13. November 2016

Alkoholentzug beim Hausarzt: So können Sie vorgehen

Die ambulante Entgiftung von Alkoholabhängigen hat in Deutschland einen geringen Stellenwert. Dabei bietet sie die Möglichkeit, viele Patienten früher, gezielter und erfolgreicher in das therapeutische Hilfesystem zu integrieren – so die Erfahrung des Internisten Dr. Volker Nüstedt. Der Arzt führt in seiner Praxis seit mehr als 10 Jahren regelmäßig ambulante Alkoholentgiftungen durch. Erfahren Sie hier, wie er dabei vorgeht.

Der folgende Beitrag basiert auf einem Artikel aus der Deutschen Medizinischen Wochenschrift 2016; 141 und wurde hier für Sie von Dr. Nina Mörsch zusammengefasst.

Voraussetzungen: Welche Patienten kommen infrage?

Häufig kostet es alkoholkranken Patienten viel Überwindung, ihrem Hausarzt von ihrem Problem zu erzählen. Doch aus Sicht von Dr. Nüstedt lohnt es sich, mögliche Anzeichen oder auch vorsichtige Äußerungen des Patienten als Einstieg in das sensible Thema zu nutzen. Das Angebot einer ambulanten Entgiftung eignet sich für viele Betroffene. Die Patienten sollten hierzu beim Arztkontakt

  • ausreichend nüchtern,
  • voll orientiert und
  • einsichtsfähig sein.

Ebenso sollten die Patienten in der ambulanten Entgiftung nicht alleine leben und in der Anamnese keinen Entzugskrampf oder Alkoholentzugsdelir haben. Diese soziale und medizinische Situation trifft auf die Mehrheit der alkoholkranken Patienten zu.

Vorgehen: Medikamentengabe in der Praxis obligat

Die Entgiftung erfolgt in Nüstedts Praxis mit Clomethiazol. Der Internist betont, dass aufgrund des Sucht- und Missbrauchspotenzials die täglich portionierte Abgabe in der Praxis obligat ist. Der Patient erhält hier nur die jeweilige Tagesdosis: In den ersten beiden Tagen sind 6–8, selten 10 Kapseln Clomethiazol notwendig. Spätestens ab dem dritten Tag kann täglich eine Kapsel reduziert werden. Mit einer begleitenden niedrigdosierten antikonvulsiven Therapie ist die Therapiesicherheit hoch, so der Internist.

Täglicher Kontakt essenziell

Der tägliche persönliche Kontakt in der Entgiftungsphase mit angepasster Reduktion der Medikation führt zu einem tragfähigen Arzt-Patient-Bündnis als Grundlage der weiteren Suchttherapie. Während der täglichen Besuche werden die Symptome kontrolliert, gegebenenfalls auch nach dem evaluierten Score der Alkohol-Entzugssyndrom-Skala. Anschließend werden dem Patienten die Dosierung für die nächsten 24 Stunden sowie die Einnahmeverordnung ausgehändigt.

Dieses Vorgehen ist zügig und unkompliziert in den Praxisalltag integrierbar. Während der Entgiftungswoche sind die Patienten in der Regel arbeitsunfähig, in Einzelfällen kann hiervon auch abgesehen werden. Auf die Beeinträchtigung der Verkehrstauglichkeit ist selbstverständlich hinzuweisen.

Frühzeitige Einbindung in das Suchthilfesystem

Schon während der Entgiftung sollte der Patient frühzeitig in das Suchthilfesystem mit Kontakten zur Beratungsstelle, Rehabilitationsbehandlung und Unterstützung durch Selbsthilfegruppen eingebunden werden. Auch hier zeigen sich die Vorteile der ambulanten hausärztlichen Intervention: Die Zusammenarbeit mit den Hilfseinrichtungen wird vom Patienten erfahrungsgemäß eher akzeptiert.

Nach der Entgiftung: Physiologische Grundlagen vermitteln

Nach der Entgiftung erfolgen zunächst zwei Kurzkontakte im Wochenabstand, dann einmal monatlich. Ein wesentlicher inhaltlicher Schwerpunkt sollte bei diesen Kontakten darauf liegen, die neurobiologischen Grundlagen der Suchtentwicklung verständlich zu vermitteln. Hierdurch wird dem Patienten, aber auch dem Therapeuten, ein anderer Zugang zu diesem Krankheitsbild möglich.

Rückfallrate bei ambulanter Entgiftung unter 5 Prozent

Die klar vorgegebenen Strukturen bei der ambulanten Entgiftung in der hausärztlichen Praxis tragen dazu bei, die Rückfallquote zu reduzieren und die Adhärenz weiter zu verbessern. Auch der behandelnde Hausarzt hat dabei gewonnen: Die so geschaffene hohe Patientenzufriedenheit bringt ihm das Gefühl, mit guter Arbeit auch bei Alkoholabhängigkeit aktiv und entscheidend helfen zu können.

Volker Nüstedt: Deutsch Medizinische Wochenschrift 2016; 141: 1113-1114: Ambulanter Alkoholentzug in der hausärztlichen Praxis

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