10. Juni 2016

HIV-PEP nach Nadelstichverletzung: Das sollten Sie beachten

Bei der Blutabnahme eines Patienten mit HIV sticht sich Ihre Medizinische Fachangestellte mit der Hohlnadel durch den Handschuh hindurch in die Hand. Jetzt ist schnelles Handeln gefragt, da die Gefahr einer HIV- oder gegebenenfalls einer Hepatitis-Übertragung besteht. Erfahren Sie im folgenden Beitrag, wie Sie nach einem solchen Vorfall vorgehen und welche präventiven Sofortmaßnahmen Sie ergreifen sollten.

Stichverletzung – und dann? Erste Hilfe nach dem Pieks

Kommt es im Praxis- oder Klinikalltag bei der Blutabnahme eines Patienten mit bekannter HIV-Infektion zu Nadelstich- oder Schnittverletzungen des medizinischen Personals, so sollte der Blutfluss keinesfalls unterbunden werden. Ihre MFA sollte die Hände mit Wasser und Seife waschen oder die Wunde mit einem Ethanol-haltigen Hautantiseptikum oder Händedesinfektionsmittel wie Betaseptic® spülen.1-3

Postexpositionsprophylaxe gegen HIV: Das rät die HIV-Leitlinie

Die HIV-PEP sollte direkt nach dem Stich erfolgen, spätestens aber innerhalb von zwei Stunden nach einer potentiellen oder bekannten Virenexposition. Bereits 72 Stunden, spätestens aber drei Tage nach Exposition ist eine PEP nicht mehr sinnvoll. Alternativ kann dann ein HIV-Antikörpertest (drei und acht Wochen nach Exposition) oder bei ent­sprechender klinischer Symptomatik eine HIV-PCR durchgeführt werden. Zudem sollten Sie bei einer nachgewiesenen Virämie eine frühzeitige Therapie in Erwägung ziehen.1-3

Die Deutsch-Österreichische Leitlinie „Postexpositionelle Prophylaxe der HIV-Infektion“ empfiehlt als Standardprophylaxe der HIV-PEP:2

  • Isentress® 400 mg 1-0-1 und Truvada® 245/200 mg 1-0-01,2 oder alternativ
  • zu Isentress®: Protease-Inhibitor Kaletra® (Lopinavir) 200/50 mg 2-0-2, z.B. bei Schwangerschaft1,2
  • zu Truvada®: Combivir® 300/150 mg 1-0-11,2

Die Prophylaxe sollte über einen Zeitraum von 28 bis 30 Tage eingenommen werden. Längere Verabreichungszeiträume können bei massiver Kontamination und/oder einem Prophylaxebeginn länger als 36 bis 48 Stunden nach der Exposition und Experten­konsultation in Erwägung gezogen werden.2

Unter der HIV-PEP werden Kontrollen nach zwei, sechs und zwölf Wochen empfohlen. Tritt gegen Ende der PEP oder drei Monate nach Exposition ein akutes, fieberhaftes Krankheitsbild auf, so sollten Sie auf eine primäre Infektion untersuchen und bei negativem Antikörpertest eine HIV-PCR durchführen.2

CAVE: Der Gebrauch von HIV-PEP ist ein Off-Label-Use: Die Einnahme der Erstdosis kann durch niedergelassene Ärzte initiiert werden. Die Indikation zur HIV-PEP sollten Sie jedoch unbedingt mit erfahrenen Zentren abklären. Den Starter-Kit mit der Einmaldosis Isentress® und Truvada®, der kommerziell nicht erhältlich ist, kann über den Zusammen­schluss niedergelassener Ärzte bestellt werden.1

Postexpositionsprophylaxe gegen Hepatitis: Das rät die STIKO

Neben dem Risiko der HIV-Übertragung besteht bei einer Nadelstichverletzung auch die Gefahr der HBV- und/oder HCV-Infektion. Um zu entscheiden wie hinsichtlich des Risikos einer Hepatitis-Übertragung verfahren wird, ist die serologische Testung des Index­patienten und des medizinischen Personals erforderlich. Die Virologie sollte wie folgt durch­geführt werden:1

Arzt und Personal1

  • Hepatitis B geimpft: Anti-HBs,
  • Nicht Hepatitis B geimpft: Anti-HBc,
  • falls unklarer Hepatitis B-Impfstatus: Anti-HBc + Anti-HBs.
  • Anti-HCV, Anti-HIV-1/2

Indexpatient1

  • Anti-HCV, wenn positiv: HCV-PCR,
  • HBsAg: nur falls Hepatitis-B-Immunität unklar ist.

Wichtig: Die serologische Untersuchung auf HIV bedarf der Einwilligung des zu Testenden.2

Die ständige Impfkommission (STIKO) des Robert-Koch-Instituts empfiehlt folgende Präventivmaßnahmen:

Hepatitis B

Nach einer Stichverletzung sollte laut STIKO eine postexpositionelle Prophylaxe in Form einer Hepatitis-B-Impfung und eventuell HB-Immunglobulin gegeben werden insofern: 1,3,4

  • kein sicherer Impfschutz gegen HBV besteht,
  • der Impftiter kleiner als 100 IE/l ist,
  • oder die letzte Impfung länger als zehn Jahre zurückliegt (Boosterung).

Die Immunisierung sollte zeitnah nach dem Stich erfolgen.

Hepatitis C

Da derzeit keine Postexpositionsprophylaxe gegen HCV zur Verfügung steht, empfiehlt das RKI nach einer Stichverletzung: 3,5

  • den Anti-HCV-Titer sowie Alaninaminotransferase (ALT) als Ausgangswert unmittelbar nach dem Stich zu bestimmen.5
  • das HCV-RNA-Transkript nach zwei bis vier Wochen zu bestimmen und bei negativem PCR-Ergebnis die Testung sechs bis acht Wochen nach Exposition zu wiederholen.5
  • Anti-HCV und ALT nach zwölf und 26 Wochen wegen der Serokonversion zu bestimmen. Bei pathologischem Ergebnis sollten Sie eine HCV-RNA-Untersuchung durchführen.5

Bei einer nachgewiesenen akuten Infektion sollten Sie entsprechend den RKI-Empfeh­lungen eine Therapie mit Interferon alpha oder pegyliertem Interferon alpha einleiten. Nur so können Sie eine Chronifizierung verhindern.5 Hepatitis-Nachuntersuchungen sollten in der Regel sechs Wochen, drei und sechs Monaten nach der Verletzung durchgeführt werden.1

Wichtig: Denken Sie unbedingt auch an die Dokumentation des Arbeitsunfalls. Kontakte zu Blut oder infektiösem Material sind nicht meldepflichtig, jedoch übernehmen Träger der gesetzlichen Unfallversicherungen in der Regel die Kosten für Testung und PEP. Eine Unfallanzeige muss gestellt werden, falls der Vorfall eine mehr als dreitägige Arbeitsun­fähigkeit verursacht.1,2

Vorsorge ist besser als Prophylaxe und Nachsorge: Tipps und vorbeugende Maßnahmen zur Verhinderung von Stichverletzung finden Sie bei uns auf coliquio.

  1. Wicker S und Rabenau HF.;Springer. MMW Fortschritte der Medizin 2015.19/ Jg. 157: Nadelstichverletzung
  2. Deutsche AIDS-Gesellschaft e.V.; Stand Mai 2013: Deutsch-Österreichische Leitlinien zur Postexpositionellen Prophylaxe der HIV-Infektion
  3. Bundesministerium für Arbeit und Soziales: STOP-Nadelstich. Prävention von Schnitt- und Nadelstichverletzungen
  4. Robert-Koch-Institut 34/2013: Epidemiologisches Bulletin
  5. RKI-Ratgeber für Ärzte: Hepatitis C

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