17. Dezember 2017

Aus dem Kollegenkreis

Als Arzt neue Medien effektiv nutzen: Mein Erfahrungsbericht

Die Digitalisierung wird die Medizin und die Arzt-Patienten-Kommunikation verändern. Welche Rolle werden Ärzte zukünftig spielen? Und wie können Sie digitale Medien jetzt schon für sich effektiv nutzen? Dr. Stefan Waller, Facharzt für Kardiologie, gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen. (Lesedauer: 3 Minuten)

Der folgende Beitrag wird vertreten durch Dr. Stefan Waller, Facharzt für Kardiologie und Innere Medizin. Redaktionelle Umsetzung: Marina Urbanietz.

Von Patienten, die nicht zuhören

Während meiner Ausbildung zum Kardiologen habe ich an einer großen, maximal versorgenden Klinik mit Begeisterung viele Herzkatheteruntersuchungen durchgeführt. Und wenngleich unbestritten ist, dass die Perkutane koronare Intervention (PCI) im akuten Herzinfarkt Leben rettet und wohl zu den sinnvollsten Eingriffen der modernen Medizin gehört, ist dies bei der stabilen Koronaren Herzkrankheit (KHK) schon ganz anders.

Dass wir mit Stents und Ballons das Fortschreiten der Erkrankung nicht aufhalten können, zeigt schon die Tatsache, dass Deutschland bezüglich der Mortalität der KHK nur im europäischen Mittelfeld liegt, obwohl wir mit ca. 800.000 Herzkatheteruntersuchungen pro Jahr „Herzkatheterweltmeister“ sind oder zumindest waren.  Doch was nützt der teuerste Stent, wenn der Patient nicht verstanden hat, wieso er neben der ihm gut bekannten Acetylsalicylsäure (ASS) noch einen weiteren Plättchenhemmer einnehmen soll und daher sechs Wochen später mit einer Stentthrombose wieder „auf der Matte“ steht?

Von Ärzten, die keine Zeit für Patientengespräche haben

Hier sind wir Ärzte in der Verantwortung, unseren Patienten die entsprechenden Informationen verständlich näher zu bringen. Doch genau hier scheitert unser derzeitiges Gesundheitssystem, da wir in ständiger DRG-getriggerter Zeitnot nicht mehr ausreichend Zeit für unsere Patienten finden.  

So wurde das Dr. Heart Projekt geboren

Diese frustrierende Situation hat mich vor drei Jahren letztlich zur Entwicklung meiner „Dr. Heart Webseite“ geführt. Die Grundidee war simpel: Die wichtigsten Basisfakten zu den großen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lebensstilfaktoren und Medikamentengruppen in einfacher und verständlicher Form (kurze Texte und Videoclips) interessierten Patienten zur Verfügung zu stellen.

Mittlerweile habe ich auf meiner Webseite und meinem Dr. Heart YouTube-Kanal über 120 Videos, in denen ich versuche, in einfacher Sprache ohne Medizinerfloskeln „Herzmedizin für alle“ anzubieten. In meinen Augen kann nur der gut informierte Patient seine Erkrankung bestmöglich in den Griff bekommen.

Demokratisierung der Medizin längst überfällig?

Natürlich ist mein Dr. Heart-Projekt nur ein Beispiel von vielen anderen digitalen Arzt-Patient Produkten, die Gesundheitskompetenz fördern und zu einer gewissen „Demokratisierung“ der Medizin führen.

In der Vergangenheit wurde der globale medizinische Wissensschatz durch eine kryptische Nomenklatur, die ohne die wohlwollende Übersetzung eines Mediziners schlicht nicht zugänglich war, vor dem Zugriff interessierter Laien „geschützt“. Diese Zeiten sind nun zum Glück vorbei. Die Digitalisierung schafft Transparenz! Der mündige Patient findet heute im Netz eine Unmenge hochwertiger und laienverständlich aufbereiteter Informationen, die es ihm ermöglichen, aktiv an seinem Gesundungsprozess zu partizipieren und die beste verfügbare Behandlung zu finden.

Mündige ePatienten vs. Dr. Google-Syndrom

Und denjenigen von Ihnen, die jetzt empört das „Dr. Google-Syndrom“ ins Feld führen, der Patient sei aufgrund der Informationen aus dem Netz nur verwirrter und verunsicherter als vorher, kann ich nur entgegenhalten: Es liegt nicht zuletzt in unserer Verantwortung, unsere Patienten durch das Internetdschungel zu führen, die qualitativ hochwertige Quellen oder Gesundheits-Apps zu empfehlen oder selber aktiv zu werden und Inhalte von tatsächlichem Patientenmehrwert zu entwickeln und digital zur Verfügung zu stellen.

Zukunft der Medizin: Keine „Versklavung“ durch „digitale Superhirne“

Ich möchte zum Schluss noch einen kleinen Ausblick in die digitale Zukunft der Medizin wagen. Unser Arztberuf wird sich grundlegend wandeln. Von uns Ärzten zu Recht beklagte bürokratische medizinfremde Aufgaben, die uns vom eigentlichen Patientenkontakt fernhalten, werden zunehmend durch digitale Systeme und Algorithmen gelöst. Dies wird aber auch für einfache und später zunehmend komplexe Diagnosepfade gelten.

Müssen wir nun die baldige Arbeitslosigkeit und „Versklavung“ durch die „digitalen Superhirne“ fürchten? Ich denke, nein. Im Gegenteil. Vielleicht kann, so paradox es zunächst klingt, die Digitalisierung und die Übernahme von vielen logisch-analytischen medizinischen Aufgaben die von vielen verständlicherweise vermisste menschliche Komponente in unserem Gesundheitssystem sogar zurückgeben. Denn da, wo Prozesse automatisiert und durch Algorithmen übernommen werden, wird auch menschlich-medizinische Kompetenz wieder für ureigene medizinisch-fürsorgliche Aufgaben frei.

Gesundheitscoach statt „Gott in Weiß“

Der Arzt wird seinen Status als „Gott in Weiß“ verlieren, aber er wird als Gesundheitscoach auf Augenhöhe mit dem selbstbewussten und zunehmend gesundheitskompetenten Patienten eine wirklich fruchtbare Arzt-Patienten-Beziehung eingehen können. Hier wird er als Vermittler in einem komplexen Gesundheitssystem durch Algorithmen generierte Diagnosen und Therapievorschläge „menschlich“ in die Lebensrealität seiner Patienten übersetzen und integrieren. Am Ende könnte also der „Human Factor“ in der Medizin durch die Digitalisierung seine Renaissance erleben.

Ich erinnere mich noch sehr gut an eine Werbekampagne aus meiner Kindheit, die für den damals sehr verhassten Beton mit dem eingängigen Spruch „Es kommt darauf an, was man daraus macht!“ warb. Ich finde, dieser Spruch passt noch viel besser zur Digitalisierung. Packen wir sie an!

Dr. Stefan Waller ist Facharzt für Kardiologie und Innere Medizin und arbeitet in einer kardiologischen Facharztpraxis in Berlin. Zudem bietet er als Dr. Heart auf Facebook und YouTube gesundheitsrelevante Informationen für interessierte Laien.

Kürzlich hat Dr. Waller den multimedialen Ratgeber “Der Dr. Heart Herzcoach: Herzinfarkt verhindern, besser und bewusster leben” veröffentlicht. Die wichtigsten Botschaften aus dem Buch werden durch die begleitenden Videos der AR-App unterstützt.
Zukünftig sind auch einige interessante Projekte in Zusammenarbeit mit der coliquio-Medizinredaktion geplant. Abonnieren Sie uns jetzt auf Facebook und YouTube, um unsere Projekte nicht zu verpassen.

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Titelbild: iStock. Bildnachweis: xijian.

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