21. Juli 2020

Virchow-Bund

TI-Streit: Scheitert die Digitalisierung der Praxen?

Im „Haifischbecken Gesundheitswesen“ schlagen die Wellen hoch. Zahlreiche Kassenärztliche Vereinigungen und Ärzteverbände kritisieren die Digitalisierungsstrategie und das Vorgehen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Ein „gut gemeinter Ansatz droht, zu einer Zumutung für Ärzte und Patienten zu werden“, warnt die Allianz Deutscher Ärzteverbände. Der Bundesvorsitzende des Virchowbundes erklärt die Hintergründe der Kritik.

Lesedauer: 3 Minuten

Der folgende Beitrag wird vertreten vom Virchowbund.

Dr. Heinrich, warum sorgt die Telematik-Infrastruktur (TI) gerade wieder für Ärger?

Dr. Dirk Heinrich ist Bundesvorsitzender des Virchowbundes und niedergelassener <span>HNO</span>-Arzt.
Dr. Dirk Heinrich ist Bundesvorsitzender des Virchowbundes und niedergelassener HNO-Arzt.

Die TI ist immer noch eine technische Dauerbaustelle mit vielen Problemen für die Anwender. Die jüngste TI-Störung hat sich über Wochen hingezogen und im Praxisablauf massiv Ärger verursacht. Dieser Aufwand und die Kosten für externe Techniker sind mit den Pauschalen nicht ausreichend gegenfinanziert.
Und dennoch reagiert der Gesetzgeber mit harten Fristen und noch härteren Strafandrohungen, um sie durchzusetzen. So eine Vorgehensweise demotiviert und ruft Gegenreaktionen hervor.

Es wäre sinnvoller gewesen, wenn Politik und Selbstverwaltung gerade in Corona-Zeiten angesichts der Mehrbelastungen der Praxen das strikte TI-Zeit- und Sanktions-Regime gelockert hätten.

Der Virchowbund hat in der Vergangenheit die Digitalisierung befürwortet.

Das ist auch immer noch so. Wir Ärzte wollen die Digitalisierung. Wo wäre die Medizin, wenn Ärztinnen und Ärzte nicht seit Jahrhunderten technische Neuerungen entwickeln und vorantreiben würden?

Jetzt kommt das Aber: Es muss auch einen Mehrwert geben. Und zwar einen, der direkt im Praxisalltag spürbar ist. Gerade diesen Mehrwert vermissen viele Kolleginnen und Kollegen Ärzte bei der Telematikinfrastruktur.

Stichwort „Versichertenstammdatenabgleich“?

Auch, denn diese Funktion ist nur für die Krankenkassen von Interesse. Wir Ärzte machen hier den Job der Kassen, genauso wie wir das bei der ePA tun sollen. Auch da fehlt der primäre Nutzen. Nur eine eFallakte kann eine lückenlose Dokumentation sicherstellen, auf die alle beteiligten Ärzte sich auch verlassen können. Eine ePA, in der Patienten Daten verändern, ausblenden und löschen können, erfüllt diesen Zweck nicht.

Die eAU ist zwar an sich sinnvoll. in der Praxis führt sie aber erst einmal zu deutlichem Mehraufwand. Außerdem: Wer, aus welchen Gründen auch immer, nicht an diesem Vorgang teilnimmt, ist quasi aus der vertragsärztlichen Versorgung ausgeschlossen.

Das eRezept krankt an ähnlicher Stelle. Viele Patienten haben schlicht nicht die technischen Möglichkeiten oder das nötige Anwender-Wissen, um mit einem eRezept umgehen zu können. Das Papierrezept bleibt also notwendig. Ein weiteres Mal werden Doppelstrukturen geschaffen.

Und dann ist da noch die legitime Datenschutz-Kritik: Zwei Jahre nach Inbetriebnahme der TI liegt noch keine Datenschutzfolgeabschätzung der Gematik vor. Gleichzeitig fürchten viele Ärzte, die neue IT-Sicherheitsrichtlinie der KBV könnte zu massiven Mehrkosten für die Praxen führen. Genau deshalb hat die Vertreterversammlung dafür gestimmt, dass diese Sicherheitsrichtlinie nicht in Kraft treten darf, bis klar ist, wer diese Kosten trägt. Wir Ärzte dürfen nicht darauf sitzen bleiben.

Wie kann die Ärzteschaft ihre legitimen Forderungen gegen den Widerstand aus dem Ministerium durchsetzen?

Diese Kritik an der aktuellen Digitalisierungsstrategie zu formulieren und zu kanalisieren ist Aufgabe der freien Verbände. Einmal mehr zeigt sich: In solch schwierigen Situationen können sie die Ärzteschaft besser vertreten als öffentliche Körperschaften, die gezwungen sind, Gesetze und Verordnungen umzusetzen und damit immer zwischen zwei Stühlen sitzen. Je stärker die freien Verbände im Hintergrund, desto eher haben auch die KVen und die KBV eine Chance, die Positionen der Ärzteschaft realpolitisch umzusetzen.

Bleiben Sie ein Fan der Digitalisierung?

Auf jeden Fall, und zwar dort, wo sie Mehrwert schafft. Seit zwei Jahren werbe ich dafür, dass die Hotline 116 117 des ärztlichen Notdienstes zu einer zentralen Plattform für Terminvergabe und Patientensteuerung ausgebaut wird. Dann hätten die Vertragsärzte der immer größer werdenden Macht und den Gewinninteressen von Google, Amazon, Jameda und Co. endlich etwas Wirkungsvolles entgegenzusetzen.

Doch einige KVen verschlafen diese historische Chance zur Weiterentwicklung der 116 117 zu einer nicht-kommerziellen Terminplattform in der Hand der Vertragsärzte gerade.

1. Virchow-Bund

Bildquelle: ©Virchowbund / Lopata

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