28. Oktober 2021

Oft frühes Covid-19-Symptom

Neurologen warnen: Kopfschmerzen bei Kindern zu häufig „in Eigenregie“ therapiert

Migräne und Spannungskopfschmerz sind die häufigsten eigenständigen Schmerzdiagnosen bei Kindern und Jugendlichen. Oft werden diese auch ohne Arzt Konsultation „therapiert”. Ein Problem mit Auswirkungen für das weitere Leben.1

Lesedauer: 4,5 Minuten

Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen würden häufig nicht ernst genommen und im akuten Fall oft in Eigenregie „therapiert“, sagte PD Dr. Gudrun Goßrau, Leiterin der Kopfschmerzambulanz am Universitätsklinikum Dresden, auf der Online-Pressekonferenz der Deutschen Schmerzgesellschaft und der Deutschen Migräne-und Kopfschmerzgesellschaft 1. „Dabei sind Migräne und Spannungskopfschmerz die häufigsten eigenständigen Schmerzdiagnosen bei Kindern und Jugendlichen.“

Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen recht häufig

Mehr als zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler haben Studien zufolge regelmäßig Kopfschmerzen. 20% der Kinder und Jugendlichen verpassen dadurch wiederholt den Unterricht. Oft sind Leistungsdruck, emotionaler Stress, zu lange Zeiten am Bildschirm und zu wenig Bewegung die Ursache.

Der monatelange Lockdown habe diese Faktoren noch einmal deutlich verstärkt, so Goßrau. Dennoch würden Kopfschmerzen bei Kindern häufig unterschätzt und sie werden keinem Arzt vorgestellt – obwohl oft einfache therapeutische Maßnahmen die Schmerzen lindern könnten. „Eltern sollten Kopfschmerzen nicht bagatellisieren. Kopfschmerzen können den Alltag und die Zukunft junger Menschen stark beeinträchtigen.“ Leiden Kinder und Jugendliche regelmäßig an Kopfschmerzen, könnten sie schnell in einen Teufelskreis aus Leistungsabfall, Schulangst und sozialer Isolation geraten.

Migräne im Jugendalter mit weiteren Schmerzen assoziiert

Eine Untersuchung von Goßrau und Kollegen aus 2020 zeigt, dass die Prävalenz von Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen in den vergangenen Jahren zugenommen hat. In einer Querschnittsstudie in Dresden mit über 2700 Schülern hatten mehr als zwei Drittel angegeben, regelmäßig an Kopfschmerzen zu leiden. Mehr als ein Fünftel aller Kinder und Jugendlichen mit mehr als 2 Kopfschmerztagen im Monat fehlten dadurch regelmäßig in der Schule.

Alarmierend sei, dass Kopfschmerzen häufig in Eigenregie mit frei verkäuflichen Medikamenten bekämpft würden. „Schmerzmittel sollten Kinder aber nur einnehmen, wenn sie vom Arzt oder der Ärztin in geeigneter Dosierung verordnet wurden“, betonte Goßrau. Denn bei häufiger Einnahme könnten Medikamente die Kopfschmerzen verstärken. Manche seien auch für Kinder gar nicht geeignet.

Daten einer Münchner Studie zeigen, dass Migräne in der vulnerablen Übergangsphase zwischen Jugend- und Erwachsenenalter mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung weiterer Schmerzen in späteren Jahren assoziiert ist. „Es besteht deshalb akuter Handlungsbedarf, wenn Kinder regelmäßig an Kopfschmerzen leiden“, sagt Goßrau.

Häufig könnten schon einfache, aber gezielte Maßnahmen zur Linderung führen. Dazu zählen zum Beispiel die Umstellung des Tagesrhythmus, mehr Entspannungszeiten (ohne Handy), ausreichendes Trinken und regelmäßiges Schlafen. „Auch regelmäßiger Sport und weniger Termindruck reduzieren Kopfschmerzen erheblich“, so Großrau.

Haben Kopfschmerzen bereits zu Einschränkungen im Alltag geführt, sind häufig interdisziplinäre Konzepte – wie das Dresdner Kinderkopfschmerzprogramm (DreKiP) – notwendig, um aus dem Teufelskreis herauszukommen.

Mit herkömmlichen Therapiestrukturen werde der Versorgungsbedarf nicht abgedeckt, kritisierte Goßrau. Um diese Versorgungslücke zu schließen, seien gesellschaftliche Anstrengungen erforderlich. Dazu gehörten die Sensibilisierung von Eltern und der Lehrer sowie die Berücksichtigung von Kopfschmerzen als Krankheitssymptom. Auch müssten dringend spezifische wie auch interdisziplinäre Therapiemöglichkeiten für Kinder und Jugendliche mit Kopfschmerzen geschaffen werden.

Kopfschmerzen bei Covid-19

Kopfschmerzen zählen zu den frühesten und häufigsten Symptomen von Covid-19. „Bei 40% der Covid-19-Patienten sind Kopfschmerzen vorherrschendes Symptom, bei 10% persistieren die Kopfschmerzen über Monate”, berichtete Prof. Dr. Andreas Straube, Oberarzt in der Neurologie der LMU München.

Covid-19 habe auf mehreren Ebenen Auswirkung auf Schmerzen und auf die Behandlung von Schmerzpatienten, berichtete Prof. Dr. Winfried Meißner, Leiter der Sektion Schmerztherapie am Universitätsklinikum Jena und Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft.

Neben akuten Schmerzen als direkter Krankheitsfolge komme es bei einem Teil der Patienten auch zu langanhaltenden Beschwerden, die durch die Krankheit selbst oder durch die intensivmedizinische Behandlung verursacht werden. „Diese Phänomene sind zwar inzwischen gut beschrieben und zahlenmäßig erfasst – die Mechanismen, auf denen sie beruhen, sind jedoch noch weitgehend unklar“, erklärte Straube. Studien zeigten, dass Betroffene, die schon vor ihrer Covid-19-Erkrankung an Kopfschmerzen – meist Migräne – litten, nach der Infektion über eine Schmerzverstärkung berichteten. Andere Patienten, so Straube, entwickelten einen neuen, bisher nicht bekannten, anhaltenden Kopfschmerz.

Welche Rolle spielt Inflammasom bei chronischem Kopfschmerz?

Für akute Schmerzen könnten sowohl neuropathische als auch entzündliche Mechanismen verantwortlich sein. Bei chronischen Formen werde eine Beteiligung von Inflammasom diskutiert. „Dabei handelt es sich um einen Eiweißkomplex, der sich innerhalb von Zellen befindet und als Reaktion auf Krankheitserreger oder zellulären Stress aktiviert wird“, erläuterte Straube.

Das Inflammasom ist Teil der angeborenen Immunabwehr und kann die Freisetzung von Entzündungsbotenstoffen veranlassen. Ein Mechanismus, der möglicherweise nicht nur bei der Entstehung von langanhaltenden Kopfschmerzen nach Covid-19 eine Rolle spielt, sondern auch bei der Chronifizierung von primären Kopfschmerzen. „Es spricht einiges dafür, dass diese Kopfschmerzformen auf dieselben Mechanismen zurückzuführen sind“, sagte Straube. Möglicherweise ergäben sich aus der Erforschung Covid-19-bedingter Kopfschmerzen neue Behandlungsansätze, die dann auch Menschen mit den bisher nur schlecht therapierbaren primären Kopfschmerzen zugutekommen. Interessanterweise scheinen Kopfschmerzen bei Covid-19 die Prognose zu verbessern: Daten einer Studie aus 2020 zeigen, dass Kopfschmerzpatienten bei schwerer Covid-19-Erkrankung ein deutlich verringertes Mortalitätsrisiko aufweisen (OR 0,39, p = 0,007).

Langanhaltende Schmerzen und Muskelschwäche (Critical illness neuropathy/myopathy, CINM) können auch als Folge der intensivmedizinischen Behandlung auftreten. Wie Meißner bestätigte, sei die CINM in der Intensivmedizin lange bekannt. Bei Covid-19-Patienten träten diese Beschwerden aber deutlich häufiger auf als bei anderen Patienten. In einer schwedischen Studie war mindestens jeder sechste Covid-19-Patient, der aus intensivmedizinisch behandelt worden war, von CINM betroffen.

Weniger Diagnostik und Therapie in Corona-Zeiten

Durch Kontaktbeschränkungen war der Zugang zu Diagnostik- und Therapiemöglichkeiten vorübergehend begrenzt. Hauptsächlich waren davon Menschen mit neu aufgetretenen Schmerzen betroffen.

„Wir merken das noch heute an den verlängerten Wartelisten in den Schmerzambulanzen”, berichtete Meißner. Wer bereits in Behandlung gewesen wäre, sei von den Auswirkungen der Pandemie weniger betroffen gewesen, wie Studien zeigten. Eine generelle Zunahme von Beschwerden habe es allerdings nicht gegeben, einzelne Schmerzpatienten berichteten sogar von einer Stressreduktion – weil die pandemiebedingten Einschränkungen ihrer verminderten und Aktivität entgegenkamen.

Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape.com erschienen.

  1. Online-Pressekonferenz der Deutschen Schmerzgeselleschaft e.V. und der Deutschen Migräne-und Kopfschmerzgesellschaft e.V. anlässlich des Deutschen Schmerzkongresses; 20. Oktober 2021

Bildquelle: © gettyImages/KevinDyer

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