14. Dezember 2021

Mindert eine Narkose vor dem 3. Geburtstag die Intelligenz?

Durch das sich noch entwickelnde Gehirn sind Kinder unter drei Jahren besonders vulnerabel gegenüber exogenen Noxen – das gilt auch für die bei einer Narkose eingesetzten Anästhetika. In einer retrospektiven Studie wurde untersucht, ob sich eine Vollnarkose in den ersten 36 Lebensmonaten möglicherweise negativ auf die spätere kognitive Leistungsfähigkeit auswirkt. 1

Lesedauer: 1,5 Minuten

Autorin: Maria Weiß

In Deutschland werden pro Jahr etwa 400.000 Narkosen bei Kindern unter fünf Jahren durchgeführt. Doch die Studienlage zu möglichen Folgen ist bislang sehr inkonsistent.

Die Studie ANFOLKI-36 von Dr. rer. biol. hum. Christina Schüttler von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und ihrem Team sollte Klarheit in der Frage bringen, ob zu diagnostischen oder therapeutischen Eingriffen durchgeführte Narkosen bei unter dreijährigen Kindern langfristig die kognitiven Fähigkeiten beeinflussen.

In die Studie wurden 430 reifgeborene Kinder der Geburtsjahrgänge 2007 – 2011 mit Narkoseexposition vor Vollendung des dritten Lebensjahres eingeschlossen. Ihre Narkosedaten wurden retrospektiv ausgewertet – der Gesamt-Intelligenzquotient wurde dann im Alter von 7 – 11 Jahren prospektiv erhoben. Die Kontrollgruppe bildeten 67 altersentensprechende Kinder ohne Narkose in der Vorgeschichte.

Unterschied von 2,9 Punkten

Die Gruppe mit Narkoseerfahrung erreichte einen mittleren IQ-Wert von 108,2, die Kontrollgruppe von 113 IQ-Punkten. Nach Berücksichtigung von Alter, Geschlecht und Sozialstatus lag der Unterschied bei 2,9 Punkten. Damit erreichten die Kinder ohne Narkose im Schnitt ein deutlich besseres Ergebnis als ihre Narkose-exponierten Altersgenossen – die Nichtunterlegenheitsgrenze von 5 IQ Punkten wurde aber nicht erreicht. Der IQ in beiden Gruppen übertraf die Erwartung (von 100 IQ-Punkten) – was die Autoren auf den Ausschluss unreif geborener Kinder in beiden Gruppen zurückführen. Keinen signifikanten Einfluss auf den IQ hatten die Zahl und die Dauer der Narkosen, wie eine Subgruppenanalyse zeigte.

Limitation auch dieser Studie ist, dass die Erkrankungen, die eine Narkose notwendig gemacht hat, nicht berücksichtigt werden konnten. Daher sei nicht auszuschließen, dass die zugrundeliegende Erkrankung per se schon die kognitive Entwicklung der Kinder negativ beeinflusst hat.

  1. Schüttler C et al; : General anesthesia in the first 36 months of life—a study of cognitive performance in children aged 7–11 years (Anfolki-36). Dtsch Arztebl Int (2021); 118: 835–41. DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0355

Bildquelle: © gettyImages/boonchai wedmakawand

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