04. Dezember 2020

Meinung

Ärztliche Flucht in den Ruhestand durch Corona & Digitalisierung?

Die Corona-Krise führt zu spannenden Paradoxien, die bei Vertragsärzten an den Kernbestand des tradionellen, höchstpersönlichen Versorgungsgefüges gehen. Stellt dies nun eine ernsthafte finanzielle Bedrohung für niedergelassene Ärzte dar?

Lesedauer: 3,5 Minuten

Kassenzulassung zurückzugeben?

Patienten öffnen sich bei der Nutzung von elektronischer Patientenakte und Videosprechstunde. Dies tut auch offensichtlich der eher jüngere Teil der niedergelassenen Ärzteschaft. Gleichzeitig deuten Befragungsergebnisse niedergelassener Ärzte darauf hin, dass bei den Haus- und Fachärzten über 60 Jahre ein Teil darüber nachdenkt, die Kassenzulassung zurückzugeben und nur noch im Bereich der Privat- und Selbstzahler-Medizin tätig zu sein.

Manche Patientengruppen können bald wegbrechen

Gleichzeitig drängen die globalen, kommerzbasierten Internet-Konzerne in den Gesundheitsbereich und besetzen mit Wearables/Smart-Watches auch immer mehr das Thema „Selbststeuerung der Gesundheit” im Segment der einkommens- und bildungsstarken jüngeren Generation. Wichtige Nachfrager-Gruppen der niedergelassenen Praxisstruktur können so leise wegbrechen.

Dazu gehört auch die Überlegung des Sachverständigenrats im Gesundheitswesen, wegen steigender Corona-Gefahr schneller als geplant Sensortechnik für Telemonitoring bei chronisch kranken Patienten als Kassenleistung einzusetzen. Diese Zielgruppe ist zurzeit für über 50% der Arztkontakte und -zeit im Quartal verantwortlich.

Gleichzeitig zeigt die Angst vor der individuellen Überforderung des älteren Kassenarztes durch die gesetzliche Anforderung zur Einführung der Telematik-Infrastruktur die Zerbrechlichkeit des Gesamtsystems. Insbesondere dann, wenn ein Teil der überalterten Ärzteschaft über 60 Jahre (40% der Hausärzte) dies zum Anlass nimmt, aus der vertragsärztlichen Versorgung auszusteigen.

Weniger Patienten – irgendwann auch weniger Gewinn

Vereinfacht könnte man zum Ergebnis kommen, die Patienten der ausscheidenden Altärzte können die Nachfrage-Defizite in den verbleibenden Praxen kompensieren. Die Effekte werden aber je nach Standort extrem unterschiedlich sein. Generell ist zu befürchten, dass sich auch im urbanen Bereich die Gewohnheitsstrukturen zur Nutzung der Arztpraxis verändern. Alleine ein 10%iger Fallzahlverlust führt bei 50% Kostenstruktur zu einem 20%igen Gewinnverlust. Dies wären ca. 30.000 Euro und mehr p.a. bei einer Durchschnittsbetrachtung.

Neue Rollenbilder für den ambulanten Arzt

Wie ist zu reagieren, wenn bei Chronikern bis zu 3 Messkontakte pro Quartal in der Arztpraxis wegfallen, weil nun Sensoren die Messvorgänge in der Häuslichkeit des Patienten am Körper übernehmen? Entsteht plötzlich ein Wettbewerb durch expansive Kollegen, die statt Kontrollterminen neue Patienten für die weggefallenen Termine akquirieren wollen?

Das Thema ist an sich deshalb so ernst, weil der Sachverständigenrat im Gesundheitswesen fordert, dass schon in der aktuellen Corona-Krise eine digitale telemedizinisch unterstützte Überwachung von Vitalparametern wie Körpertemperatur, Blutdruck, Herzschlagfrequenz befolgen sollte. 1

Das Robert Koch-Institut (RKI) will beispielsweise zur Erkennung von Corona-Ansteckungen Fitness- und Aktivitätsdaten aus der Bevölkerung sammeln. Die zentrale Botschaft lautet: „Da sich Pulsfrequenz, Schlafrhythmus und Aktivitätsniveau bei einer akuten Atemwegserkrankung verändern, kann das RKI aus diesen Daten auch eine Covid-19-Erkrankung herauslesen”. Dieser Vorstoß macht den Übergang von der scheinbar nicht ärztlichen Fitnessebene zu kurativen Existenzfrage deutlich.

Präventiver Gesundheitsbereich der Fitness-Sensoren als neuer Selbstzahlermarkt?

Die Vitaldaten, die bisher nur von Unternehmen wie Fitbit, Garmin, Google, Apple & Co. angeboten und genutzt wurden, zeigen die Bruchstelle zur Arztpraxis auf. Bisher hat sich die Ärzteschaft nicht um den präventiven Gesundheitsbereich der Fitness-Sensoren der Digitalkonzerne gekümmert. Dabei würden 60% der jungen einkommens- und bildungsstarken Nutzer bis 55 Jahren eine Arztberatung wünschen. Dies ist an sich der Schlüssel für einen ganz neuen Selbstzahlerbereich – nämlich des digitalen Leibarztes/Vitalarztes und könnte eins der Dienstleistungsangebote einer Hausarzt- oder Internisten- oder Orthopädiepraxis sein.

Eine von der Bundesregierung geforderte lokale digitale Gesundheitsplattform, wie sie beispielsweise die Stadt Wiesbaden mit „mymedAQ” anbietet, könnte für niedergelassene Ärzte einen neuen Kommunikationskanal darstellen.

Es lohnt sich schon, genauer hinzuschauen

Es lohnt sich schon, genauer hinzuschauen und über den Transformationsprozess zu reflektieren. Allein die Vorbereitungen auf solche neuen digitalen Strukturprozesse dürften bis zu 3 Jahren dauern.

Über den Autor:
Hans-Joachim A. Schade ist Fachanwalt für Medizinrecht und Wirtschaftsmediator von der Rechtsanwaltskanzlei “Broglie, Schade & Partner GbR” mit den Sitzen in Wiesbaden, Berlin und München.

Diese Themen könnten Sie auch interessieren

  1. Pressemitteilung der Mitglieder des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen: Ferdinand Gerlach, Wolfgang Greiner, Beate Jochimsen, Christof von Kalle, Gabriele Meyer, Jonas Schreyögg, Petra A. Thürmann. Daten teilen heißt besser heilen! Digitalisierung als ein Schlüssel zur Überwindung der Coronakrise, 22.04.2020.

Bildquelle: © GettyImages/AnnaStills

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG. coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653