11. März 2021

Unfall oder Misshandlung?

Säugling verbrennt sich an Nachtspeicherofen

Ein Baby krabbelt unbeaufsichtigt durch das Kinderzimmer und verbrennt sich an einem Nachtspeicherofen. Die Eltern haben sich nach eigenen Angaben im Schlafzimmer aufgehalten. Doch erst eine Ortsbegehung bringt Klarheit in den Fall, der einige Diskrepanzen aufweist, wie Rechtsmediziner der Universität Frankfurt a.M. berichten.1

Lesedauer: 3 Minuten

Baby krabbelt unbeaufsichtigt gegen den Ofen 

Die Eltern stellten ihren 7 Monate alten Säugling mit Verbrennungen an beiden Beinen in der Notaufnahme eines Krankenhauses vor, berichten die Rechtsmediziner.

Sie selbst hätten sich im Schlafzimmer aufgehalten, als ihr Baby im Kinderzimmer gegen einen Nachtspeicherofen gekrabbelt sei und angefangen habe zu weinen. Klinisch hätten die Ärzte Kontaktverbrennungen an rechtem Oberschenkel, Unterschenkel und Fuß sowie an linkem Unterschenkel und Fuß diagnostiziert. Die Therapie bestand aus Wunddébridement und Wundversorgung mit einem synthetischen Hautersatz.

Weiterführende Untersuchungen mit einer Ultraschalldiagnostik des Skelettsystems und des Bauches sowie einer Augenhintergrundspiegelung zur Frage einer Kindesmisshandlung hätten keine Hinweise auf weitere frische oder ältere Verletzungen ergeben. Aufgrund des unklaren Unfallhergangs sei das Jugendamt eingeschaltet worden, das eine rechtsmedizinische Untersuchung veranlasst habe. 

Die Befunde 

Zehn Tage nach der Vorstellung in der Notaufnahme zeigten sich nach Angaben der  Rechtsmediziner folgende Hautverletzungen (s. Abbildungen unten): 

  • an der Außenseite des rechten Oberschenkels sieben streifenförmige, quer und parallel zueinander verlaufende Hautverletzungen
  • an der rechten Knievorderaußenseite drei ebenfalls streifenförmige und parallel zueinander gestellte Hautverletzungen mit etwa 1cm Abstand zueinander 
  • eine einzelne weitere streifenförmige Hautverletzung an der rechten Unterschenkelrückseite und vereinzelte kurzstreckige Hautverletzungen am Fußrücken 
  • an der Außenseite des linken Unterschenkels eine vorwiegend flächige und teils streifenförmige, bereits versorgte Hautverletzung
  • am äußeren Fußspann links eine flächige und bereits versorgte kleinere Hautverletzung 

Ortsbegehung: Stimmen die Aussagen der Eltern mit dem Unfallhergang überein?

Zur weiteren Klärung wurde die Wohnung der Eltern aufgesucht. Dabei hätten sich „die Luftauslassgitter der Nachtspeicheröfen in Wohn- und Schlafzimmer mit den Hautverletzungen des Kindes in Deckung bringen“ lassen, nicht jedoch die Luftauslassgitter des Nachtspeicherofens im Kinderzimmer.

Ergänzend eingeholter technischer Sachverstand habe dann ergeben, dass im Regelbetrieb bei kalten Außentemperaturen regelmäßig Werte zwischen 80 und 100°C am Luftauslassgitter der Nachtspeicheröfen erreicht würden (mögliche Spitzentemperaturen bis zu 150°C).

Haut von Säuglingen nur ein Fünftel so dick wie Erwachsenenhaut

Bei Erwachsenen reiche wissenschaftlichen Untersuchungen nach bereits ein Kontakt von 1/10s mit auf 82 °C erhitzten Flüssigkeiten aus, um Verbrühungen 3. Grades zu verursachen, erklären die Frankfurter Rechtsmediziner. Die Haut von Säuglingen sei jedoch nur etwa ein Fünftel so dick wie die Haut Erwachsener. Bei Säuglingen reiche daher bereits ein Kontakt mit einer auf 65°C erhitzten Flüssigkeit von einer halben Sekunde. 

Zu berücksichtigen sei außerdem, dass die meisten Metalle bei gleicher Temperatur und gleichen Druckverhältnissen eine deutlich höhere Wärmeleitfähigkeit als Wasser oder Wasserdampf hätten, weshalb bei Kontaktverbrennungen durch Hautkontakt mit einem Metall vereinfacht von einer größeren Wärmeübertragung pro Zeiteinheit und Kontaktfläche im Vergleich zu dem Kontakt mit Wasser oder Wasserdampf anzunehmen sei. Darum könne davon ausgegangen werden, dass bei Säuglingen ein Kontakt der unbekleideten Haut mit dem Luftauslassgitter eines Nachtspeicherofens von deutlich kürzerer Dauer ausreiche, um Kontaktverbrennungen wie im Fall des hier vorgestellten Säuglings zu erzeugen. 

Rekonstruktion des Unfallhergangs

Der Unfall habe sich demnach möglicherweise folgendermaßen abgespielt: Der Säugling sei mit unbekleideten Beinen an das Luftauslassgitter des Ofens gekrabbelt. Bereits nach einer minimalen Kontaktzeit habe sich das Kind als Reaktion auf den Schmerzreiz auf den Rücken gedreht. Möglicherweise aufgrund der sehr beengten Raumverhältnisse habe dies jedoch dazu geführt, dass das Bein der Gegenseite ebenfalls in Kontakt mit dem heißen Gitter gekommen sei, was weitere Verbrennungen verursacht habe.

Jugendamt wird eingeschaltet

Infolge der rechtsmedizinischen Befunde wurden die Nachtspeicheröfen gegen Kontakt gesichert, um künftig derartigen Unfällen vorzubeugen. Zwar passten die Luftauslassgitter des Nachtspeicherofens im Kinderzimmer nicht zu den Verletzungen des Kindes und damit zu den Angaben der Eltern. Dennoch konnte der Verdacht auf eine Misshandlung entkräftet werden, so die Rechtsmediziner. Allerdings lag zumindest eine Verletzung der Aufsichtspflicht vor, weshalb das Jugendamt eingeschaltet wurde.

Fazit für die Praxis

Im vorgestellten Fall mit Verdacht auf Kindesmisshandlung durch Verbrennung waren eine interdisziplinäre Arbeit, eine Ortsbegehung und eine Literaturrecherche vonnöten, schreiben die Autoren in ihrem Fazit. Nur so konnten die Verletzungen mit einem Unfall in Einklang gebracht werden. Wenngleich sich Diskrepanzen zu den Angaben der Eltern ergaben, konnte der Verdacht auf die Kindesmisshandlung ausgeräumt werden. Weiterhin zeigt der vorliegende Fall, wie wichtig eine Fotodokumentation der Verletzungen zeitnah zum Vorfall durch die behandelnden Ärzte ist, insbesondere wenn eine klinisch-rechtsmedizinische Untersuchung erst zeitverzögert erfolgt.

Dieser Beitrag ist im Original erschienen auf Univadis.de

  1. Kern, N., Potente, S., Verhoff, M.A. et al. Kontaktverbrennungen durch einen Nachtspeicherofen – Unfall oder Misshandlung? Rechtsmedizin (2021). https://doi.org/10.1007/s00194-021-00467-8

Bildquelle: © gettyImages/fotojog

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