13. August 2018

Als Arzt in die Schweiz

Viele Vorteile – doch wo ist der Haken?

Attraktive Vergütung, hohe Klinikbudgets, flache Hierarchien und weniger administrativen Aufwand – die Schweiz bietet Ärzten viele Vorteile. Es häufen sich jedoch auch kritische Stimmen, die einige Nachteile des hoch gelobten Schweizer Abrechnungssystems nennen oder über die Unaufgeschlossenheit der Schweizer Kollegen und Patienten berichten. Doch wie sieht die aktuelle Situation wirklich aus?

Lesedauer: 4 Minuten

Interview: Marina Urbanietz

Maximilian Kranz ist Personalberater bei der Ärztevermittlungsagentur doctari Schweiz mit dem Sitz in Allschwil (Basel). Nach seinem Studium der Politikwissenschaften ist er seit 2017 bei doctari tätig und zuständig für den Bereich Stellenberatung/Vermittlung in Schweizer Kliniken.

Seit Monaten berichten Medien von einem Ärztemangel in der Schweiz. Wie sieht die aktuelle Situation aus?

M. Kranz: Wir sehen tatsächlich vor allem in der Grundversorgung einen massiven Mangel an qualifizierten Ärzten. Je nach Region sind natürlich auch andere Fachrichtungen betroffen. Die Schweizer Universitäten haben aktuell noch nicht die Kapazität, um genügend Ärzte auszubilden und sind daher dringend auf Ärzte aus dem Ausland angewiesen. Diese Situation wird sich wahrscheinlich so schnell auch nicht entschärfen.

Welche Fachrichtungen sind in der Schweiz besonders gefragt?

M. Kranz: Die Nachfrage an Hausärzten und Pädiatern ist sehr groß. Auch Internisten, Gynäkologen und Geriater sind gefragt. Für Kliniken sind Spezialisten insbesondere im Bereich Intensivmedizin/Schmerztherapie und Onkologie interessant.

Welche Voraussetzungen sollten Ärzte mitbringen, bevor sie sich in der Schweiz bewerben? 

M. Kranz: Interessierte Kollegen sollten die Staatsbürgerschaft eines EU oder EFTA Mitgliedstaates besitzen und im Idealfall drei Jahre ärztliche Erfahrung in Vollzeit-Anstellung vorweisen können. Zudem, falls Deutsch nicht die Muttersprache ist, sollte das Sprachniveau auf Level B2 oder C1 des europäischen Referenzrahmens nachgewiesen werden. Bei Assistenzärzten muss außerdem geprüft werden, ob die Weiterbildungsinhalte in Deutschland anerkannt werden.

Anm. der Red.: Auf der Webseite der „Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte“ (FMHkann man sich über die Weiterbildungsordnung, einzelne Fachgebiete sowie die verfügbaren Weiterbildungsprogramme ausführlich informieren.

Ich möchte als Arzt in der Schweiz arbeiten: Was ist der erste Schritt?

M. Kranz: Für eine Tätigkeit in der Schweiz benötigen Ärzte eine Gleichwertigkeitsanerkennung (die sogenannte MEBEKO Anerkennung). Je nachdem, ob die medizinische Ausbildung in der EU / EFTA oder in einem anderen Staat absolviert wurde, gibt es ein bestimmtes Antragsverfahren. Besitzt ein Arzt die Anerkennung bereits zu Beginn des Bewerbungsverfahrens, kann dies die Chancen auf eine Stelle erhöhen.

Anm. der Red.: Für die Anerkennung von Arztdiplomen aus den EU-Mitgliedstaaten ist die Medizinalberufekommission (MEBEKO) mit dem Sitz in Bernzuständig. Auch für die Anerkennung von Diplomen, die außerhalb der EU erworben wurden, ist MEBEKO der zentrale Ansprechpartner. Die MEBEKO-Anerkennung gilt ein Leben lang. 

Wie lang dauert der ganze Prozess in der Regel?

M. Kranz: Der Anerkennungsprozess der Diplome kann unter Umständen bis zu 3 Monate dauern und kostet ca. 800 bis 1000 CHF pro Urkunde. Wer also noch keine MEBEKO Anerkennung hat, sollte mit 3-6 Monaten vom Tag der Bewerbung bis zum ersten Arbeitstag rechnen.

Sie benötigen mehr Informationen zur Arbeit als Arzt in der Schweiz? Hier finden Sie das ausführliche Interview mit Maximilian Kranz und Erfahrungsberichte deutscher Ärzte.

Wie hoch sind die Arztgehälter in der Schweiz?

M. Kranz: Es gibt kantonale Unterschiede und die Höhe des Gehalts hängt auch von der Fachrichtung, der Berufserfahrung, sowie der Größe der Klinik ab. Eine 36-jährige Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe mit 2-jähriger Erfahrung als Oberärztin kann beispielsweise im Kanton Zürich an einer kleinen Klinik mit einem Jahresbruttolohn von ca. CHF 146.000 rechnen (bei einem Beschäftigungsgrad von 100%).

Allerdings müssen auch die höheren Lebenshaltungskosten berücksichtigt werden. Lebensmittel sind oft deutlich teurer als in Deutschland und auch die Mieten sind in der Regel recht hoch. In Zürich beispielsweise bekommt man für CHF 1.000 nur ein kleines Einzimmerapartment oder vielleicht sogar nur ein WG-Zimmer. Man sollte schon allein für die Miete mindestens CHF 2.000 bis 3.000 einkalkulieren. Auch die Kosten für einen Telefonanschluss oder Handyverträge sind deutlich höher als in Deutschland.  

Schweizer Gesundheitssystem: Was ist besser und was vielleicht schlechter als in Deutschland?

M. Kranz: Aus der Perspektive der Ärzte hat das Schweizer Gesundheitssystem auf jeden Fall viele Vorteile: höhere Klinikbudgets, hoher Personalschlüssel, vergleichsweise flache Hierarchien und weniger administrativen Aufwand.

“Je nach Position kommt mit dem Wechsel erst einmal ein Karriere-Downgrade.”

Eine Hürde könnte der Positionswechsel bzw. ein gewisser Positionsabstieg in der Schweiz im Vergleich zu Deutschland sein: Als deutscher Chefarzt kann man in der Schweiz nicht unbedingt direkt in eine Chefarztposition starten. Ein Chefarzt könnte hier beispielweise zuerst als leitender Arzt anfangen und dann nach drei bis vier Jahren auf die Position kommen, die er in Deutschland bereits hatte.

Auch der häufige Stellenwechsel im Lebenslauf ist in der Schweiz nicht gerne gesehen. Nach zwei Jahren die Stelle zu wechseln, ist hier nicht so üblich und wenn man anstrebt, seine Karriere voranzutreiben, dann ist es empfehlenswert, langfristig an einer Klinik zu bleiben. Auch die Einstufung im Lohn hängt sehr stark damit zusammen. Folgende Situation erleben wir sehr häufig z. B. bei Honorarärzten: bei einer Festanstellung werden nicht die vielen Jahre Berufserfahrung angerechnet, sondern wirklich nur der Teil, in dem man Vollzeit gearbeitet hat. Wenn jemand zum Beispiel temporär nur zu 60% an einer Klinik tätig war, werden die Monate nur anteilig angerechnet, was die Berufserfahrung zusammenschrumpfen lässt und sich natürlich auch negativ auf das Gehalt auswirkt.

Also für jemanden, der kurzfristig in die Schweiz kommen und reinschnuppern möchte, empfehle ich die Honorartätigkeit mit temporären Einsätzen, um zu sehen, wie das Gesundheitssystem hier funktioniert. Aber wer den Schritt wagen möchte, in der Schweiz eine Festanstellung anzutreten, der sollte zuerst fünf bis zehn Jahre an einer Klinik einplanen. Dann kann man in der Schweiz eine steile Karriere hinlegen.

In unserem Skype-Interview beantwortet Maximilian Kranz folgende Fragen:

  • Was sind die häufigsten Hürden für deutsche Ärzte in der Schweiz?
  • Ihr Rat an alle Ärzte, die in der Schweiz arbeiten möchten?

Videodauer: 4 Minuten

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Bildquelle: © istock.com/swissmediavision.

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