26. August 2018

Als Arzt in Schweden

Erfahrungen eines Auswanderers

Der deutsche Arzt Frank Moryäner ist vor elf Jahren mit seiner Partnerin nach Schweden ausgewandert. An eine Rückkehr denkt er nicht. Hier erzählt er über das Leben im hohen Norden und schildert seine Erfahrungen als angestellter Arzt in einem Gesundheitszentrum in Südlappland. 

Lesedauer: 3 Minuten

Interview und Redaktion: Dr. Nina Mörsch

Herr Dr. Moryäner, weshalb haben Sie Deutschland verlassen?

Dr. Moryäner: Meine Partnerin und ich sind beide Ärzte. Anfangs haben wir beide in der Inneren Medizin an einem Krankenhaus in Norddeutschland gearbeitet. Aber als Paar ist es nicht ganz optimal, da man vergleichsweise viele Dienste hat und die Freizeitplanung schwierig ist. Von Schweden erwarteten wir uns weniger Dienste, aber auch weniger Hierarchien. Zudem fanden wir den Gedanken, sich selber niederzulassen aufgrund des finanziellen Risikos als abschreckend. Eben sowenig wollten wir nicht so viel mit der Führung und Verwaltung einer eigenen Praxis zu tun haben.

Ihre Wahl fiel dann auf Schweden, wieso?

Dr. Moryäner: Meine Freundin und ich waren vorher bereits Schwedenfans und hatten viel Gutes über die Arbeitsbedingungen in Schweden gehört. Im November 2006 besuchten wir in Hamburg eine Veranstaltung der Ärztekammer, auf der verschiedene Repräsentanten einzelner Krankenhäuser aus Schweden waren und Ärzte als Verstärkung für den in Schweden herrschenden Ärztemangel suchten. Die Vertreter aus Västerbotten suchten unter anderem Allgemeinärzte für ihre medizinische Versorgungszentren, sogenannte Sjukstuga. Dabei wurden wir prompt nach Lappland eingeladen, damit wir uns vor Ort informieren konnten. Wir nutzten die Gelegenheit und verbrachten eine Woche in Nordschweden, um verschiedene Gesundheitszentren und Krankenhäuser zu besichtigen.

  • In Schweden unterhalten Provinziallandtage im Norden des Landes Allgemeinmedizinische Praxen mit erweiterter Ausstattung wie z.B. Röntgen, Labor und Rettungswagen, sowie eigener Bettenstation unter allgemeinmedizinischer Führung.

Wurden Ihre Erwartungen erfüllt?

Dr. Moryäner:  Ja, größtenteils. Wir arbeiten jetzt an einem medizinischem Versorgungszentrum in Åsele, Südlappland. Neben meiner Freundin und mir arbeiten hier noch zwei Kollegen in Teilzeit (je ca 20%).  Darüberhinaus haben wir manchmal noch Ärzte in der Ausbildung. Das heißt, wir beiden sind feste Ärzte und können unseren Arbeitsalltag auch entsprechend beeinflussen. Dienste am Wochenende oder nachts sind selten, etwa 10-15 mal im Jahr und werden großzügig in Freizeit ausgeglichen.

Wir nehmen unseren Urlaub in der Regel gleichzeitig und in der Zeit stellt die Geschäftsführerin einen Honorararzt an. Wir leben jetzt ein schönes Leben als Arzt in einem sehr dünn besiedeltem Gebiet, haben eine geregelte Arbeitszeit von 8-17 Uhr. Außerdem werden die Dienste großzügig vergütet und eine Hierarchie gibt es hier im Prinzip nicht.

Wo mussten Sie zurückstecken?

Dr. Moryäner:  Das Leben auf dem Lande gefällt uns sehr gut, allerdings kann man nicht erwarten, dass man mit Kollegen mal abends auf die Schnelle in den Pub gehen kann. Unsere Arztkollegen sind entweder 50, 70 oder noch mehr Kilometer entfernt in den Nachbarorten Dorotea, Vilhelmina und Lycksele, der soziale Kontakt mit ihnen ist ensprechend spärlicher. Man sieht ich aber dennoch regelmässig bei Kursen und Fortbildungen.

Gab es sprachliche Barrieren?

Dr. Moryäner:  Nicht wirklich. Wir haben die ersten fünf Monate einen vom Arbeitgeber bezahlten Sprachkus besucht und dabei auch schon unser Gehalt bekommen. Erst mit dem Erreichen eines bestimmten Niveaus hat man uns auf die Patienten losgelassen. In Schweden wird mittlerweile ein Sprachniveau der Stufe C1 gefordet, um als Arzt arbeiten zu dürfen.

Wie haben Ihre schwedischen Kollegen und Patienten auf Sie reagiert?

Dr. Moryäner: Wir fühlten uns von Anfang an sehr willkommen. In Nordschweden arbeiten häufig Ärzte aus dem Ausland. Hier in Norschwedens Inland gibt es sehr viele vakante Allgemeinarztstellen, die häufig mit “Leihärzten” besetzt werden. Die Patienten haben uns entsprechend positiv aufgenommen und waren froh, dass der Ort endlich wieder “feste” Ärzte hatte.

Wie ist die Lebensqualität in Schweden?

Dr. Moryäner:  Die Lebensqualität in Lappland würde ich als hoch beschreiben. Auch ist die Gesellschaft sehr familienfreundlich. Das Leben verläuft ohne grossen Stress in einem genügsamen Tempo. Hier gibt es eine atemberaubene Natur, in der sich viele Freizeitaktivitäten verwirklichen lassen. Wer möchte, kann wandern, Boot fahren, klettern, jagen, sammeln und vieles mehr.

Auf der nächsten Seite vergleicht Dr. Moryäner den Alltag als Arzt in Schweden mit der ärztlichen Tätigkeit in Deutschland und verrät, ob sich aus seiner Sicht das Abwandern nach Schweden auch finanziell gelohnt hat.

Bildnachweise: © istockphoto.com/swedewah

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