29. Juli 2017

Alternative Methoden bei Krebs: So ordnen Sie Nutzen & Risiken ein

Krebspatienten äußern oft den Wunsch nach alternativen Therapien. Erfahren Sie in diesem Beitrag von Dr. Anke Ernst und Dr. Stefanie Klein vom Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums mehr über Nutzen und Risiken möglicher alternativer Verfahren. (Lesedauer:  ca. 3 Minuten)

Der folgende Beitrag basiert auf einer Publikation aus der Deutschen Medizinischen Wochenschrift 1. Redaktionelle Bearbeitung: Dr. Nina Mörsch.

Behandlungsziel: Was möchte der Patient erreichen?

Zunächst einmal gilt es herauszufinden, so die KID-Mitarbeiterinnen Anke Ernst und Stefanie Klein, was der Patient mit der Methode erreichen möchte. Hat er das Ziel, seine Krebserkrankung damit zu behandeln oder die Behandlung zu unterstützten? Möchte er einfach „etwas für sich tun?“ oder möchte er belastende Symptome lindern und seine Lebensqualität verbessern? Darauf muss sich die Bewertung des „Nutzens“ bei der Beratung des Patienten beziehen.

Darüber hinaus ist aber auch auf das Risikopotenzial einer alternativmedizinischen Methode zu achten, betont der Krebsinformationsdienst. Zur Bewertung von Wirksamkeit und Nutzen hat sich beim KID die Einteilung in vier Kategorien bewährt:

1. Hinweis auf einen Nutzen

Derzeit gibt es keine hochwertigen, randomisierten und kontrollierten klinischen Studien zu KAM, die eine Wirksamkeit bestimmter Präparate gegen Krebs zeigen, etwa nachweislich das Überleben der Patienten verlängern, so die beiden Autorinnen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es überhaupt keine alternativen Verfahren geben könnte, die möglicherweise gegen Krebs wirken.

Beispiel Mistel: Zwar gebe es Hinweise, etwa aus einem Cochrane-Review von 2008, dass Mistelextrakte die Lebensqualität von Brustkrebspatientinnen unter einer Chemotherapie verbessern könnten. Allerdings wiesen die durchgeführten Studien häufig starke Schwächen auf, so die Autorinnen. Entsprechend fehlten Belege zur Wirksamkeit der Mistel in Bezug auf die Endpunkte Gesamtüberleben, krankheitsassoziierte Symptome und Lebensqualität bei anderen Krebsarten, wie z.B. fortgeschrittenem Bauchspeicheldrüsenkrebs.

2. Nutzen nicht bewiesen

Ergebnisse aus der Grundlagenforschung decken immer wieder mögliche Behandlungsansätze für Krebstherapien auf. Einen klinischen Nutzen am Menschen beweisen sie indes noch nicht. Der KID unterscheidet je nach Stand der Forschung drei verschiedene Kategorien:

Kategorie I: Ergebnisse aus der Grundlagenforschung liegen vor, es fehlen noch klinische Studien am Menschen.

  • Beispiel Produkte der Stachelannone (Graviola, Sauersack, Annona muricata): Isolierte Inhaltsstoffe zeigten im Tiermodell und in der Zellkultur eine Wachstumshemmung von Brust-, Lungen-, Darm-, Prostata-, Pankreas-, Leber- und Hautkrebszellen.

Kategorie II: Ergebnisse aus der Grundlagenforschung konnten in klinischen Studien am Menschen nicht reproduziert werden.

  • Beispiel Echinacea-Produkte (Sonnenhut): Tumorhemmende und immunstimulierende Wirkungen aus in-vitro-Experimenten ließen sich bisher in klinischen Studien am Menschen nicht bestätigen. Die Überlebenszeit von Echinacea-behandelten Krebspatienten entsprach der von unbehandelten Patienten.    

Kategorie III: Es liegen zwar Daten aus klinischen Studien mit Krebspatienten vor. Doch die Datenlage ist widersprüchlich oder nicht aussagekräftig genug, um eine Wirksamkeit zu belegen.

  • Beispiel Kurkuma (Gelbwurz): Eine antitumoröse Wirkung des Inhaltsstoffs Curcumin gilt als (noch) nicht bewiesen.

3. Nutzen nicht untersucht

Als „nicht untersucht“ ordnet der KID Methoden ein, deren Wirkung gegen Krebs weder im Rahmen von Grundlagenforschung noch am Menschen untersucht worden ist. Hierzu zählen etwa Skalarwellen, eine Form von elektromagnetischen Longitudinalwellen.

4. Nutzen widerlegt

Bei einigen KAM wurde der Nutzen in Studien widerlegt. Bei diesen Methoden steht neben dem fehlenden Nutzen auch das vorhandene Risiko einer Anwendung im Vordergrund, betont der KID. Dies gilt etwa für Amygdalin (fälschlich als „Vitamin B 17“ bezeichnet), ein zyanogenes Glykosid, das vor allem in Aprikosen- und Pfirsichkernen vorkommt. Durch enzymatische Spaltung kann sich aus Amygdalin zytotoxische Blausäure (Cyanwasserstoff; Salz: Cyanid) bilden, die beim Menschen zu Vergiftungserscheinungen bis hin zu schweren Zyanid-Vergiftungen führen kann. Mehr zu den Risiken von Amygdalin finden Sie in unserem Beitrag “Amygdalin: Vierjähriger erlitt Blausäurevergiftung nach Behandlung mit „Vitamin B17“.

Erfahren Sie im zweiten Teil des Beitrags, welche alternativen Methoden mit schweren Risiken für den Patienten verbunden sind.

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