04. November 2017

Aus dem Kollegenkreis

Als Arzt in den USA: Pro und Contra

Rund 5000 deutsche Ärzte arbeiten aktuell in den USA und stellen damit eine der größten Gruppen aus Europa dar. Doch wie wird man als deutscher Arzt in den Staaten aufgenommen? Und wie hoch sind die Lebenshaltungskosten? Ihr Kollege Dr. Peter Niemann berichtet hier von seinen Erfahrungen.  (Lesedauer: 4 Minuten)

Nach der Veröffentlichung seines ersten Beitrags „Arztgehälter in den USAhat Dr. Peter Niemann (Facharzt für Innere Medizin und Geriatrie in der Mayo Clinic, USA) einige Zuschriften von coliquio-Ärzten bekommen. Im folgenden Beitrag beantwortet er die häufigsten Fragen. Redaktionelle Aufbereitung: Marina Urbanietz.

Nach Aufenthalten in Frankreich und Deutschland arbeitet Dr. med. Peter Niemann seit 2009 in den USA. In diesen acht Jahren war er in verschiedenen Teilen der USA tätig, unter anderem in Florida, Tennessee, Minnesota, Wisconsin, Illinois und Texas. Aktuell ist er als Facharzt für Innere Medizin und Geriatrie im Gesundheitssystem der Mayo Clinic (La Crosse, WI) angestellt.

Als Deutscher in den USA: Wie wird man aufgenommen?

Pro: In der Regel sehr herzlich. Insgesamt sind es sehr freundliche Menschen, und man wird von den meisten wie ein Amerikaner behandelt.

Contra: Es gibt jedoch auch Ausnahmen. Einige Male bin ich schon in der Öffentlichkeit darum gebeten worden, nicht Deutsch, sondern Englisch zu sprechen und erinnere mich auch gerade daran, dass vor allem ältere Amerikaner einem reserviert gegenüber sind wegen der nationalsozialistischen Zeit vor einem Dreivierteljahrhundert. Außerdem stört es mich, dass man als Deutscher vor allem auf Mercedes, Bier, Oktoberfest und Pünktlichkeit reduziert wird.

Lebenshaltungskosten: Eher höher als in Deutschland?

Contra: Die Lebenshaltungskosten sind deutlich höher als in Deutschland. So kosten beispielsweise 250 g Käse oder 500 ml Joghurt drei Dollar. Ein Restaurantbesuch zu zweit kann schnell 50 Dollar übersteigen, ein vernünftiges Hotelzimmer geht erst ab 100 Dollar los und gute Handwerker verlangen immer häufiger dreistellige Stundensätze.

In den USA gibt es viele Regionen, in denen ein Haus vielleicht nur 10.000 bis 50. 000 US-Dollar kostet. Doch in den besseren Nachbarschaften gibt man schnell einmal eine halbe Million oder mehr für ein durchschnittliches Haus aus. Meine internistische Kollegin hat als Budget bis zu einer Million einkalkuliert, und das in einer mittelgroßen und wenig bekannten Stadt im Mittleren Westen!

Pro: In den USA verdienen Ärzte sehr gut und man kann sich schon in jüngeren Jahren ein Haus, Autos und schöne Urlaube leisten. Aus finanzieller Sicht geht es Ärzten hier schon sehr gut, gerade auch weil die Steuerlast deutlich niedriger ist.

Mehr dazu lesen Sie in unserem Beitrag „Als Arzt in den USA: Das verdienen Ihre Kollegen“.

Wie würden Sie den Stellenwert der Ärzte in der US-Gesellschaft beschreiben?

Pro: Ärzte sind in den USA sozial sehr anerkannt, man begegnet sie mit Hochachtung und Rücksicht, stellt eigene Parkplätze zur Verfügung, gibt Sonderrabatte, Arztkleidung und sogar kostenlose Mahlzeiten. Außerdem werden viele finanzielle Mittel und Freizeit für Fortbildungsmaßnahmen bereitgestellt.

Contra: Dafür stört mich die Formlosigkeit im Alltag. Ich muss zwar Hemd und Krawatte, manche Kollegen sogar Anzug, zur Arbeit tragen, dafür aber werde ich zunehmend von Krankenschwestern und sogar Patienten nur mit dem Vornamen angeredet. Mag sein, dass ich etwas überspitze und es eher eine Geschmackssache ist, aber angesprochen haben wollte ich das.

US-Gesundheitssystem: Wo sehen Sie die wichtigsten Schwachstellen?

Contra: Ich mag am US-Gesundheitssystem nicht, dass man für alles einen Spezialisten gleich hinzuzieht. Der Arzt nimmt nicht das Blut ab, das macht ein Phlebologe. Er legt keine Zugänge, dafür wird dann ein „Zugangskrankenpfleger“ gerufen. Dann gibt es die Atmungs-, die Physio-, die Sprach- und die Ergotherapeuten in jedem Krankenhaus, dazu gesellen sich verschiedene Krankenschwesterhierarchien und Pflegeassistenzen – gerade in kritischen Situationen verliere ich manchmal den Überblick angesichts von zehn bis 15 anwesenden Personen im Patientenzimmer.

„Zu viele Köche verderben den Brei“

Noch dazu konsultiert man in den USA bei fast jedem Patienten Ärzte aus anderen Fachrichtugen – gestern nahm ich eine Frau mit Schwindel auf, und sie bestand darauf, auch den Neurologen zu sehen. Vorgestern wollte ein Patient, der mit Diabetesentgleisung aufgenommen wurde, einen Kardiologen hinzugezogen wissen, weil er an einer für sich nur leichten Herzunregelmäßigkeit leide. Zu viele Köche verderben den Brei, meine ich.

Pro: Das Ganze kann man natürlich auch positiv sehen: Man fühlt sich schon abgesichert, wenn gleich der Facharzt mit an Bord ist. Statt eines einzelnen Arztes und einer überarbeiteten Krankenschwester hat man eben ein halbes oder ganzes Dutzend an Arbeitskräften, die gemeinsam an der Genesung des Patienten arbeiten.

Klagen gegen Ärzte: Wie groß ist das Problem in den USA tatsächlich?

Das juristische System in den USA ist schon etwas anders als in Deutschland. Hier kann man wegen allem verklagt werden. Tatsächlich wird knapp jeder zweite Arzt im Laufe seiner Karriere mindestens einmal verklagt. Zudem kann man bis zu zwei Jahre nach Behandlung belangt werden, in schweren Fällen sogar noch länger. Meistens scheitern jedoch die Patienten mit der Klage. Des Weiteren wird die Haftpflichtversicherung fast immer vom Arbeitgeber bezahlt, deswegen mache ich mir über solche Dinge, wie viele andere Kollegen auch, keine Gedanken.

„Im Großen und Ganzen zufrieden, aber manchmal kommt eben doch diese Sehnsucht auf…“

Das Leben und Wirken als Arzt in den USA gefällt mir, ist aber nicht immer ohne eigene Beschwerlichkeiten. Gelegentlich bin ich auch erschrocken, wenn ein Patient seine Pistole bei der Untersuchung herauszieht (was zum Glück nicht sehr oft vorkommt). Aber das sind eben kulturelle und historisch-bedingte Unterschiede.

Ich habe die Entscheidung bis zum heutigen Tag kein einziges Mal bereut. Doch manchmal ertappe ich mich jedoch beim Gedanken, wieder nach Deutschland zurück zu kehren. Wo jeder Bürger eine Krankenversicherung hat, es mehr Kultureinrichtungen gibt, man Deutsch spricht, das Bildungssystem öffentlich ist und man nicht so promilitärisch eingestellt ist…

Zum Autor: Nach Aufenthalten in Frankreich und Deutschland arbeitet Dr. med. Peter Niemann seit 2009 in den USA. Als Facharzt für Innere Medizin und Geriatrie ist er seit 2017 im Gesundheitssystem der Mayo Clinic (La Crosse, WI) angestellt. Dr. Niemann veröffentlichte 2015 „Das kranke Krankenhaus“ und wird Ende 2017 einen Gesundheitsratgeber im deutschsprachigen Raum herausbringen. Folgen Sie Dr. Niemann hier. Kontakt: peterniemann@hotmail.de.

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Titelbild: iStock. Bildnachweis: batak1.

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