01. Juli 2017

Geständnis eines Arztes: Von Sucht, Suizidgedanken und dem Weg zurück

Burn-out, Depressionen und Alkoholsucht – für einen US-Arzt endet diese Spirale fast mit Suizid. Doch er schafft den steinigen Weg zurück ins Leben. Erfahren Sie hier, welche sechs Lektionen ihm dabei geholfen haben. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)   

Dieser Beitrag basiert auf einer Veröffentlichung im “New England Journal of Medicine”1 und wurde von Dr. Nina Mörsch redaktionell aufbereitet.

„Ich heiße Adam. Ich bin Mensch, Ehemann, Vater und pädiatrischer Palliativmediziner. Ich war lange depressiv und stand kurz vor dem Selbstmord. Heute bin ich ein trockener Alkoholiker.“ So beginnt das überraschende Bekenntnis des Kinderarztes im Vortragssaal der Indiana University School of Medicine, Indianapolis vor 200 Kollegen.

Über viele Monate hinweg habe er sich missbraucht, überarbeitet, vernachlässigt und unterschätzt gefühlt. Er verfiel in Depressionen und konnte nur noch mit Hilfe von Alkohol einschlafen. Vor sieben Jahren stand er kurz davor, Selbstmord zu begehen. Doch nachdem sich zwei Kollegen das Leben nahmen, entschied er sich, nicht mehr länger zu schweigen und seine Geschichte anderen Ärzten zu erzählen. Seinen Mut und seine Offenheit honorierte das überraschte und bewegte Auditorium mit stehendem Applaus.

Folgende sechs Lektionen hat der Arzt auf seinem Weg zurück ins Leben gelernt:

Lektion 1: Selbstfürsorge steht an erster Stelle

Wenn man anderen helfen möchte, muss man sich zunächst um sich selbst kümmern, erklärt Dr. Hill. „Ich habe hart gearbeitet, um Selbstwahrnehmung zu entwickeln und meine eigenen Gefühle zu erkennen. Im beruflichen und auch privaten Leben habe ich Grenzen gezogen und die Prioritäten entsprechend meiner Bedürfnisse neu gesetzt.“

Um im stressigen und belastenden Arztberufs resilient zu bleiben, nutzt der Kollege Psychotherapien, Meditation, Achtsamkeitsübungen, Selbsthilfegruppen, Sport – sowie heiße Duschen.

Lektion 2: Stereotype Vorstellungen ablegen

Das Bild vom faulen und aggressiven Alkoholiker ist in der Gesellschaft weit verbreitet, so Dr. Hill. Doch als Betroffener spürt man die Demütigung selbst und lernt daraus, Menschen mit anderen Augen zu sehen. „In meinen Therapiesitzungen habe ich die verschiedensten Personen kennengelernt, vom Obdachlosen bis hin zum Manager“, erzählt der Arzt. Ihm wurde klar, dass sich hinter jedem Schicksal eine einzigartige Geschichte verbirgt. Ärzte sollten sich deshalb privilegiert fühlen und es nicht als selbstverständlich ansehen, wenn Patienten ihnen davon erzählen.

Lektion 3: Stigmatisierung beenden

Treffen wir auf Menschen mit psychischen Problemen, dann neigen wir dazu, wegzuschauen oder mit Mitleid zu reagieren. Nur so ist es aus Sicht des Kinderarztes zu erklären, weshalb medizinische Einrichtungen tolerieren, dass über die Hälfte des Personals ein Burn-Out aufweist. Gleichzeitig würden dort Bedingungen gefördert, die es unmöglich machten, gesund zu bleiben. Zudem gelten Ärzte mit mentalen Gesundheitsproblemen häufig als schwach. Diese weitverbreitete Haltung sei beschämend und wirke verletzend, betont Adam Hill. „Sie tötet unsere Freunde und Kollegen. Es liegt nun an uns, sie zu verändern“.

Lektion 4: Verwundbarkeit offen zugeben

Als Reaktion auf das scheinbar perfekte Leben anderer – etwa auf Facebook zur Schau gestellt – verbergen wir häufig unser wahres Ich, räumt Dr. Hill ein. Gerade Ärzte befürchteten Stigmatisierung und berufliche Nachteile, wenn sie offen zugeben, verwundbar zu sein. Dabei überwiegen die Vorteile von Authentizität die Risiken weitaus, weiß der Pädiater aus eigener Erfahrung: „Wir vergessen, dass aus Rückschlägen Kreativität, Innovation, Entdeckung und Resilienz entstehen können. Verwundbarkeit lässt uns persönlich wachsen.“ Zudem trage Offenheit dazu bei, wahre Freunde und Unterstützer zu erkennen.

Auch dieser Beitrag könnte Sie interessieren:
Resilienz im Arztberuf: So bleiben Sie gesund >>

Lektion 5: Professionalität und Patientensicherheit wahren

Ärzte tragen eine hohe Verantwortung gegenüber ihren Patienten. Kollegen mit einer akuten Erkrankung, die aus Scham und Angst keine Hilfe suchen, könnten deshalb zu einer Gefahr für die Patientensicherheit werden, betont Adam Hill. Anstatt betroffene Ärzte zu stigmatisieren, sollte man sich um sie kümmern. Nur mental gesunde Ärzte könnten sicher und effektiv arbeiten, so der Arzt.

Lektion 6: Sicherheitsnetz aufbauen

„Mein Netzwerk war die Grundlage meiner Genesung“, erklärt der Palliativmediziner. Angefangen mit dem Ehepartner und weiteren Familienangehörigen hat er nach und nach weitere Personen ins Vertrauen gezogen. Dazu zählen Therapeuten, Selbsthilfegruppen und Kollegen. Diese Menschen könnten einen aufrichten, wenn man hinfällt. Außerdem sorgen sie laut Hill dafür, dass man seinen persönlichen und beruflichen Anforderungen treu bleibt.

„Heute bin ich ein besserer Arzt“

Ohne Zweifel habe ihn sein langer und schwieriger Weg zurück ins Leben zu einem besseren Arzt gemacht, resümiert Dr. Hill.  Erst durch das Erlebte habe er Ebenen des Mitgefühls und der Empathie erreicht, die vorher nicht zugänglich waren.

Diese Themen könnten Sie auch interessieren:

Wie reagiert man als Kollege, wenn sich die Hinweise auf einen suchtkranken Arzt verdichten? Wo erhält man als Betroffener Hilfe, ohne Approbation und Ansehen zu verlieren? Hier erfahren Sie die Antworten.
Zum Beitrag >>

Bei akuten Mangelzuständen gilt es, das Vitamindefizit zeitnah und mit der richtigen Kombination auszugleichen. Lesen Sie in dieser Übersicht, was eine Vitamin-B-Fixkombination hier leisten kann und wie es laut „The Lancet“ um die Evidenz steht.
Zum Beitrag >>

Patienten mit einer koronaren Herzerkrankung (KHK) sind oft verunsichert und haben Angst vor anstrengenden und damit eventuell schmerzauslösenden Alltagssituationen.
Zum Beitrag >>

Adam B. Hill, M.D. Breaking the Stigma — A Physician’s Perspective on Self-Care and Recovery. N Engl J Med 2017; 376:1103-1105

Medical Tribune, 15.05.2017: Mentale Gesundheit von Ärzten: Mein Name ist Dr. Hill und ich bin Alkoholiker

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG.

coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653