02. März 2021

Studie in China

Mehr kurzsichtige Kinder durch Lockdown und Homeschooling?

Eine Reihenuntersuchung von 123.000 Schulkindern in China hat ergeben: Kurzsichtigkeit der 6- bis 8-Jährigen hat im Jahr 2020 im Schnitt um 0,3 Dioptrien zugenommen. Als mögliche Ursachen vermuten die Studienautoren den selteneren Aufenthalt im Freien und das mit Bildschirmarbeit verbundene Homeschooling während des Lockdowns.1

Lesedauer: 3,5 Minuten

Experten der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) empfehlen Eltern daher, jüngeren Kindern trotz der Einschränkungen durch die Covid-19-Pandemie möglichst viel Tageslicht zukommen zu lassen und die Nutzung von Smartphones, Tablets und PCs zu begrenzen.

Starke Myopie-Zunahme in Asien

Vor allem in Asien hat die Prävalenz der Myopie in den vergangenen Jahrzehnten stark zugenommen: Vor rund 60 Jahren waren 10 bis 20% der Chinesen kurzsichtig, inzwischen sind bis zu 90% der Jugendlichen und jungen Erwachsenen betroffen. In Seoul seien bereits fast 97% der 19-Jährigen kurzsichtig. Die Stärke der Studie liegt eindeutig in der hohen Fallzahl.

Auch in den USA und in Europa ist die Sehstörung innerhalb eines halben Jahrhunderts deutlich häufiger geworden. In Deutschland beträgt die Prävalenz schätzungsweise rund 25%. 2014 publizierte Daten der Gutenberg-Gesundheitsstudie zeigten allerdings bei mehr als der Hälfte der Hochschul-Absolventen eine Myopie; bei den Probanden ohne höhere Schulbildung war jeder Vierte betroffen. „Wir sind auf dem Weg zu einer Myopie-Epidemie“, wurde die Ophthalmologin Prof. Dr. Padmaja Sankaridurg vom Brien Holden Vision Institute in Sydney in Nature zitiert. 

Als eine Ursache der zunehmenden Myopie-Prävalenz wird seit Jahren ein Umweltfaktor diskutiert: die Zeit, die im Freien verbracht wird – wobei es auf die Dauer der Licht-Exposition ankommt und nicht auf die mit dem Frischluft-Aufenthalt verknüpfte körperliche Bewegung.

Vor allem Kinder mit noch wachsendem Augapfel gefährdet

Grundlage der nun publizierten Studie von Autoren rund um Dr. Jiaxing Wang vom Department of Ophthalmology, Emory University, Atlanta, Georgia, waren die jährlichen Routineuntersuchungen auf Kurzsichtigkeit bei Grundschulkindern in der chinesischen Stadt Shandong. Dabei verglichen die Forscher die Ergebnisse der Jahre 2015 bis 2020.

Resultat: Der Anteil der Kurzsichtigen pro Jahrgang stieg bei den 6-Jährigen von 5,7% in 2019 auf 21,5% im Jahr 2020, bei den 8-Jährigen erhöhte sich die Quote in diesem Intervall von 27,7 auf 37,2%. Vor allem jüngere Kinder, bei denen der Augapfel noch wächst, sind demnach besonders von mangelnden Aktivitäten im Freien und Homeschooling betroffen.

„Die Stärke der Studie liegt eindeutig in der hohen Fallzahl“, sagt Prof. Dr. Wolf Lagrèze. „Ihre Schwäche liegt darin, dass die Brillenwerte nicht mit erweiterter Pupille bestimmt wurden. Ferner gibt es keine Daten zur Länge des Augapfels, was heute eigentlich Standard ist in derartigen Studien, aber natürlich bei solch einer riesigen Kohorte schwer umzusetzen ist“, fügt der Ophthalmologe des Universitätsklinikums Freiburg hinzu. 

Dennoch sind Augenärzte besorgt. „Sollte sich der Effekt dieser Studie bewahrheiten, dass Sechs- bis Achtjährige durch einen Lockdown einen solch starken Refraktionsfehler in jungen Jahren entwickeln, ist von einer Zunahme der Kurzsichtigkeit von Kindern auch bei uns auszugehen, da wir im Frühjahr ebenfalls einen längeren Lockdown mit geschlossenen Schulen, aber auch geschlossenen Spielplätzen hatten“, ergänzt Prof. Dr. Alexander Schuster vom Zentrum für ophthalmologische Epidemiologie und Versorgungsforschung der Augenklinik und Poliklinik an der Universitätsmedizin Mainz.

2 Stunden Tageslicht, große Bildschirme und Hörbücher

Die Ophthalmologen raten daher allen Eltern, ihren Kindern während des Lockdowns einen täglichen Aufenthalt von mindestens 2 Stunden im Freien zu ermöglichen. „Dafür eignen sich gemeinsame Spaziergänge oder auch Spielplätze, die ja glücklicherweise während des derzeitigen Lockdowns nicht gesperrt sind“, rät Schuster. „Auch sollten die Schreibtische der Kinder während des Homeschoolings möglichst in der Nähe großer Fenster stehen, um die Leuchtdichte zu erhöhen“, ergänzt Lagrèze.

Zudem empfehlen die Augenärzte, für den Online-Unterricht große Bildschirme zu nutzen und einen Augenabstand von mindestens einem halben Meter zum Monitor einzuhalten. „Um kleinere Kinder von Smartphones fernzuhalten, die ebenfalls unter Verdacht stehen, Kurzsichtigkeit zu fördern, bieten sich Hörbücher an“, so Schuster.

Kurzsichtigkeit kann auch wieder verbessert werden

Die Frage, ob die Ursache der Zunahme an Kurzsichtigkeit eher auf verstärkte Bildschirmarbeit oder aber den fehlenden Aufenthalt im Freien zurückzuführen ist, beantwortet die chinesische Studie nicht. Kürzlich konnte allerdings eine große Studie aus Taiwan belegen, dass die Zunahme an Kurzsichtigkeit bei Kindern durch einen täglichen Aufenthalt im Freien von 120 Minuten während der Schulzeit umgekehrt werden konnte und die Rate der Kurzsichtigen seither jährlich sinkt – von 50% auf nun 40%.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.

1. Studie in China: Mehr kurzsichtige Kinder durch Lockdown und Homeschooling?; medscape; 02.03.2021.

Bildquelle: © gettyImages/Shelyna Long

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