25. Februar 2017

Fehlinterpretierte Todeszeichen: Notärztin bricht Reanimation zu früh ab

Eine Notärztin wird zu einem bewusstlosen Mann gerufen. Aufgrund fehlinterpretierter Todeszeichen nimmt sie den Hirntod des Patienten an und bricht die Reanimation ab. Erfahren Sie hier, welche Fehler der Ärztin juristische Konsequenzen nach sich zogen.

Der folgende außergewöhnliche Fall wurde in der Fachzeitschrift “Der Anaesthesist 11 -2016“ vorgestellt und hier von Dr. Nina Mörsch redaktionell aufbereitet.

Bewusstloser 38-Jähriger mit Verdacht auf Herzinfarkt

Die Notärztin wird zu einem bewusstlosen Mann gerufen. Nachbarn hatten bereits Wiederbelebungsversuche unternommen. Sie geht von einem Herzinfarkt aus und führt die Reanimation unter Gabe von 25 mg Epinephrin fort.

Ein Schnarchgeräusch des Patienten führt sie als „agonische Atembewegung“ auf die Epinephringabe zurück. Auf der Grundlage eines EKG-Ausdrucks („Nulllinie“), angesichts einer vermeintlich fehlenden klinischen Reaktion auf die Reanimation sowie vor allem wegen des ausbleibenden Eigenpulses geht sie davon, dass der Hirntod bereits eingetreten ist. Sie bricht die Reanimation ab, stellt eine vorläufige Todesbescheinigung aus und verlässt den Ort.

Zwanzig Minuten später wird der tatsächlich noch lebende Mann durch einen anderen Notarzt erfolgreich wiederbelebt. Doch der Patient hat bereits eine schwerwiegende Hirnschädigung erlitten.

Strafverfahren gegen die Ärztin

Die Staatsanwaltschaft leitet ein Ermittlungsverfahren gegen die Ärztin wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung ein. Doch da sich kein Kausalnachweis zwischen dem fehlerhaften Reanimationsabbruch und dem eingetretenen Hirnschaden feststellen lässt, wird das Verfahren nach dem Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“ eingestellt.

Zivilprozess: Klage der Angehörigen auf Schmerzensgeld erfolgreich

Nach der Verfahrenseinstellung erheben indes die Angehörigen Klage beim Zivilgericht gegen die Notärztin und den Zweckverband für Rettungsdienst auf Zahlung von Schadensersatz und Schmerzensgeld. Da in Bayern Notärzte jedoch zivilrechtliche Haftungsprivilegien genießen, kann sich die Klage nur gegen den Zweckverband richten.

Ein fachanästhesiologischer Gutachter stellt folgende Fehler fest:

  • Lückenhafte und widersprüchliche Dokumentation: Die im Protokoll der Leitstelle, im Notarztprotokoll und auf dem EKG-Ausdruck dokumentierten Zeiten enthalten Diskrepanzen bezüglich des Beginns der Reanimation. Zudem hatte die Notärztin zwar eine Asystolie vermerkt – dies entsprach aber nicht dem laut EKG-Protokoll vorliegenden Rhythmus.
  • Vermeintliche Todeszeichen falsch interpretiert: Das EKG hat bis zum Entfernen eine deutliche Herzaktivität angezeigt, was nicht mit dem Befund eines sterbenden Patienten vereinbar ist. Zudem sei es unzulässig, eine Reanimation aufgrund eines fehlenden Pulses abzubrechen. Gleiches gelte auch für den Einwand, es hätten weite und lichtstarre Pupillen vorgelegen. Diese könnten Folge der (in Abweichung von Leitlinien und damit zu hoch verabreichten) Epinephrindosis sein.  Desweiteren hat die Notärztin die „agonischen Atembewegungen“ nicht berücksichtigt, die indizierten, dass die Reanimation weitergeführt werden müsse. Die Ärztin hätte zwingend einen Diagnosefehler in Erwägung ziehen müssen.
  • Behandlungsfehler und Abweichen von Reanimationsrichtlinien: In verschiedenen Punkten hat die Notärztin gegen die gültigen Richtlinien verstoßen und aus ärztlicher Sicht nicht nachvollziehbar auf die Reanimation verzichten.

Überforderung und Stress führten zu „Fixierungsfehler“

Da die Notärztin offensichtliche Zusammenhänge ignoriert und an ihrer einmal getroffenen Entscheidung festgehalten hatte, geht der Gutachter von einem „Fixierungsfehler“ aus. Dieser sei häufig ein Hinweis auf Überforderung und Stress.   

Auf Grundlage des Gutachtens geht das Gericht schließlich von einem groben Behandlungsfehler der Notärztin aus. Da die Beklagtenseite nicht beweisen kann, dass die Hirnschädigung auch bei fortgeführter Reanimation eingetreten wäre, haftet der Verband und muss an den Patienten 400.000 Euro Schadensersatz zahlen.

3 Schlußfolgerungen

Einsatzprotokolle gewissenhaft ausfüllen
Gemäß dem Grundsatz: „Nur, was dokumentiert ist, gilt als erfolgt“ gehen Fehler bei der Dokumentation im Zivilverfahren beweisrechtlich zulasten der Behandlerseite.

Leit- und Richtlinien befolgen und umsetzen
Zwar könnten Richtlinien nicht mit den zur Beurteilung eines Behandlungsfehlers gebotenen medizinischen Standards gleichgesetzt werden. Sie werden aber von Sachverständigen als Bewertungsgrundlage verwendet. Abweichungen sollten deshalb fachlich begründet sein.

Ergebnisse von Strafverfahren und Zivilprozess können divergieren
Bestehen Unsicherheiten bezüglich der Kausalität, so führt dies in der Regel zur Einstellung eines Strafverfahrens. Im Zivilprozess hingegen gehen entsprechende Unsicherheiten bei groben Behandlungsfehlern zulasten der Behandlungsseite.

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Quellen:

RA Dr. jur. P. Schelling: Im Visier des Staatsanwalts: Juristische Fallstricke in der Notfallmedizin
Der Anaesthesist Ausgabe 11/2016

Bildquelle: istockphoto.com, Urheberrecht: Maica

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