01. Juni 2018

Als Arzt in China: Organisation, Kommunikation & Forschung

Die ärztliche Tätigkeit in China hat eine Reihe von Herausforderungen. Erfahren Sie mehr über die Organisation in Kliniken, die Kommunikation unter Kollegen und mit Patienten, sowie die Forschungsbedingungen.

Lesedauer: 2 Minuten

Dieser Beitrag aus unserer Reihe “Als Arzt ins Ausland” stammt aus dem Buch “Das Gesundheitswesen in China” und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung der Medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft. Redaktion: Christoph Renninger.

Klinikorganisation: Unbürokratische Effizienz

Erfahrungsberichten zufolge ist der bürokratische Aufwand in chinesischen Kliniken geringer als in Deutschland, da viele Aufgaben (z.B. die Dokumentation der erbrachten Leistungen) von Krankenschwestern und Arzthelfern übernommen werden. In anderen Bereichen, wie der Anamnese und Diagnose, herrscht aufgrund der hohen Patientenzahlen eine straffe Organisation, die Wert auf Effizienz und Effektivität legt.

In der Ambulanz besuchen Patienten üblicherweise nacheinander mehrere Tische:

  • Zunächst nehmen meist junge Ärzte die Beschwerden und Symptome auf und tragen sie in ein Heft ein,
  • am nächsten Tisch werden die Einträge durch Fach- oder Oberärzte kontrolliert und die Indikationen zur Therapie gestellt. Auch Termine für weitere Untersuchungen oder Eingriffe werden hier vergeben,
  • am dritten Tisch wird wiederum von Nachwuchsärzten den Patienten das Vorgehen erklärt.

An einem Sprechstundenvormittag werden regelmäßig 50-80 Patienten beraten, wobei eine volle Ambulanz als Zeichen für eine gute Klinik angesehen wird. Der durchgetaktete Arbeitsalltag wird von vielen chinesischen Ärzten als fachlich und persönlich befriedigend empfunden. Allerdings fehlt die Zeit für vertiefende Gespräche, insbesondere bei psychischen Erkrankungen.

Da es keine niedergelassenen Ärzte gibt, kommen Patienten auch mit leichten Beschwerden in die Klinik-Ambulanzen. In vielen Fällen wird bei minder schweren Erkrankungen nur eine Blickdiagnose durchgeführt, nur in spezielleren Fällen erfolgt eine weiterführende Diagnostik. Bei Erkältungssymptomen werden schnell Antibiotika verordnet, was zu Problemen mit multiresistenten Erregern in vielen Kliniken führt.

Kommunikation: Klare Hierarchie, aber Nachwuchsforderung

Ärzte sprechen sich untereinander mit “akademischer Bruder” bzw. “Schwester” an, zwischen Fach- und Assistenzärzten werden die Bezeichnungen “Lehrer” und “Schüler” gebraucht, vor Patienten werden Fachärzte als “Professor” angesprochen. Kontroverse Diskussionen zwischen Ärzten verschiedener Ränge sind eher selten.

In täglichen Morgenkonferenzen werden von etwa 20 Ärzten Patientenfälle besprochen und Probleme diskutiert. Besonders komplizierte Fälle werden in wöchentlichen klinischen Konferenzen mit allen Oberärzten diskutiert. Hier werden oftmals junge Ärzte aufgefordert, zuerst zu sprechen.

Im Umgang mit Patienten ist bemerkenswert, dass diese häufig von mehreren Angehörigen begleitet werden, welche die Untersuchungen und das Arztgespräch mitverfolgen. Die Privatsphäre wird weniger beachtet als in Deutschland. So finden körperliche Untersuchungen vor anderen wartenden Patienten statt, nur bei intimen Angelegenheiten werden Nebenzimmer aufgesucht.

Forschung: Exzellente Bedingungen, Skepsis bei Ergebnissen

Insbesondere an Universitätskliniken wird Forschungstätigkeit von Ärzten vorausgesetzt und die Ausstattung mit Laboren und Geräten ist meist hervorragend, ebenso die Unterstützung durch Fachpersonal. Publikationen und das Einwerben von Forschungsgeldern sind wichtige Faktoren bei der Leistungsmessung und der Besetzung höherer Positionen.

Aufgrund der hohen Fallzahlen können Studien in größeren Dimensionen durchgeführt werden. Zudem besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit auch seltenen Erkrankungen zu begegnen. Insbesondere in ländlichen Regionen kommen Patienten oftmals erst in fortgeschrittenen Krankheitsstadien in die Klinik. Diese Krankheitsgrade können in Europa kaum untersucht werden.

Doch nicht immer werden die Standards guter wissenschaftlicher Praxis eingehalten und die Forschungsergebnisse chinesischer Wissenschaftler sind nicht reproduzierbar oder Publikationen müssen zurückgerufen werden. Es muss sich dabei nicht um absichtliche Manipulation handeln, häufig sind entsprechende Qualitätskriterien nicht etabliert oder werden an Universitäten nicht vermittelt.

Prof. Dr. Ulrike Reisach forscht seit Mitte der 1980er-Jahre zum Thema deutsch-chinesische Wirtschaftszusammenarbeit. Sie lehrt unter anderem Interkulturelle Kommunikation an der Hochschule Neu-Ulm. Seit 2017 ist Prof. Reisach Mitglied der Expertengruppe für den Deutsch-Chinesischen Innovationsdialog des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

  1. Reisach U (Hrsg.). Das Gesundheitswesen in China. Strukturen, Akteure, Praxistipps. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, Berlin 2017.

Bildquelle: © isotck.com/onlyyouqj

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