14. November 2017

Arztbriefe verständlich schreiben: So geht’s

Ob Entlassdokument, Facharztbericht oder radiologischer Befund: Ein Arztbrief sollte alle relevanten Informationen klar, verständlich und auf das Wesentliche konzentriert vermitteln. Aber nicht jeder ärztliche Brief erfüllt diese Kriterien. Lesen Sie hier, worauf es beim Schreiben zu achten gilt. (Lesedauer: 2 Minuten)

Der folgende Beitrag wird vertreten von unserem Gastautor Dr. phil. Sascha Bechmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Germanistische Sprachwissenschaft, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Redaktion: Dr. Nina Mörsch

Arztbriefe erfüllen eine wesentliche Funktion innerhalb der Arzt-Arzt-Kommunikation. Entsprechend entfallen zwischen zwei und vier Stunden pro Tag in deutschen Kliniken auf das Schreiben der ärztlichen Dokumentation.1 Trotz dieses hohen Zeitaufwandes weisen viele Texte erhebliche Defizite bezüglich Qualität und Vollständigkeit auf.  Das Problem: Das Verfassen von Arztbriefen ist als Lernziel weder im Medizinstudium noch in der ärztlichen Weiterbildung fester Bestandteil. Zudem fehlen qualitative Untersuchungen zu Arztbriefen, aus denen sich Standards ableiten lassen.

Arztbriefe: Juristisch relevant

Dabei kommt dem Arztbrief eine nicht unerhebliche juristische Bedeutung zu: Ist er fehlerhaft, unvollständig oder kommt es durch ihn zu Behandlungsfehlern, haftet der Ersteller des Briefs, falls ein Schaden für den Patienten entsteht.

Verfassen von Arztbriefen: 3 wichtige Tipps

1. Auf klare und präzise Formulierungen achten
Um Missverständnisse zu vermeiden, müssen Arztbriefe frei von jeglichem Interpretationsraum verfasst sein. Vermeiden Sie vage Formulierungen wie „eine regelrechte Therapie“ oder eine „Standardtherapie“, die großen Deutungsspielraum zulassen. Dasselbe gilt für Sätze wie „Der Patient zeigt typische Symptome“. Welche Symptome waren das?

2. Auf das Wesentliche konzentrieren
Grundsätzlich gehört in einen Arztbrief nur Neues und Wichtiges. Streichen Sie Selbstverständliches, Redundanzen und Floskeln. Fachsprachliche Ausdrücke müssen unmittelbar korrekt interpretierbar sein. Seien Sie sparsam mit Abkürzungen und mehrdeutigen Begriffen.

3. In einfacher Sprache formulieren
 Die sogenannte Cognitive-Load-Theorie geht davon aus, dass Menschen grundsätzlich nur schwer mehr als 7 Informationen auf einmal verarbeiten können. Orientieren Sie sich beim Schreiben an dieser 7er-Regel: Schreiben Sie kurze Sätze mit weniger als 7 Wörtern. Reduzieren Sie die Informationen auf 7 wesentliche Aspekte. Je einfacher ein komplizierter Sachverhalt dargestellt wird, desto besser.

Arztbriefe schreiben: Hilfreiche Fragen
Folgende Fragen sind beim Verfassen eines Briefs an Kollegen hilfreich:

  • Wieviel Zeit hat der Leser?
  • Welches Fachsprachen-Niveau ist angemessen?
  • Was sind neue Informationen?
  • Wann und warum kam der Patient? Was wurde festgestellt?
  • Was wurde wann, warum und wie lange gemacht?
  • Wie, warum und womit (Medikation) wurde der Patient entlassen?
  • Welche Zusammenhänge möchte ich sprachlich herstellen?
  • Worauf möchte ich besonders hinweisen?
  • Was soll der Kollege als Nächstes tun?

Beispiele für sprachliche Fehler in Arztbriefen

  • Missverständliche Abkürzungen: LP = Lumbalpunktion/letzte Periode, TOF = Tetralogie of Fallot Herzfehler)/Tracheo-Oesophageale Fistel
  • Ausdrucksprobleme: Rö.: Thorax sitzend auf Station, Synkope fraglich
  • Falsche Kausalität: Pneumonie bei Candida-Nachweis (= durch Candida oder mit Candida?)
  • Unnötige Floskeln: Die Anamnese dürfen wir freundlicherweise als bekannt voraussetzen
  • Weitschweifigkeit im Ausdruck: Schmerzsymptomatik im Bereich der oberen linken Extremität (= Schmerz im linken Arm)
  • Falsche Begriffe: durchuntersuchen (richtig: untersuchen), abklären (richtig: klären)
  • Semantische Dopplungen: Unfallereignis, Beschwerdesymptomatik, fokale Herdzeichen, akuter Schlaganfall
  • Falscher Adjektivgebrauch: hinkendes Gangbild, peripheres Blutbild, chronischer Schmerzpatient, depressive Erkrankung

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Bechmann, Sascha (Hrsg.). Sprache und Medizin. Interdisziplinäre Beiträge zur medizinischen Sprache und Kommunikation. Berlin: Frank & Timme 2017.

Über den Autor: Dr. phil. Sascha Bechmann studierte Zahnmedizin, Germanistik und Politikwissenschaft. Er ist Sprachwissenschaftler und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf mit dem Forschungsschwerpunkt Medizinische Kommunikation. Dr. Bechmann hat bereits mehrere Bücher zum Thema verfasst.

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  1. Bechmann S. Arztbriefe – Was will mein Kollege damit sagen? Deutsche Medizinische Wochenschrift 2017: 142: 1398-1400

Bildquelle: istockphoto.com, Bildnachweis: BaddocShutter

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