04. April 2017

Cannabis auf Rezept: 10 wichtige Fragen zur Verordnung

Seit dem 10. März ist Cannabis in Deutschland erstmals verschreibungsfähig. Doch darf jeder Arzt Cannabis verschreiben? Und wie erfolgt die Dosierung? Hilfreiche Informationen zur Verordnung geben unsere Gastautoren Dr. Franjo Grotenhermen und Prof. Dr. Kirsten Müller-Vahl.

1. Wer darf Cannabis verordnen?

Alle Ärzte, die Betäubungsmittel verschreiben dürfen, dürfen auch Cannabisblüten, Cannabisextrakte und cannabisbasierte Medikamente verschreiben. Zahnärzte und Tierärzte sind allerdings nicht berechtigt. Die für die Verschreibung notwendigen Betäubungsmittelrezepte können Ärzte bei der Bundesopiumstelle in Bonn >> anfordern.

2. Wem kann Cannabis verordnet werden?

Cannabisblüten und -extrakte können für jede Indikation verordnet werden, bei der sich Arzt und Patient einen Behandlungserfolg erhoffen. Als etablierte Indikationen gelten chronische Schmerzen, Muskelspasmen bei MS, Appetitlosigkeit, Übelkeit , Erbrechen sowie das Tourette-Syndrom.

Hinweise auf positive Wirkungen bestehen daneben für neurologische, dermatologische (Neurodermitis, Psoriasis, Akne inversa, Hyperhidrosis), ophthalmologische (Glaukom) und internistische (Arthritis, Colitis ulzerosa, Morbus Crohn) sowie psychiatrische Erkrankungen und Symptomen wie Depressionen, Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörung, ADHS und Schlafstörungen.

3. Was ist, wenn die Krankenkasse der Kostenübernahme nicht zustimmt?

Die derzeit geltenden rechtlichen Rahmenbedingungen ermöglichen in allen begründeten Fällen die Verschreibung von Cannabisarzneimitteln. Die Kostenübernahme durch die Krankenkassen ist keine zwingende Bedingung für die Verschreibung. Soll die Behandlung allerdings zu ihren Lasten erfolgen, muss die Kostenübernahme vor Therapiebeginn beantragt werden. Solange keine Zusage der Kostenübernahme vorliegt, können entsprechende Medikamente auf einem privaten Betäubungsmittelrezept verschrieben werden.

4. Wie wird Cannabis verschrieben?

Die Verschreibungshöchstmenge für Cannabis in Form von getrockneten Blüten beträgt 100.000 Milligramm (100 g) in 30 Tagen. Derzeit können Cannabisblüten mit einem Gehalt an THC – dem am stärksten psychotrop wirksamen – Cannabinoid – von ca. 1% bis ca. 22% verordnet werden. Für Dronabinol/THC gilt eine Verschreibungshöchstmenge von 500 mg in 30 Tagen, für Cannabisextrakt in pharmazeutischer Qualität von 1000 mg in 30 Tagen.

Wie auch sonst bei der Verschreibung BtM-pflichtiger Substanzen, kann im begründeten Einzelfall durch Kennzeichnung mit dem Buchstaben “A” von der festgesetzten Höchstmenge abgewichen werden. Da Cannabisblüten üblicherweise in Dosen à 5 oder 10 g abgegeben werden, empfiehlt sich eine Verschreibung in diesen Schritten.

Eine Verordnung könnte beispielsweise so lauten: „Cannabisblüten Sorte Bedrocan, 15 Gramm, unzerkleinert, Dosierung gemäß schriftlicher Anweisung“. Es können auch Verordnungen nach Rezepturvorschriften des NRF erfolgen. Diese sind allerdings mit einem erheblichen Mehraufwand für die Apotheken und entsprechend höheren Kosten des verordneten Medikaments verbunden. Die Cannabisblüten werden in diesem Fall zerkleinert, gesiebt und portioniert. Durch diese Mehrarbeit können 5 g Cannabisblüten über 200 € kosten.

5. Wie werden die Blüten dosiert?

Alle Cannabis-basierten Medikamente und Cannabisblüten und – extrakte sollten einschleichend dosiert werden. Je nach THC-Gehalt sollte die Anfangsdosis bei 25-50 mg Cannabisblüten (THC-Gehalt > 10 %) und maximal 100 mg Cannabisblüten bei geringem THC-Gehalt pro Tag betragen. Je nach Wirksamkeit und Verträglichkeit sollte die Dosis um ca. 2,5-5 mg THC (entsprechend je nach Sorte ca. 25-100 mg Cannabis) alle 1-3 Tage gesteigert werden. Tagesdosen von THC-reichen Cannabissorten liegen bisherigen Erfahrungen zufolge oft zwischen 0,2 und 3 g, mit Schwankungen von 0,05 bis 10 g.

6. In welcher Form können Patienten die Blüten einnehmen?

Grundsätzlich kann Cannabis inhaliert oder oral aufgenommen werden. Eine Inhalation ist durch Rauchen und Verdampfen (mittels Vaporisator) möglich. Vorteil des Verdampfens: Es werden keine potentiell schädigenden verbrannten Pflanzenmaterialien eingeatmet. Die Pharmakokinetik von THC und anderen Cannabinoiden unterscheidet sich bei inhalativer Aufnahme sehr von der bei oraler Aufnahme hinsichtlich Wirkeintritt, -stärke und -dauer. Daneben besteht die Möglichkeit der Einnahme als Tee und einfachen Extrakten, wie in Beispieldosierungsanleitungen beschrieben.

7. Mit welchen Nebenwirkungen muss gerechnet werden?

Akute Nebenwirkungen sind etwa Euphorie, Angst, Müdigkeit, reduzierte psychomotorische Leistungsfähigkeit. Auch Tachykardie, Blutdruckabfall, Schwindel und Synkope sind möglich. Daher sollte langsam einschleichend dosiert werden („start low, go slow“).

8. Bestehen Kontraindikationen?

Cannabis sollte bei Bestehen einer schweren Persönlichkeitsstörung, Psychose und schweren Herz-Kreislauferkrankungen sowie Schwangeren und stillenden Müttern nicht verordnet werden. Auch gilt es, wegen fehlender Daten die Behandlung von Kindern und Jugendlichen (vor der Pubertät) sorgfältig abzuwägen.

9. Darf ich Cannabis für den Stationsbedarf verordnen?

Die Verordnung von Cannabisarzneimitteln ist auch im Falle der Patientenversorgung über Betäubungsmittelanforderungsscheine zulässig.

10. Was müssen Vertragsärzte generell bei der Verordnung beachten?

Laut Gesetz muss der verordnende Arzt an einer nicht-interventionellen ausschließlich wissenschaftlichen Zwecken dienenden Begleiterhebung teilnehmen – ansonsten ist eine Kostenerstattung durch die Krankenkasse ausgeschlossen. Der Patient muss vor Erstverordnung durch den Arzt über die Datenerfassung informiert werden. Die Begleitforschung hat noch nicht begonnen.

Über die Autoren:
Der Arzt Dr. med. Franjo Grotenhermen betreibt eine privatärztliche Praxis in Rüthen mit dem Schwerpunkt naturheilkundliche Verfahren. Daneben ist er Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (ACM) und Geschäftsführer der International Association for Cannabinoid Medicines (IACM). Kontakt:  info@cannabis-med.org.
Prof. Dr. Kirsten Müller-Vahl ist Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Die Neurologin ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Tourette-Gesellschaft Deutschland und Vorstandsmitglied der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Cannabinoidmedikamente (IACM).

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Weitere nützliche Informationen

Buchempfehlung: Grotenhermen F, Häußermann K. Cannabis: Verordnungshilfe für Ärzte. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart. 56 Seiten, 19,80 €. Erschienen im März 2017.

Fortbildungsveranstaltung “Cannabis als Medizin” Samstag, 13. Mai 2017 in Frankfurt am Main. Organisatoren: Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin e.V., Ärztekammer Hessen sowie Drogenreferat der Stadt Frankfurt. Ort: Haus Ronneburg, im Saalbau Ronneburg, Gelnhäuser Str. 2, 60435 Frankfurt/M. Weitere Informationen zur Veranstaltung hier >>

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte BfArM. Cannabis als Medizin – Hinweise für Ärzte

Bildquelle: istockphoto.com, Bildnachweise: PhotoBylove, beklaus.

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