24. November 2021

Kinderkliniken überlaufen: „Das Problem ist der Mangel an Pflegekräften“

Hilferufe der Kinderkliniken im Land: Die Betten werden knapp. Aber das Problem ist nicht die steigende Zahl von Corona-Infektionen. Über die tatsächlichen Gründe sprach Medscape mit dem Pädiater Prof. Dr. Andreas Trotter, des Verbands Leitender Kinderärzte und Kinderchirurgen Deutschlands (VLKKD). 1

Lesedauer: 4,5 Minuten

Medscape: Herr Prof. Trotter, es mehren sich die Hilferufe aus den Kinderkliniken, dass es in den 340 deutschen Kinderkliniken zu wenige Betten und Intensivbetten gibt. Kürzlich mussten zum Beispiel Kinder mehr als 80 Kilometer aus dem Großraum München in die Peripherie verlegt werden, da es keine Kapazitäten in München mehr gab. Warum gibt es so wenige Betten in den Kinderkliniken?

Trotter: Es besteht ein Engpass. Aber es geht nicht um Corona-Patienten, die viele Betten belegen. Sondern es geht besonders um kranke Kinder, die an anderen Infekten erkranken, vor allem mit dem RS-Virus. Es besteht allerdings ein Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. Denn im letzten Winter waren die Schulen und Kitas im Rahme von Lockdowns geschlossen und deshalb hatten die Kinder deutlich weniger Infekte und sie konnten ihr Immunsystem nicht trainieren.

Das heißt: Sie kommen jetzt immunologisch relativ „blank“ in die Wintersaison – und das ist es, was Probleme macht. Kinder, die im vergangenen Winter nicht krank wurden, werden jetzt krank und eben auch vermehrt. Das RS Virus tritt normalerweise erst im Oktober oder November auf. Aber in diesem Jahr erkrankten die ersten Kinder schon im Juli und August und kamen in die Kliniken.

Survey zum Respiratory Syncitial Virus (RSV)

Typischerweise kommen akute Atemwegsinfektionen mit dem RS-Virus vermehrt in den Wintermonaten vor und betreffen überwiegend Säuglinge und Kleinkinder. Da in den letzten Wochen und Monaten deutschlandweit stark erhöhte Infektionszahlen in dieser Altersgruppe – besonders bei Neugeborenen und sehr jungen Säuglingen – aufgetreten sind, ist durch die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. und die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie e.V. ein Survey initiiert worden, der die Anzahl und Schwere der stationären Krankheitsverläufe dokumentieren soll.

Ziel ist es, aussagekräftige Daten und Belege für die aktuelle Krankheitslast von RSV-Infektionen sowie die Situation und Belastung der deutschen Kinderkliniken im Herbst/Winter 2021/22 zu liefern. Auf der Homepage der DGPI ist eine wöchentlich aktualisierte Übersicht der aktuellen RSV-Fälle einsehbarRSV Survey.

Medscape: Was bedeutet das für die Intensivstationen?

Trotter: Die meisten Kinder haben bis zum Alter von 2 Jahren eine RS-Virus Infektion durchgemacht, 2% bis 3% von ihnen werden ernsthaft krank, vor allem Kinder unter 6 Monaten, weil sie kleine Atemwege haben. Sie leiden mehr als ältere Kinder und brauchen häufiger Sauerstoff. Das kann sich derart verschlimmern, dass diese Kinder intensivmedizinisch behandelt und zum Teil beatmet werden müssen. Je kleiner die Kinder, umso größer die Gefahr, dass sie intensivmedizinisch behandelt werden müssen.

Junge Kinder sind besonders gefährdet

Medscape: Wie viele Corona-Patienten werden derzeit in den Kinderkliniken versorgt?

Trotter: Die von der Deutschen Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie an 180 Kinderkliniken durchgeführte Erhebung von stationär behandelten Coronapatienten weist für Oktober eine Zahl von 51 auf. Damit wird ersichtlich, dass Corona nicht das Problem der Kinderkrankenhäuser ist. Das Kernproblem ist vielmehr der Mangel an Pflegekräften, weshalb viele Kinderkliniken Betten sperren mussten.

Als Präsident des Verbandes leitender Kinderärzte und Kinderchirurgen in Deutschland bin ich schon im September und Oktober von anderen Chefärzten angesprochen worden: In vielen Kinderkliniken fehlt Pflegepersonal. Seit Februar dieses Jahres gelten auch für Kinderkliniken Pflegepersonal-Untergrenzen, das heißt, eine Pflegekraft darf nur eine bestimmte Menge an Patienten versorgen. Das ist an sich ein gutes Gesetz, denn wir wollen die Pflegekräfte ja endlich entlasten. Allerdings sind die Untergrenzen derzeit nicht einhaltbar. Wir können kritisch kranke Kinder nicht von der Schwelle weisen, nur um die Untergrenzen einzuhalten.

Medcape: Wie gehen die Kinderkliniken mit diesem Problem um?

Trotter: Nach einer aktuellen Umfrage des VLKKD haben 78% von 200 Kliniken bestätigt: Wir haben einen Versorgungsengpass! Und 99% erwarten einen Versorgungsengpass, wenn es so weitergeht.

Medscape: Was bedeutet „Engpass“?

Trotter: Engpass bedeutet hier: Es fehlen Pflegekräfte und zum Teil auch Ärztinnen und Ärzte, um die anfallende Zahl an Patienten zu versorgen. Etwa 60% der Kinderkliniken haben deshalb Betten sperren müssen. Ein Großteil der Kinderkliniken gaben an, dass sie die Pflegepersonal-Untergrenzen nicht einhalten können. Nur 25% halten sich noch an die Untergrenzen, was die anderen Kinderkliniken zusätzlich belastet.

Für die Kliniken ist das ein schwieriges Terrain. Denn wenn sie Kinder aufnehmen, obwohl Personal fehlt, geht man unter Umständen ein Übernahmeverschulden ein. Aber wenn Kliniken ein krankes Kind wegschicken und dem Kind passiert hinterher etwas, weil es auch von anderen Kliniken weggeschickt wurde, dann ist das letztlich unterlassene Hilfeleistung. In diesem Dilemma stehen wir zurzeit.

Medscape: Was fordern Sie?

Trotter: Wir fordern von der Politik, die Pflegepersonal-Untergrenzen für eine definierte Zeit auszusetzen, und zwar jetzt, solange, bis die Infektions-Welle überstanden ist! Wir brauchen alle Kinderkliniken, um diese Krise zu meistern.

Schließlich drohen Strafzahlungen an die Krankenkassen, wenn wir die Pflegepersonal-Untergrenzen nicht einhalten. Die Kinderkliniken werden doppelt bestraft: Erstens, weil sie Kinder aus ethischen Gründen trotz überlasteten Personals aufnimmt und damit vor allem die Pflege unter Druck setzt. Wer sollte sie sonst versorgen? Und zweitens, weil sie dafür auch noch Strafzahlungen leisten muss.

„Das ist dramatisch!“

Medscape: Aus dem Dilemma, entweder das Personal zu stressen oder die Patienten abzuweisen, kommen Sie aber so auch nicht heraus.

Trotter: In der Tat, diese Nachwirkungen der Corona-Pandemie zeigen deutlich, dass mittelfristig weit mehr nötig ist, als die vorübergehende Aussetzung der Pflegepersonaluntergrenzen. Die Kinderheilkunde mit einem hohen Anteil von akuten also nicht planbaren Leistungen ist der Verlierer im DRG-System, deshalb schreiben Kinderkliniken in Deutschland regelmäßig rote Zahlen, so sind zum Beispiel Vorhaltekosten oder sehr aufwendige Behandlungen nicht kostendeckend abgebildet. Deshalb muss das DRG-System für Kinder- und Jugendmedizin auf den Prüfstand.

Des Weiteren kämpfen wir für den Erhalt des Berufes Gesundheits- und Kinderkrankenpflege, um auch in Zukunft eine qualitativ hochwertige Versorgung unserer Kinder und Jugendlichen zu sichern. Viele junge Menschen würden sehr gerne diesen schönen Beruf wählen, allerdings bieten immer weniger Krankenpflegeschulen diese Ausbildung an. Schließlich muss das Pflegepersonal von fachfremden Tätigkeiten entlastet werden, das muss von den Kostenträgern gegenfinanziert werden.

Medscape: Gibt es zum Thema Kontakt mit dem Bundesgesundheitsministerium?

Trotter: Wir haben an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und den Vertretern der Ampel-Koalition geschrieben und die Problematik dargelegt. Warum sollte man die Personal-Untergrenzen bei den Kinderkliniken nicht aussetzen können? Während der Corona-Wellen in der Vergangenheit ging das doch für die Erwachsenen auch! Es ist offenbar, wie so oft: Die Kindermedizin fällt hinten runter. In Nordrhein-Westfalen haben die Eltern eines kranken Kindes bei 26 Kinderkliniken anklopfen müssen, um endlich bei der 27. Adresse aufgenommen zu werden. Das ist dramatisch.

Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape.com erschienen.

Bildquelle: © gettyImages/HRAUN

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