26. August 2018

Als Arzt in Schweden – Teil 2

Gehalt & Tipps fürs Übersiedeln

Wie sich ärztliche Alltag als Arzt in Schweden vom Arztdasein in Deutschland unterscheidet und ob sich das Auswandern nach Schweden für unseren Gastautor Dr. Frank Moryäner auch finanziell gelohnt hat, erfahren Sie hier.

Lesedauer: 4 Minuten

Interview und Redaktion: Dr. Nina Mörsch

Worin unterscheidet sich das schwedische Gesundheitssystem vom deutschen?

Dr. Moryäner:  In internationalen Vergleichen ist das Outcome für schwedische Patienten ungefähr vergleichbar mit anderen europäischen Ländern. Allerdings scheint es hier erheblich längere Wartezeiten für geplante Eingriffe zu geben. Mein Eindruck ist, dass es in Südschweden ähnlich zu geht wie in Deutschland. Die Unterschiede werden jedoch grösser, je mehr man sich in Richtung Norden bewegt.

Um auch im dünnbesiedeltem Lappland eine adäquate Patientversorgung zu gewährleisten, hat man hier bereits erwähnten Sjukstuga gebaut. Neben mir und meinen ärztlichen Kollegen haben wir hier ein Team von fast 30 Mitarbeitern. Zum Team gehören Krankenschwestern, Pfleger, Rettungsdienstpersonal, Röntgenpersonal, Laborpersonal, Hebamme, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Gesprächstherapeuten, technisches und administratives Personal bis hin zum Geschäftsführer.

Da wir fast hundert Kilometer zum nächstem Krankenhaus haben, hantieren wir viele Akutfälle selbst. Deshalb ist die ärztliche Arbeit weit abwechslungsreicher als in dichter besiedelten Gegenden. Einfache Frakturen, die nicht operiert werden müssen können wir hier z.B. Röntgen, reponieren und gipsen, ohne dass der Patient ins Krankenhaus eingewiesen werden muss. Wir übernehmen auch einen Teil der Kindervorsorgeuntersuchungen. Ebenso kümmern wir uns um ”normale” allgemeinmedizinische Patienten und betreuen Patienten auf unserer Bettenabteilung. Hierzu zählen etwa Patienten mit Infektionen oder nach einer Operation zur Rehabilitation. Zudem versorgen wir auch Palliativpatienten, z.B. mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen.

Wie unterscheidet sich der Klinikalltag?

Dr. Moryäner: Wie ich schon eingangs erwähnte, arbeite ich, wie in Schweden üblich als angestellter Arzt ohne ökonomische Verantwortung für den laufenden Betrieb und ohne Personalverantwortung, die liegt beim Geschäftsführer. So kann ich mich viel mehr auf die medizinische Arbeit konzentrieren.

Ein anderer Unterschied ist die Geographie. In Lappland haben wir sehr große Abstände, 50km zum Nachbarort, 90km zum nächstem Akutkrankenhaus. Man muss also immer mit Notfällen rechnen. Da andere Fachärzte am Krankenhaus in 90km Entfernung arbeiten, ist es unsere Aufgabe, den Patienten primär zu versorgen und gegebenenfalls für den Transport zu stabilisieren. Wir haben entsprechende Weiter- und Zusatzausbildungen durchlaufen. Da allerdings nur ca. 3000 Einwohner in der Gegend wohnen, ist das Auftreten von wirklich akut kranken Patienten aber doch relativ selten.

Nicht akut erkrankte Patienten erhalten in der Regel mindestens 30 Minuten Sprechzeit mit dem Arzt. Dafür treffen wir unsere Patienten aber auch nur 1-2 Mal im Jahr. Das hängt zum einen mit den großen Abständen zusammen, aber auch damit, dass wir hier spezialisierte Krankenschwestern haben, die einen Großteil an Patientkontakten übernehmen.

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Viele Arzt-Patientenkontakte finden darüberhinaus auch über Telefon oder Video statt. Telemedizin spielt ohnehin eine große Rolle in Nordschweden. Wir sind komplett digital vernetzt mit dem nächstem Akutkrankenhaus in Lycksele, aber auch mit der Uniklinik in Umeå. Wir können digital auf die Patientenakten auch im Krankenhaus zugreifen. Durch die Digitalisierung und Vernetzung können sich aber auch Krankenhausärzte bei uns durchgeführte Untersuchungen in Realzeit anschauen. So führen wir zum Beispiel digitale Teledermatoskopieuntersuchungen durch, die sich ein Hautarzt aus der Ferne anschauen kann. EKGs, die hier oder im Rettungswagen geschrieben werden, können bei Bedarf direkt vom Internisten im Krankenhaus begutachtet werden. Bei uns durchgeführte Röntgenuntersuchungen werden vom Radiologen in Lycksele befundet etc.

Ich selbst empfinde die Arbeitsbedingungen als sehr angenehm. Ich mag die Arbeit im Team und finde die große Variation der Arbeitsaufgaben sehr gut.

Gibt es einen Bedarf für ausländische Ärzte in Schweden?

Dr. Moryäner:  Ja, es mangelt besonders an Pathologen, Psychiatern und Allgemeinärzten. Der Bedarf ist besonders groß in den dünner besiedelten Gebieten, fernab der großen Städte.

Wie viel verdienen Ärzte in Schweden?

Dr. Moryäner:  Die Grundgehälter sind verschieden. In der Regel geringer in den Städten und höher auf dem Lande. Häufig niedriger im Krankenhaus als in der Praxis. Hat man dann noch Bereitschaftsdienste kann man das Gehalt noch ordentlich aufstocken oder auch in Freizeit vergüten lassen. Für meine Arbeit als angestellter Facharzt in Lappland bekomme ich monatlich ein Nettogrundgehalt von fast 50.000 Schwedischen Kronen (SEK; ca. 4830 Euro) bei einer 40 Stunden-Woche ausbezahlt. Ich habe 31 Urlaubstage, aber deutlich mehr frei, da man seine Bereitschaftsdienste in Freizeit kompensieren kann. In den 50.000 SEK sind alle Abgaben inkl. Krankenversicherung und Altersvorsorge schon abgerechnet.

Tipps von Dr. Frank Moryäner zum Übersiedeln

  • Vielerorts hat man es aufgegeben, Stellenanzeigen zu veröffentlichen, da die Erfolgsaussichten zu gering sind. Die Chancen eine freie Arztstelle im Internet zu finden, sind deshalb vergleichsweise gering. Das heisst aber nicht, dass es keine freien Stellen gibt. Ich würde empfehlen, dass man sich direkt an einer Hälsocentrale oder Sjukstuga bewirbt und sein Schreiben direkt an den Verksamhetschef (=Geschäftsführer) schickt.
  • die schwedische Personennummer: Diese wird stets gebraucht um z.B. Verträge abzuschliessen, Häuser zu kaufen oder um Konten zu eröffnen.
  • die schwedische Legitimation: also die Erlaubnis in Schweden einen Heilberuf auszuüben. Man muss seine Approbation und evtl. Facharztzeugnisse anerkennen lassen. Zuständig ist die Gesundheitsbehörde Socialstyrelsen. 
  • die schwedische Sprache: der Arbeitgeber ist in der Regel behilflich beim Sprachkurs, bezahlt diesen auch und man bekommt i.d.R. auch schon sein Gehalt während der Sprachausbildung. Um als Arzt arbeiten zu dürfen und um die schwedische Legitimation zu bekommen braucht man Sprachkenntnisse auf Niveau C1.

Über den Gastautor: Dr. Frank Moryäner absolvierte sein Medizinstudium an der MHH Hannover und arbeitete als Assistenzarzt in der Inneren Medizin an einem mittelgrossem Krankenhaus. Seit 2007 ist Dr. Moryäner an der Sjukstuga in Åsele, Schwedisch-Lappland, beschäftigt, wo er eine schwedische Facharztausbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin absolviert hat sowie eine Zusatzausbildung in ”Glesbygdsmedicin” (=Medizin in dünnbesiedelten Gebieten). Seit 2013 ist er medizinischer Leiter an den Sjukstugen in Åsele, Dorotea und Vilhelmina.

Bildquelle: © iStock.com/swedewah & Noppawan Laisuan

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