25. August 2016

Behandlung von Familie, Freunden & Kollegen: Das sollten Sie wissen

Nahezu jeder Arzt wird von Angehörigen oder Freunden um medizinischen Rat gebeten. Für die Mehrheit ist es selbstverständlich, dem Wunsch ihrer Lieben zu folgen, wie ein Meinungsaustausch von Ärzten zu diesem Thema auf coliquio zeigte. Allerdings birgt die Doppelrolle als Arzt und Angehöriger auch mögliche Probleme. Wie verhält man sich richtig, wenn enge Vertraute um Behandlung bitten?

Lesedauer: 2,5 Minuten

Während die American Medical Association (AMA) Ärzten nachdrücklich von der Behandlung nahestehender Personen abrät (Notfälle ausgenommen), fehlt hierzulande ein öffentlicher Diskussionsstand oder gar eine offizielle Handlungsempfehlung. Allerdings hält Prof. Dr. med. Giovanni Maio, Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin, Universität Freiburg, den Kodex der AMA für zu strikt. Im Interview mit dem Deutschen Ärzteblatt erklärt er, dass Ärzte selbst abwägen müssten, ob sie Familienangehörige behandeln möchten oder eher nicht. Sie müssten dabei jedoch bestimmte Aspekte berücksichtigen und sich möglichen Gefahren und Fallstricken bewusst sein.1,2

Erforderliche Sorgfalts- und Dokumentationspflichten einhalten

Wenn Angehörige sich an den Arzt wenden, wird dieser nach Ansicht Maios schnell dazu verführt, von den eigentlichen Sorgfaltspflichten abzuweichen und nicht so strukturiert vorzugehen, wie sonst üblich. Auch hier im Forum betonten Ärzte die Wichtigkeit einer gründlichen Dokumentation, wenn es um die medizinische Versorgung im privaten Umfeld geht.

Eigene Urteilskraft und Beeinflussbarkeit kritisch hinterfragen

Als Angehöriger könne zudem die eigene Urteilskraft aufgrund der emotionalen Beteiligung beeinträchtigt sein, so Maio weiter. Zwar bedeute dies nicht, dass man automatisch mehr Fehler bei der Versorgung enger Vertrauter mache. Dennoch sei nicht ausgeschlossen, dass man Nutzen und Risiken anders bewertet, als wenn man subjektiv nicht betroffen wäre. Dabei glaubten viele Ärzte sie selbst seien nicht beeinflussbar, andere Ärzte hingegen schon. Diese Gefahr der sogenannten Resistenzillusion sollten sich Ärzte auch im Umgang mit Angehörigen bewusstmachen.

Bei fachfremden Fragestellungen an einen Kollegen weiterleiten

Vor allem bei komplizierten oder fachfremden, kompetenzüberschreitenden Fragestellungen sollte an einen Kollegen mit entsprechender Expertise weitergeleitet oder dieser zumindest konsultiert werden, so die Meinung vieler coliquio-Ärzte. Dies bestätigt auch Maio und erläutert im Ärzteblatt: „Die ärztliche Professionalität besteht ja darin, dass man kein Freund ist, sondern ein professioneller Ratgeber, dem der Patient sich anvertraut. Der Arzt stellt intime Fragen, er untersucht intimste Bereiche. Bei Angehörigen kann man das eher nicht. Das ist eine Beziehung, die mit Schamgrenzen behaftet ist“. Nicht zuletzt deshalb, weil ein Arzt diese Grenzen überschreiten müsse, die kein anderer überschreiten darf, so der Medizinethiker, sei der Arztberuf besonders angesehen.

Standpunkt gegenüber Angehörigen positiv verdeutlichen

Jeder Arzt muss überlegen, ob er eine möglicherweise erfolglose Therapie eines Verwandten, eines Freundes oder auch eines Kollegens verantworten kann – mit allen Konsequenzen für die Beziehung. Denn auch aus einer zunächst unverfänglich erscheinenden Bagatellerkrankung kann sich ein schwerer Verlauf entwickeln. Aus einem festgefügten Setting kann man sich dann nur noch mit Mühe lösen. Ärzten, die sich deshalb gegen eine Behandlung entscheiden empfiehlt Maio, ihre Gründe positiv zu kommunizieren: “Gerade weil du mir so wichtig bist, ist es besser, dass ein Unbeteiligter das mit unvoreingenommenen Augen sieht. Aus der Sorge heraus werde ich dazu neigen zu übertherapieren, und deshalb verweise ich dich an einen guten Arzt.”

Doch auch als nicht direkt Behandelnder habe der Arzt genügend Möglichkeiten, Angehörigen zur Seite zu stehen, etwa als Begleitung bei Arztterminen oder als Ansprechpartner im Hintergrund. Prof. Maio würde es begrüßen, wenn Ärzte in solchen Situationen entlastet werden. Hilfreiche wäre etwa, wenn sie auf einen öffentlichen Diskussionsstand verweisen könnten. Dann würde dies nicht mehr als alleinige Entscheidung des Arztes wahrgenommen werden.

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