16. Juli 2015

Hirntod-Diagnostik: Die 4 wichtigsten Aspekte der neuen Richtlinie

Bevor Organe für eine Transplantation entnommen werden dürfen, muss der „Hirntod“ als sicheres Zeichen für den Tod des Spenders festgestellt werden. Weil in Einzelfällen Zweifel an der korrekten Hirntod-Diagnose aufgetreten waren, hat die Bundesärztekammer nun die Regeln zur Diagnostik des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls verschärft. Damit Sie am Thema Organspende interessierte Patienten fundiert informieren können, haben wir hier die wesentlichen Neuerungen der überarbeiteten Richtlinie zusammengefasst.

Die vierte Fortschreibung der Richtlinie gemäß § 16 Abs. 1. Transplantationsgesetz (TPG) für die „Regeln zur Feststellung des Todes und die Verfahrensregeln zur Feststellung des endgültigen, nicht behebbaren Ausfalls der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms“ wurde vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer er­stellt. Nach Genehmigung durch das Bundesgesundheitsministeriums Ende März erhielt die Neufassung mit der Veröffentlichung im Deutschen Ärzteblatt nun Gültigkeit.

Ziel der Neufassung: Ängste vor falscher Todesfeststellung nehmen

Die mit einer Organspende verbundenen Entnahmekriterien führen bei möglichen Spendern und Angehörigen mitunter zu tiefgreifenden Unsicherheiten. Meldungen über den fehlenden Nachweis des Hirntods eines Spenders in einer Entnahmeklinik schüren diese Ängste zusätzlich. Ziel dieser Neufassung ist deshalb, möglichen Unsicherheiten und Ängsten in diesem sensiblen Feld der Intensivmedizin entgegenzuwirken und so bei möglichen Spendern und deren Angehörigen das Vertrauen in die richtlinienkonform durchgeführte sichere Todesfeststellung zu stärken.

Unverändert obligat ist weiterhin ein dreistufiges Vorgehen:

  • Feststellung der Voraussetzungen, also des zweifelsfreien Nachweises einer akuten schweren primären oder sekundären Hirnschädigung sowie der Ausschluss reversibler Ursachen.
  • Feststellung der Bewusstlosigkeit (Koma), der Hirnstamm-Areflexie und der Apnoe.
  • Nachweis der Irreversibilität durch klinische Verlaufsuntersuchungen nach den vorgeschriebenen Wartezeiten und/oder durch ergänzende Untersuchungen.

1. Neuer Titel: „Irreversibler Hirnfunktionsausfall“ anstelle von „Hirntod“

In der neuen Richtlinie wurde der bislang gängige Begriff „Hirntod“ durch die präzisere medizinisch-wissenschaftlich Bezeichnung „irreversibler Hirnfunktionsausfall“ ersetzt. Da der umgangssprachliche Begriff „Hirntod“ nach Ansicht des BÄK-Präsidenten Dr. med. Frank Ulrich Montgomery zu Missverständnissen geführt habe, sei eine sprachliche Klarstellung der begrifflichen Bezüge sehr wichtig: Mit dem endgültigen, nicht behebbaren Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms sei naturwissenschaftlich-medizinisch der Tod des Menschen festgestellt.

2. Neue apparative Methoden: Duplexsonographie und Computertomographie-Angiographie

Neu Eingang gefunden haben zwei apparative Methoden für den Nachweis des zerebralen Zirkulationsstillstandes – die in der klinischen Praxis etablierten Verfahren der Duplexsonographie und die Computertomographie-Angiographie (CTA). Letztere darf nur erfolgen, wenn die Untersuchung von einem Facharzt für Radiologie mit mehrjähriger (mindestens zwei Jahre) Erfahrung in neuroradiologischer Diagnostik kontrolliert und beurteilt wird.

3. Verschärfte Anforderungen an Ärzte: Facharztanerkennung notwendig

Die formalen und praktischen Anforderungen an die Qualifikation der durchführenden Ärzte wurden präzisiert: Danach müssen die diagnostizierenden Ärzte von nun an Fachärzte sein, die – wie bisher auch – über eine mehrjährige Erfahrung in der Intensivbehandlung von Patienten mit akuten schweren Hirnschädigungen verfügen. Daneben sind Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten erforderlich, um

  • die Indikation zur Diagnostik eines irreversiblen Hirnfunktionsausfalls zu prüfen,
  • die klinischen Untersuchungen durchzuführen und
  • die angewandte apparative Zusatzdiagnostik im Kontext der diagnostischen Maßnahmen beurteilen zu können.

Außerdem gibt die Richtlinie vor, dass mindestens einer der zwei unabhängig voneinander untersuchenden Ärzte Facharzt für Neurologie oder Neurochirurgie ist. Bei Kindern bis zum vollendeten 14. Lebensjahr muss zudem mindestens einer Facharzt für Kinder­/Jugendmedizin sein.

Damit sichergestellt ist, dass nur qualifizierte Ärzte den irreversiblen Hirnfunktionsausfall feststellen und dokumentieren, muss die ärztliche Qualifikation auf einem Protokollbogen bestätigt werden. Auch der Name des Arztes, der den Bericht über den Befund der ergänzenden Untersuchung und die Beurteilung unterschrieben und damit die Verantwortung dafür übernommen hat, ist hier zu dokumentieren. Die Musterprotokollbögen sind Anlagen der Richtlinie.

4. Neuerung: Kliniken sollen Verfahren zur Qualitätssicherung einführen

Krankenhäuser, in deren Auftrag die den irreversiblen Hirnfunktionsausfall feststellenden und protokollierenden Ärzte (Fachärzte) tätig werden, werden ebenfalls stärker in die Pflicht genommen: Sie müssen in einer Arbeitsanweisung (standard operating procedures, SOP) festlegen, wann und wie die Diagnostik veranlasst wird und dass deren Durchführ­ung richtliniengemäß erfolgt. Dies gilt insbesondere für ein Entnahmekrankenhaus gemäß § 9a TPG. Darüber hinaus wird Ärzten die regelmäßige Teilnahme an qualitätsfördernden Maßnahmen empfohlen. Dabei ist ihnen freigestellt, welche Verfahren sie auswählen. Geeignet seien etwa freiwillige Peer-Review-Verfahren, ärztliche Qualitätszirkel oder Audits.

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