20. Mai 2017

5 Medikamente mit Abhängigkeitspotenzial

Bei Opioiden in der Schmerztherapie oder Amphetaminen in der Behandlung von ADHS ist die Gefahr einer physischen Abhängigkeit bekannt. Doch auch bei einer Reihe von anderen Medikamenten besteht ein, manchmal überraschendes, Suchtpotenzial.

Dieser Beitrag wurde von Christoph Renninger, coliquio-Redaktion, für Sie erstellt. Die fachliche Beratung erfolgte durch den Arzt und Apotheker Dr. med. Dr. rer. nat. Ulrich Grass.

Loperamid

Das weitverbreitete Mittel gegen Durchfallerkrankungen wirkt an µ-Opioidrezeptoren im Plexus myentericus. Aufgrund der lokalen Wirkung im Darm, kommt es nicht zu zentralnervösen Opiat-ähnlichen Effekten. Dennoch besteht das Potenzial von Missbrauch und Abhängigkeit.

Manche Patienten mit einer Opioidabhängigkeit konsumieren hohe Dosen von Loperamid. Dies kann zu gefährlichen Herzrhythmusstörungen führen. In einem Artikel wird von zwei Todesfällen in den USA berichtet. 1 Zudem nehmen einige Patienten gleichzeitig (missbräuchlich) Chinin ein, damit Loperamid die Blut-Hirn-Schranke überwinden kann.

Ärzte aus den USA berichten von einem 26-jährigen Patienten, der täglich 800 mg Loperamid einnahm, die empfohlene Tageshöchstdosis liegt bei 12 mg. 2 Bei dieser Dosis kommt es zu euphorisierenden Effekten und die Symptome ähneln jenen anderer Opioide. Auch dieser Patient verstarb, nachdem er eine Entziehungskur abgebrochen und eine Überdosis Loperamid eingenommen hatte. 3

Oxymetazolin

Nasensprays mit α1-Adrenorezeptor-Agonisten führen zu einer Abschwellung der Schleimhäute und sorgen bei Erkältungen für eine erleichterte Atmung. Diese Erleichterung, auch wenn die wissenschaftliche Evidenz nur gering ist, kann jedoch zu einem Abhängigkeitskreislauf führen. 4 Ein längerer Gebrauch führt zu einem Schwund der Nasenschleimhaut und die Blutgefäße in der Nase entzünden sich ohne das Nasenspray.

Daher sollten Sprays mit Xylo- oder Oxymetazolin höchstens 3-mal täglich und nicht länger als eine Woche verwendet werden. 5 Dennoch gibt es immer wieder Medienberichte über Nasensprayabhängigkeit, die zu schweren Schädigungen der Nase führen, bis zum Verlust des Geruchsinns. 6

Benzodiazepine

Auch wenn das Abhängigkeitspotenzial von Benzodiazepinen, bereits nach kurzer Einnahmedauer, bekannt ist, werden diese noch immer häufig verordnet. In Deutschland werden vor allem Lorazepam (Tavor®), Oxazepam (Adumbran®) und Diazepam (Valium®) verschrieben, in den USA gehört Alprazolam (Xanax ®) sogar zu den meistverschriebenen Medikamenten überhaupt. Besonders hoch ist das Nebenwirkungsrisiko, wenn die Medikamente zusammen mit Alkohol eingenommen werden. Alprazolam wird zunehmend zur Entspannung zusammen mit Wein konsumiert. 7

Die Symptome, die mit Benzodiazepinen behandelt werden, wie Ängstlichkeit oder Schlafstörungen, können beim Entzug verstärkt auftreten. Zum Absetzen der Medikation sollte daher auf eine einzige Substanz zurückgegriffen werden und die Dosis stufenweise reduziert werden. 8  

Z-Substanzen

Die Schlafmittel Zolpidem und Zopiclon stellen eine Alternative zu Benzodiazepinen dar, deren Nebenwirkungen und Abhängigkeitspotenzial bekannt sind. Doch auch wenn eine Medikamentensucht bei den Z-Substanzen seltener vorkommt als bei Benzodiazepinen, gibt es einige Fallberichte.

Gerade bei Patienten mit einer Vorgeschichte von Medikamenten- oder Alkoholmissbrauch oder mit psychiatrischen Erkrankungen, besteht die Gefahr einer Abhängigkeitsentwicklung. Die Fälle traten in allen Altersgruppen und bei beiden Geschlechtern auf. Dabei wurde das bis zu 120-fache der empfohlenen Dosis konsumiert. 9

Dexamethason

Das synthetische Glucocorticoid wird aufgrund seiner antiinflammatorischen, antiallergischen und immunsuppressiven Wirkung bei einer Vielzahl von Erkrankungen eingesetzt. Der Langzeitgebrauch – vor allem in höheren Dosen – ist mit Nebenwirkungen wie Diabetes, Bluthochdruck oder Osteoporose assoziiert. Doch auch die anhaltende Suppression der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) nach dem Absetzen der Therapie sollte beachtet werden, da sie zu einer lebensbedrohlichen Nebenniereninsuffizienz führen kann. 10

Bei einer physischen und/oder psychischen Abhängigkeit treten beim Abbruch der Therapie Entzugssymptome wie Müdigkeit, Gelenk- und Kopfschmerzen, Stimmungsschwankungen oder emotionale Labilität auf. Dies kann selbst bei einer Dosisreduktion auf weiterhin supraphysiologische Level vorkommen.

Die zugrundeliegenden Mechanismen sind noch unbekannt, wahrscheinlich spielen jedoch verschiedene Mediatoren (z.B. CRH, Vasopressin, Zytokine) eine Rolle. Das Absetzen von Dexamethason sollte daher langsam und über mehrere Monate erfolgen. Dadurch kann sich zudem die körpereigene Regulation über die HPA-Achse wieder normalisieren. 10

Dr. med. Dr. rer. nat. Ulrich Grass 
(Bodman-Ludwigshafen)

Facharzt für klinische Pharmakologie und für Allgemeinmedizin; Fachapotheker für Arzneimittelinformation und für Offizinpharmazie; Referent des Landesapothekerverbands, u.a. Fortbildungs-Seminare zu Arzneimittel-Interaktionen; Vertreter im KV-Bereitschaftsdienst. Folgen Sie ihm hier.

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  1. Eggleston W et al. Loperamide Abuse Associated With Cardiac Dysrhythmia and Death. Ann Emerg Med 2017; 69(1): 83-86. 
  2. Gebrauchsinformation Imodium ® (Loperamidhydrochlorid), Stand September 2015
  3. MacDonald R et al. Loperamide dependence and abuse. BMJ Case Reports 2015; doi:10.1136/bcr-2015-209705.
  4. Deckx L et al. Nasal decongestants in monotherapy for the common cold. Cochrane Database Syst Rev 2016; 10: CD009612.
  5. Gebrauchsinformation Nasivin ® (Oxymetazolinhydrochlorid), Stand Mai 2014
  6. Saltus R. Nasal Sprays Can Bring on Vicious Cycle. New York Times, 14.03.2006
  7. Mavangira R. Xanax and wine: A cocktail for trouble. The Corsair, 28.11.2012
  8. Soyka M. Treatment of Benzodiazepine Dependence. New England Journal of Medicine 2017; 276: 1147-1157.
  9. Hajak G et al. Abuse and dependence potential for the non-benzodiazepine hypnotics zolpidem and zopiclone: a review of case reports and epidemiological data. Addiction 2003; 98(10): 1371-1378.
  10. Iliopoulou A et al. How to manage withdrawal of glucocorticoid therapy. Prescriber 2013; 24 (10): 23-29.

Bildquellen:
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