19. Mai 2016

Arzt-Trauma nach Behandlungsfehler: So verhindern Sie, dass der Arzt zum “Zweiten Opfer” wird

Für viele Ärzte bedeutet ein Behandlungsfehler eine große physische und emotionale Belastung – sie werden zum zweiten Opfer (Second Victim) nach dem Patienten. Mitunter führt eine solches Trauma sogar zur Unfähigkeit, den Beruf weiter auszuüben. Dass es soweit nicht kommen muss, erläuterte Prof. Dr. David Schwappach, Wissenschaftlicher Leiter Stiftung Patientensicherheit (Zürich) auf dem diesjährigen DGIM-Kongress. Erfahren Sie hier, welche einfachen Maßnahmen aus Sicht des Experten notwendig sind, um betroffene Kollegen und Mitarbeiter aktiv emotional zu unterstützen und nach einem Zwischenfall aufzufangen.

Jeder zweite Arzt macht Fehler

Laut Prof. Schwappach erleben etwa 50 Prozent aller Ärzte im Laufe ihrer Karriere eine solche Krisenphase. Im Moment des Realisierens löst ein solcher Fehler ein emotionales Gefühlschaos aus. Zum Spektrum zählen Schuld, Wut, Scham, Angst und Frustration. Dafür reicht manchmal bereits ein „Beinahefehler“ aus, bei dem der Arzt seinen Irrtum noch rechtzeitig bemerkt hat.

Messbare Auswirkungen und Beeinträchtigungen der eigenen Lebensqualität sind laut Schwappach:

  • Schlaflosigkeit
  • Depersonalisierung (Leute verbittern und werden zynisch, bekommen eine Distanz zu ihrer Arbeit und Tätigkeit)
  • Depressionen
  • Angst vor zukünftigen Fehlern
  • geringere Selbstsicherheit in der Berufsausübung
  • weniger Zufriedenheit im Job
  • Empathieverlust gegenüber Patienten.

Ein Teufelskreis, betont Prof. Schwappach, denn Ärzte in dieser Spirale haben ein deutlich erhöhtes Risiko, erneut Fehler zu machen. Ein Klinikwechsel oder sogar die Aufgabe des Berufes sind in vielen Fällen die Konsequenz.

Das Gespräch im Mittelpunkt: 4 Handlungsempfehlungen für Kollegen und Vorgesetzte

Oft braucht es gar nicht viel, um aus diesem Teufelskreis auszubrechen und aus dem Zwischenfall vielleicht sogar ein gutes Ergebnis mitzunehmen, erklärt Prof. Schwappach. Von zentraler Wichtigkeit ist es, mit Betroffenen über die Situation zu reden und darüber, was dieses Problem mit ihnen macht bzw. in ihnen auslöst. Unverarbeitete Situationen, die bereits lange vergangen sind, „brennen sich ins Gedächtnis ein und können immer wieder hochkommen“. Für Kollegen und Vorgesetzte nennt er folgende 4 Handlungsempfehlungen:

  1. Kurze Auszeit ermöglichen: Nehmen Sie betroffene Ärzte für eine gewisse Zeit zu ihrem Selbstschutz und zur Reflexion aus dem klinischen Alltag. Wichtig: Vermitteln Sie, dass dies nicht geschieht, weil derjenige einen Fehler begangen hat, sondern weil er sich in einer Notfallsituation befindet.
  2. Möglichkeit des Gesprächs mit Kollegen: Sprechen Sie mit Betroffenen und meiden Sie nicht das Gespräch. Stellen Sie einfache Fragen, wie „Wie geht es Dir? Was geht Dir durch den Kopf?“. Trivialisieren Sie die Situation jedoch nicht.
  3. Bestätigung der fachlichen Kompetenz: Viele Ärzte stellen sich nach einem Zwischenfall die Frage „Bin ich überhaupt ein guter Arzt?“ Hilfreich ist es dann, wenn fachliche Kollegen (keine Psychologen) gemeinsam mit dem Betroffenen den Vorgang im Nachhinein analysieren. Dabei können Fragen, wie „Was hast du gemacht? Warum hast Du so entschieden?“ sinnvoll sein. So ließe sich aus fachlicher Sicht einordnen, „wo jemand steht“, was er kann und was vielleicht noch nachgeholt werden muss.
  4. Bekräftigung des professionellen Selbstwertgefühls: Besonders Assistenzärzte benötigten nach einem Behandlungsfehler manchmal eine besonders intensive Betreuung, so Schwappach. Seine Empfehlung lautet: Begleiten Sie sie auf Wunsch für eine gewisse Zeit (z.B. eine Woche). Betonen Sie aber auch, dass diese Zeit begrenzt ist, da Sie wissen, dass sie das eigentlich auch alleine können.

M&M-Konferenzen eher kontraproduktiv

Die sogenannten M&M-Konferenzen (Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen), in denen es um das Aufarbeiten von Fehlern im Team geht, würden aus Sicht von Schwappach von Betroffenen häufig eher als „Bloßstellen“ empfunden. Für sinnvoll hält er hingegen folgendes dreistufiges Interventionsverfahren, wie es an einem US-amerikanischen Universitätsklinikum praktiziert wird:

  1. Menschliche Fragen stellen: Wie geht´s Dir? Wieso hast Du so gehandelt?
  2. Professionelles Angebot: Balint-Gruppe und Supervision im Haus
  3. Externe psychologische Hilfe (brauchen aber nur wenige)

Außerdem empfiehlt er in Kliniken eine 24h-Hotline für Notfälle einzurichten, damit betroffene Ärzte zeitnah einen Ansprechpartner zur Verfügung haben.

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