12. Dezember 2019

Vergiftungen bei Kleinkindern

Wichtige Erstmaßnahmen

Ein Schluck vom Reiniger, die Tabletten von Oma und Opa oder die leuchtend roten Beeren vom Gartenbaum – im Alltag kann es bei Kleinkindern schnell zu Vergiftungen kommen. Hier finden Sie therapeutische Maßnahmen sowie die häufigsten Noxen mit deren typischer Symptomatik.

Lesedauer: 4 Minuten

Der folgende Beitrag von Dr. Maike Borchers und Prof. Dr. Andreas Schaper stammt aus dem DIVI Jahrbuch 2019/2020“ und erscheint hier in gekürzter Fassung mit freundlicher Genehmigung der Medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft (MWV). Redaktion: Marina Urbanietz

Neben der symptomatischen Therapie intoxikierter Patienten existieren drei Grundpfeiler der spezifischen Behandlung bei Vergiftungen:

  1. Primäre Giftentfernung
  2. Sekundäre Giftentfernung
  3. Gabe von Antidota

Primäre Giftentfernung

Ziel der primären Giftentfernung ist die Verhinderung der Resorption einer Noxe nach der Aufnahme. Hierzu zählen die Magenspülung und die Applikation medizinischer Kohle. Beide Maßnahmen gehen mit einem nicht unerheblichen Risiko für den Patienten (bspw. einer Aspirationspneumonie) einher. Die Durchführung bedarf daher einer konkreten, überprüfbaren Indikation.

Magenspülung: Die Durchführung einer Magenspülung stellt, insbesondere bei Kleinkindern, eine Rarität dar. Indiziert ist die Maßnahme innerhalb der ersten Stunde nach Ingestion einer potenziell lebensbedrohlichen Dosis einer Noxe. Kontraindikationen umfassen die Ingestion ätzender Substanzen und das Verschlucken langkettiger Kohlenwasserstoffverbindungen (z.B. Lampenöle oder Benzin). Nach Ingestion von Substanzen mit potenziellen ZNS-Wirkungen sollte die Magenspülung unter Intubationsschutz durchgeführt werden. Eine Gastroskopie mit endoskopischer Bergung kann bei bestimmten Noxen eine alternative Therapiemaßnahme sein.

Applikation medizinischer Kohle: Die orale Gabe von Aktivkohle ist innerhalb einer Stunde nach Ingestion einer potenziell toxischen Dosis einer Substanz, die an Kohle bindet, indiziert. Die Dosis berechnet sich nach dem Körpergewicht (bei Kindern: 0,5 g/kg KG) oder über die verschluckte Menge der ingestierten giftigen Substanz (Kohlemenge 10-fach über der Giftmenge).

Alle Formen des provozierten Erbrechens obsolet: Maßnahmen wie die Gabe von Ipecacuanha-Sirup oder andere Formen des provozierten Erbrechens sind obsolet. Insbesondere die Gabe von Salzwasser zum Auslösen des Erbrechens stellt aufgrund einer daraus resultierenden möglichen Hypernatriämie eine Gefahr dar. Auch die Gabe von Milch kann nur in wenigen Ausnahmefällen (z.B. der Ingestion von Eisen-Präparaten) indiziert sein.

Sekundäre Giftentfernung

Ziel dieser Maßnahme ist die beschleunigte Elimination der Noxe aus dem Körper nach bereits erfolgter Resorption. Auch diese Maßnahme ist bei Vergiftungen von Kleinkindern eine Seltenheit. Beispiel hierfür ist die verspätete und repetitive Gabe von Aktivkohle, die bei fünf Medikamenten mit ausgeprägtem enterohepatischem Kreislauf (Carbamazepin, Theophyllin, Dapson, Phenobarbital und Chinin) indiziert sein kann. Weitere Therapiemaßnahmen der sekundären Giftentfernung sind: Urin-Alkalisierung, Hämodialyse, Hämoperfusion oder MARS (Molecular Adsorbent Recirculating System).

Antidota

Tabelle 1 gibt einen Überblick über einige im Kleinkindalter wichtige Noxen und die entsprechenden Antidota.

Die häufigsten Noxen

  • Diese Produktgruppe gehört zu den am häufigsten angefragten Noxen im Kleinkindalter. Insbesondere bei dieser Noxengruppe ist der genaue Produktname wichtig. Liegt dieser vor, kann (häufig auch bei ausländischen Produkten) eine produktindividuelle Beratung erfolgen. Es werden zwei Gruppen von Reinigungsmitteln unterschieden:

    • ätzende Produkte (Backofen‑, Grill- und Rohrreiniger, industrielle Reiniger, Melkmaschinenreiniger, Stein- und Fliesenreiniger)
    • reizende Produkte (Handspülmittel, Waschmittel, Weichspüler, Glasreiniger, Spülmaschinentabs)

    Hat ein Kind eine ätzende Substanz getrunken, so handelt es sich um einen Notfall. Das Kind sollte, sofern möglich, sofort schluckweise etwas Flüssigkeit zur Spülung der Schleimhäute zu sich nehmen. Erbrechen sollte unbedingt vermieden werden. Die Gabe von Kortikoiden ist umstritten. Vor allem die Schleimhaut des Ösophagus ist gefährdet – fehlende Ätzspuren im Mund schließen eine Schädigung dieser nicht aus. Im Verlauf sind ggf. eine Endoskopie oder chirurgische Maßnahmen notwendig.

    In der Regel weniger gefährlich und sehr viel häufiger ist die Aufnahme kleiner Mengen eines schleimhautreizenden Tensidproduktes durch Kleinkinder. Sind die Kinder asymptomatisch, so genügt in der Regel die Gabe von etwas Flüssigkeit (stilles Wasser/ Tee) und eines Entschäumers (Dimeticon). Die Kinder können häuslich beobachtet werden. Besteht der Verdacht auf eine Aspiration, sollte der Patient ärztlich vorgestellt werden.

  • Anfragen zu dieser Produktgruppe erreichen den Giftnotruf fast täglich – der Expositionsweg ist meistens der gleiche: Der Wasserkocher wird entkalkt und mit diesem Entkalkungswasser wird versehentlich Säuglingsnahrung zubereitet. Der Großteil der handelsüblichen Produkte ist reizend. Hier ist die Exposition in der Regel unproblematisch. Anhand der aufgenommenen Menge des Produktes und dem Körpergewicht des Kindes kann berechnet werden, ob eine Azidose ausgeschlossen werden muss. Handelt es sich um einen ätzenden Entkalker, so ist das weitere Vorgehen von Menge, Verdünnung und Symptomatik des Kindes abhängig.

Alle wichtigen Maßnahmen zur Behandlung von Verletzungen mit Säuren und Laugen finden Sie in unserem Beitrag “Unfälle mit Säuren und Laugen: Handeln im Notfall”.

  • Eine Überdosierung kann neben gastrointestinalen Symptomen zur Beeinträchtigung des Hör- und Sehvermögens sowie zu Schwindel führen. Bei (mittel‑)schweren Vergiftungen kann es darüber hinaus zu weiteren Symptomen wie einer metabolischen Azidose, Hyperventilation, neurologischen Symptomen (Benommenheit, Delir, Krampfanfälle), kardialen Symptomen sowie Leber- und Nierenschäden kommen. Bis zu einer Menge von 75 mg/kg bei Säuglingen und 100 mg/kg bei anderen Altersstufen ist bei asymptomatischen Patienten keine Therapie erforderlich. Bei darüber hinausgehender Ingestionsmenge ist eine stationäre Überwachung indiziert.

  • Im Falle einer Überdosierung kann es neben gastrointestinalen Symptomen insbesondere zu Leberschäden kommen. Mit Acetylcystein steht ein wirksames und in den meisten Fällen gut verträgliches Antidot zur Verfügung. Die Grenzwerte zur Antidotgabe sind abhängig davon, ob der Patient gesund ist (Grenzwert: 150 mg/kg KG), zur Risikogruppe (bspw. Früh- und Neugeborene) gehört (Grenzwert: 100 mg/kg KG) oder ob eine protrahierte Einnahme vorliegt (Grenzwert 80 mg/kg KG) (10, 3). Ein Paracetamol- Spiegel kann in einigen Fällen zur Klärung der Antidot-Indikation dienen. Ist die ACC-Gabe indiziert, so erfolgt die Gabe eines i.v. Schemas über mindestens 21 Stunden.

  • Während die Ingestion von Nasentropfen mit isotonischer Kochsalzlösung unproblematisch ist, liegen bei Aufnahme von Präparaten mit Xylometazolin folgende Überwachungsgrenzwerte vor:

    • Säuglinge bis zu 1 Monat sollten bei jeder Überdosierung überwacht werden
    • Säuglinge > 1 Monat: klinische Überwachung ab 0,1 mg/kg KG
    • Kinder ab 1 Jahr: klinische Überwachung ab 0,2 mg/kg KG

    Die Symptomatik ist häufig bestimmt von Somnolenz, Erbrechen, Blässe, Tachykardie und seltener Hypertension. Wird ein Kind symptomatisch, sollte in jedem Fall eine Arztvorstellung erfolgen.

  • Haben Kleinkinder versehentlich Betablocker oder Calciumantagonisten aufgenommen, sollte in jedem Fall ein Giftinformationszentrum kontaktiert werden. Abhängig von Menge, evtl. Vorerkrankungen und Setting kann geklärt werden, ob eine Überwachung im Krankenhaus notwendig oder eine häusliche Beobachtung möglich ist. Insbesondere bei Betablockern ist zusätzlich zu beachten, dass es bei Kleinkindern zur Ausbildung einer Hypoglykämie kommen kann. Eine regelmäßige Kohlenhydratzufuhr über 24 Stunden p.i. und ggf. BZ-Kontrollen sind daher notwendig.

  • Diese häufig im Zugriffsbereich der Kleinkinder gelagerten Medikamente enthalten Kombinationen von Östrogenen und Gestagenen oder nur Gestagene (Minipille) in niedriger Dosierung. Bei schlechter Korrelation zur eingenommenen Menge kommt es mitunter nach 12 bis 24 Stunden zu Übelkeit und Erbrechen. Weitere Symptome sind nach Einnahme von bis zu einer Monatspackung nicht zu erwarten. Nach Ingestion von mehr als einer Monatspackung sollte die Gabe von Kohle im Rahmen der primären Giftentfernung diskutiert werden.

  • Einblatt (Spatiphyllum)

    Das Einblatt ist eine typische Zimmerpflanze – dementsprechend häufig probieren Kleinkinder Pflanzenteile. Diese können Oxalate und Oxalsäure enthalten. Die nadelförmigen Kristalle aus Calciumoxalat werden Raphide genannt und befinden sich in den sogenannten „Schießzellen“. Schon durch leichten mechanischen Druck beim Kauen oder Zerbeißen schießen die Raphide aus den Zellen und können in seltenen Fällen zu schmerzhaften Haut- oder Schleimhautläsionen führen. Die Verletzung subkutaner Mastzellen kann zur Histaminfreisetzung führen.

    Die Symptomatik nach Ingestion umfasst Speichelfluss, Übelkeit, Erbrechen, kolikartige Bauchschmerzen und Durchfall. Hautkontakt kann zu Blasenbildung und Augenkontakt zu Konjunktivitis, Blepharospasmus und Keratitis führen. Die wichtigste therapeutische Maßnahme ist die Gabe von kühlen Getränken. Nur nach Ingestion größerer Mengen kann die Gabe von Aktivkohle indiziert sein. Ist eine halbe Stunde ohne das Auftreten von Symptomen vergangen, so sind keine Beschwerden mehr zu erwarten. Schleimhautschwellung bis hin zum Glottisödem müssen symptomatisch therapiert werden. Bei Augenbeteiligung sollte das Auge sofort mit lauwarmem Wasser gespült werden und eine ophthalmologische Vorstellung erfolgen.

    Eibe

    Die Eibe zählt zu den typischen Gartenbäumen. Vor allem die roten Beeren sind für Kleinkinder attraktiv. Der rote Samenmantel ist ungiftig; alle anderen Teile der Pflanze enthalten als toxische Inhaltsstoffe Taxin und Taxanderivate. Neben gastrointestinalen Beschwerden umfasst die Symptomatik Herzkreislaufstörungen, Leber- und Nierenschäden und Affektionen des Zentralnervensystems. Nach Ingestion größerer Mengen der Pflanze in suizidaler Absicht sind Todesfälle möglich; im Kleinkindalter sind schwere Verläufe eine Rarität.

    Ab drei zerbissenen Fruchtsamen sollte die Gabe von Aktivkohle diskutiert werden. Während die Ingestion der roten Eibenbeeren in der Regel unproblematisch ist, sollte jede Ingestion von Nadeln ernst genommen und ggf. stationär überwacht werden.

    Thuja

    Der Lebensbaum (Thuja occidentalis) ist aufgrund seines schnellen Wachstums eine beliebte Heckenpflanze. Für Kinder kann die Pflanze aber zur tödlichen Gefahr werden und auch Schwangere sollten die Finger davon lassen. Zum Beitrag >>

Mehr über die Diagnostik und Therapie von Pflanzenvergiftungen lesen Sie in unserem Beitrag “Pflanzenvergiftungen: Symptome & Therapie”.

  • Die akzidentelle Ingestion von Teilen oder einem gesamten Pilz ist eine häufige Exposition im Kleinkindalter. In den meisten Fällen ist die exakte botanische Bezeichnung des Pilzes den Eltern nicht bekannt. Die Giftinformationszentren verfügen über ausführliche Listen von Pilzsachverständigen. Mithilfe dieser Experten kann der Pilz identifiziert werden und in Absprache mit einem Giftinformationszentrum sollten dann weitere diagnostische oder therapeutische Maßnahmen eingeleitet werden.

Wie Sie den Schweregrad einer Pilzvergiftung abschätzen und welche Primärmaßnahmen zu ergreifen sind, lesen Sie in unserem Beitrag “Pilzvergiftungen: So sollten Sie vorgehen”.

  • Die akzidentelle Ingestion von Zigaretten oder Kippen ist eine häufige und in den meisten Fällen unproblematische Exposition im Kleinkindalter. Problematischer ist die Aufnahme von Zigarre, Kautabak, Schnupftabak, Tabakaufguss, Nikotin-Pflaster, -Kaugummi, -Lutschtabletten – hier kann das Nikotin schneller resorbiert werden. Vergiftungssymptome sind dadurch wahrscheinlicher.

    Nikotin ist ein toxisches Alkaloid mit überwiegend stimulierender, in hohen Dosen jedoch auch lähmender, Wirkung auf das Zentralnervensystem. In der Regel stehen jedoch gastrointestinale Symptome im Vordergrund. Darüber hinaus können Blässe, seltener auch Hautrötungen, vermehrter Speichelfluss, Schwitzen, Tachykardie, leichte Benommenheit und Zittrigkeit auftreten. Die schwere Vergiftung ist gekennzeichnet durch Somnolenz bis Koma, Blutdruckabfall, Krampfanfälle und Atemdepression sowie Muskelfaszikulationen. Die Therapie erfolgt rein symptomatisch.

  • Silicagel ist als hygroskopisches Trocknungsmittel weitverbreitet. Da die kleinen Beu- tel oft mit der Aufschrift „do not eat“ oder sogar mit einem Totenkopf versehen sind, werden die Giftinformationszentren häufig bezüglich dieser unproblematischen Noxe konsultiert. Es handelt sich um das chemisch inerte Siliciumdioxid, das praktisch ungiftig ist. Alternativ zu dem unproblematischen Silicagel wird auch Calciumoxid als Trocknungsmittel verwendet. Bei Ingestion dieser Noxe kann es zu Schleimhaut- reizungen bis -verätzungen kommen. Die Therapie erfolgt symptomatisch.

Giftnotrufliste und App-Empfehlung

Um zu klären, ob eine Vergiftung vorliegt, und Fragen zu Diagnostik und Therapie zu beantworten, beraten in Deutschland acht Giftinformationszentren. Eine Liste mit allen Giftnotrufnummern im deutschsprachigen Raum finden Sie hier.

App „Vergiftungsunfälle bei Kindern“

Die App „Vergiftungsunfälle bei Kindern“ des Bundesinstituts für Risiko­bewertung (BfR) soll Kenntnisse vermitteln, um Säuglinge und Kleinkinder vor Vergiftungen zu schützen. Sie gibt wichtige Hinweise, die im Notfall Leben retten können: Für alle Vergiftungsunfälle werden Maßnahmen zur Erste Hilfe erklärt, das Vergiftungsbild detailliert beschrieben und es wird die Vorstellung bei einem Kinderarzt/Kinderklinik geklärt. Zur App (Google Play oder App Store)

Mehr zu diesem und anderen Themen aus dem Bereich Intensiv- und Notfallmedizin finden Sie im DIVI Jahrbuch 2019/2020“. Es werden ausgewählte State of the Art-Beiträge und brandaktuelle wissenschaftliche Arbeiten aus der gesamten Intensiv- und Notfallmedizin präsentiert  – kurz, kompakt und auf den Punkt gebracht.

Titelbild: © GettyImages/GaryAlvis

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG.

coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653