05. Februar 2021

Studie aus Baden-Württemberg

Kinder unter 10 tragen vermutlich nicht zur Pandemie bei

Die Schließung von Kindertagesstätten und Schulen soll die SARS-CoV-2-Pandemie eindämmen. Laut einer aktuellen Studie aus Baden-Württemberg war die Seroprävalenz bei Kindern aber nicht nur insgesamt sehr gering, sondern auch 3-mal geringer als bei deren Eltern. Forscher plädieren deshalb dafür, Kitas und Grundschulen zu öffnen.1

Lesedauer: 3 Minuten

Autor: Dr. Jürgen Sartorius

Die Gruppe um Prof. Dr. Burkhard Tönshoff vom Kinderkrankenhaus der Universität Heidelberg testete alle Kinder der Kohorte, sie waren 1 bis 10 Jahre alt (Durchschnitt 6 Jahre) und jeweils 1 Elternteil (23 bis 66, im Durchschnitt 40 Jahre), zumeist handelte es sich um Mütter. Ärzte untersuchten Nasenabstriche per Reverse Transkriptase-PCR auf SARS-CoV-2. Hinzu kamen 2 verschiedene immunologische Bluttests, um überstandene Infektionen nachzuweisen. Die Ergebnisse dieser Studie wurden nun in JAMA Pediatrics veröffentlicht.

Eltern häufiger infiziert als ihre jüngeren Kinder

In der Studienperiode von März bis Mai 2020 wiesen lediglich 2 Personen, ein Kind und seine Mutter, einen positiven PCR-Test auf (0,04%). Auch die Seroprävalenz lag mit 0,6% bei den Kindern und 1,8% bei den Erwachsenen auf einem niedrigen Niveau.

Dabei trat die Kombination von einem seropositiven Elternteil und einem seronegativen Kind der gleichen Familie 4,3-mal häufiger auf (34 Fälle) als die Kombination von einem seronegativen Elternteil und einem seropositiven Kind (8 Fälle). Die Mehrheit der erwachsenen infizierten Studienteilnehmer schien sich also nicht bei ihren Kindern angesteckt zu haben.

Um die mögliche Seroprävalenz eindeutig nachzuweisen, wurden alle Blutproben sowohl einem ELISA-Test von Euroimmun, Roche Elecsys oder Microgen recomWell gegen das Spike1-Protein des Virus als auch einem Immuno-Fluoreszenztest auf SARS-CoV-2-infizierte VeroE6-Zellen unterzogen. Bei unklaren Ergebnissen wurden die Tests wiederholt oder weitere ergänzende Tests durchgeführt. 66 der insgesamt 70 IgG-positiven Proben zeigten eine Virus-neutralisierende Aktivität.

Kinder wurden in Tagesstätten oder Grundschulen aus Heidelberg (27%), Ulm (28%), Tübingen (24%), und Freiburg (21%) rekrutiert. Ein signifikanter Unterschied der Altersgruppen 1-5 und 6-10 Jahre ergab sich in der Analyse nicht – selbst dann nicht, wenn Kinder während des Lockdowns zu Hause oder bei der Tagesbetreuung waren.

Außerdem befragten die Forscher alle Teilnehmer, ob es in jüngerer Vergangenheit zu Fieber, Husten, Geschmacksstörungen oder Durchfall gekommen war. Unterschiede zwischen seropositiv und seronegativ getesteten Kindern gab es – anders als bei den Eltern – jedoch nicht.

Infektionsrisiko scheint durch Grundschule oder Kita nicht zu steigen

Die Autoren ziehen aus den insgesamt geringen Infektionszahlen den Schluss, dass von Kindern im Alter bis zu 10 Jahren nur ein geringes Risiko einer Infektion mit SARS-CoV-2 für Erwachsene ausgeht. Diese könnten deshalb nicht mit der Ausbreitung der Covid-19-Pandemie in Verbindung gebracht werden.

Aufgrund der geringen Fallzahlen konnten allerdings keine Aussagen darüber gemacht werden, mit welcher Häufigkeit einzelne Kinder, die an Covid-19 erkrankt sind, die Infektion innerhalb ihrer Altersgruppe oder innerhalb der Familie weitergeben.

Öffnung von Grundschulen und Kitas vorantreiben

Prof. Dr. Sean T. O´Leary vom Children´s Hospital, University of Colorado, Aurora, unterstreicht den Wert dieser großen Cross-sektionalen Studie aus der ersten Welle der Corona-Pandemie, die das heutige Wissen bestätige. Er geht sogar noch einen Schritt weiter: Zum jetzigen Zeitpunkt müssten die Öffnung von Grundschulen und Kindertagesstätten vorangetrieben werden – ein Schritt, den der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) umsetzen wollte. Seine Pläne hat er allerdings vorerst auf Eis gelegt, nachdem sich in einer Freiburger Kita 10 Kinder und 14 Erzieher mit SARS-CoV-2 infiziert hatten. Womöglich handelt es sich um Infektionen mit einer mutierten SARS-CoV-2-Variante.

Dieser Beitrag erschien im Original auf medscape.de, 29.01.2021

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