polizei ermitteln, was eine sehr unschöne Situation für die Angehörigen und auch für die ermittelnden Kriminalbeamten darstellt. Dies wollte ich vermeiden, außerdem lag keine strafbare Handlung vor.

Die wichtigsten News der Woche im Video

Videodauer: 2 Minuten.

Podcastdauer: 43 Minuten.

Bildquelle: ©iStock.com/BCFC

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG.

coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653