11. September 2020

Prospektive Kohortenstudie aus Großbritannien

Schwere Verläufe von Covid-19 bei Kindern

Kinder machen weltweit nur 1-2 % der Covid-19-Patienten aus und weisen meist nur leichte Symptome auf. Trotzdem gibt es auch bei Kindern schwere Verläufe, einige entwickeln ein multisystemisches inflammatorisches Syndrom (MIS-C für multisystem inflammatory syndrom in children), das Ähnlichkeiten mit dem Kawasaki-Syndrom oder einem toxischen Schock hat.1

Lesedauer: 2,5 Minuten

Daten von 651 Kindern und Jugendlichen ausgewertet

Bisher beruhen alle Daten zu einem Covid-19-assoziertem MIS-C nur auf retrospektiven Fallserien. Um den Phänotyp von Kindern mit einer schweren SARS-CoV-2-Infektion noch besser zu charakterisieren, werteten Olivia V. Swann von der University Edinburgh und Kollegen im Rahmen einer prospektiven Kohortenstudie die Daten von 651 Kindern und Jugendlichen unter 19 Jahren aus, die aufgrund von Covid-19 in 138 englischen Krankenhäusern stationär behandelt wurden. Besonders im Fokus stand dabei die Aufnahme auf die Intensivstation, die Sterblichkeit im Krankenhaus und die Erfüllung der vorläufigen WHO-Kriterien für ein MIS-C (siehe Kasten).

Vorläufige WHO-Kriterien für die Diagnose eines MIS-C

1. Fieber für mindestens 3 Tage

2. plus 2 der folgenden Kriterien:

  • Rash, bilaterale nicht-purulente Konjunktivitis oder mukokutane Inflammationszeichen
  • Hypotension oder Schock
  • Anzeichen für eine myokardiale Dysfunktion, Perikarditis, Klappenerkrankungen oder Koronarauffälligkeiten
  • Nachweis einer Koagulopathie
  • akute gastrointestinale Symptome (Diarrhö, Erbrechen, Bauchschmerzen)

3. plus erhöhte Inflammationsmarker (CRP, Ferritin)

4. plus fehlende andere mikrobiologische Ursache für eine Inflammation

6 Kinder (1 %) mit schweren Komorbiditäten verstarben

Die Kinder waren im Mittel 4,6 Jahre alt, 35 % unter 12 Monaten und 56 % männlich. 42 % hatten mindestens eine relevante Komorbidität (vor allem neurologische und hämatologisch/onkologische Erkrankungen oder Asthma). Das häufigste Symptom war Fieber (70 %), gefolgt von Husten (39 %), Übelkeit/Erbrechen (32 %) und Kurzatmigkeit (30 %).  

18 % der Kinder mussten auf die Intensivstation aufgenommen werden. In der Multivarianzanalyse war dies mit einem Alter unter einem Monat (OR 3,21) oder 10 bis 14 Jahren (OR 3,23) und schwarzer Ethnizität (OR 2,82) assoziiert – nicht aber mit den Komorbiditäten. Kinder mit intensivpflichtiger Erkrankung litten bei Erstpräsentation häufiger unter Diarrhö, Konjunktivitis und Bewusstseinsstörungen und waren allgemein kränker. Im Labor fielen eine niedrigere Thrombozyten- und höhere Neutrozytenzahl sowie ein höheres CRP auf und es waren häufiger Lungeninfiltrate nachweisbar. Sechs Kinder (1 %) verstarben im Krankenhaus, von denen alle schwere Komorbiditäten aufwiesen.

MIS-C vor allem bei älteren Kindern

52 Kinder (11 %) erfüllten die WHO-Kriterien eines MIS-C. Diese Kinder waren im Mittel älter (mittleres Alter 10,7 Jahre), hatten häufiger eine nicht-weiße Ethnizität (64 % vs. 42 %) und mussten fünfmal häufiger auf die Intensivstation aufgenommen werden (73 vs. 15 %). In dieser Gruppe bestand eine Assoziation zwischen Aufnahme auf die Intensivstation und Komorbiditäten – insbesondere mit Frühgeburtlichkeit sowie respiratorischen und kardialen Vorerkrankungen. Todesfälle traten in der MIC-C-Gruppe nicht auf. Neben den schon bekannten MIS-C-Kriterien fielen den Autoren in dieser Gruppe weitere gehäuft auftretende Symptome auf:

  • Fatigue (51 vs. 28 %)
  • Kopfschmerzen (34 vs. 10 %)
  • Myalgie (34 vs. 8 %)
  • Halsschmerzen (30 vs. 12 %)  
  • Lymphadenopathie (20 vs. 3 %)
  • Thrombozytenzahl < 150× 109/L

WHO-Definition des MIS-C bei Covid-19 weiter präzisieren

Diese Erkenntnisse könnten in Zukunft dazu beitragen, die WHO-Definition des MIS-C bei Covid-19 weiter zu präzisieren, schreiben die Autoren. Zudem wurde gezeigt, dass ein MIS-C sowohl in der Akutphase der Erkrankung als auch während der Rekonvaleszenz auftreten kann.

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