15. Mai 2020

Ansteckung mit SARS-CoV-2

Welche Rolle spielen Kinder bei der Übertragung?

Nach dem Lockdown öffnen Schulen und Kindertagesstätten nach und nach wieder ihre Pforten. Doch Wissenschaftler warnen davor, die Beschränkungen vorschnell aufzuheben: Kinder könnten genauso infektiös sein wie Erwachsene. Was ist dran an dieser Theorie?

Lesedauer: 5 Minuten

Redaktion: Dr. Nina Mörsch

Wie ansteckend sind Kinder? Keine leichte Frage

Inwieweit Kinder relevante Überträger von SARS-CoV-2 sind, ist nicht abschließend geklärt. Für sie als zentralen Überträger spricht, dass sie in Bezug auf eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus viel seltener Krankheitsbeschwerden wie Husten oder Fieber aufweisen. Deshalb werden sie seltener getestet und als Patienten identifiziert. Doch auch Patienten ohne Symptome oder kurz vor Ausbruch der Symptone können infektiös sein. Kinder sind zudem körperlich und sozial viel aktiver als Erwachsene und achten nicht immer auf eine ausreichende Händehygiene.

Auf der anderen Seite waren laut Robert Koch-Institut (RKI) in der Mehrzahl der vorliegenden Studien Kinder seltener von einer SARS-CoV-2-Infektion betroffen.1 Vielmehr scheinen sie von Erwachsenen infiziert zu werden und fungieren eher selten als Indexpatienten in Haushaltsclustern. Zu beachten ist allerdings, dass die meisten Studien in einer Lockdownsituation durchgeführt wurden.

In einer aktuellen Studie der Berliner Charité nennt der Virologe Dr. Christian Drosten eine weiteres Argument dafür, dass Kinder weniger ansteckend sind als Erwachsene: Da sie zumeist keine Symptome aufweisen, husten sie weniger. Außerdem stoßen sie weniger Atemluft als Erwachsene aus.2

Beobachtungsstudien derzeit nicht durchführbar

Nach Angaben von Drosten erschweren derzeit folgende Faktoren eine genaue Bestimmung der Infektions- und Übertragungsraten:

  • Der Lockdown und die damit verbundenen Schließung von Kindergärten und Schulen machen eine Untersuchung der Virusübertragung in der Schule oder im häuslichen Umfeld unmöglich.
  • Zudem gaben zu Beginn des Ausbruchs vor allem erwachsene Geschäfts- und Freizeitreisende das Virus weiter, ,,sodass eine Einsaat in die Haushalte vor allem auch aus dieser Altersgruppe kommt”, erklärt der Virologe im NDR-Podcast. Dies verfälsche derzeit alle Haushaltsstudien.

Viruslast im Rachen von Kindern mit Erwachsenen vergleichbar

Aus diesem Grund griff Drosten auf eine Laborauswertung zurück – auch wenn diese nur indirekte Hinweise liefern kann. Gemeinsam mit Kollegen untersuchte er die Viruskonzentration im Rachen von Kindern mit nachgewiesener SARS-CoV-2-Infektion. Die Daten verglich er mit denjenigen von Erwachsenen.

Das Ergebnis: Die Viruslast im Rachen von Kindern unterscheidet sich nicht wesentlich von der Virusmenge bei Erwachsenen. Die Forscher schließen daraus, dass Kinder vermutlich genauso infektiös sind wie Erwachsene. Solange diesbezüglich keine anderen Erkenntnisse vorlägen, müsse vor einer unbegrenzten Wiederöffnung von Schulen und Kindergärten in der gegenwärtigen Situation gewarnt werden.

Sozialverhalten spielt bei Ansteckung eine größere Rolle

Prof. Dr. Ulrike Protzer, Direktorin des Instituts für Virologie an der Technischen Universität München (TUM) und am Helmholtz Zentrum München, sieht die Viruslast hingegen weniger als Indiz für eine erhöhte Ansteckungsfahr durch Kinder. Vielmehr spiele aus ihrer Sicht bei der Weitergabe des Virus durch Kinder deren Sozialverhalten eine wesentliche Rolle. Insbesondere Kleinkinder könnten sich noch nicht an Hygiene- und Abstandregeln halten, erklärt die Virologin in einer Presseinformation.3

Mit einer Rückkehr in die Kitas steige die Gefahr, dass sich Eltern infizieren. Hier müsse man insbesondere Risikopatienten im häuslichen Umfeld im Blick haben. Auf der anderen Seite müsse man aber auch lernen, mit dem Virus zu leben, so wie mit Influenzaviren. Sie plädiert deshalb für eine schrittweise Öffnung von Schulen und Kitas, bei der Risiko und Nutzen ständig abgewogen werden.3

Schulöffnung keine Gefahr für Kinder

Die Schulöffnungen stellten für die Kinder selbst – sofern sie keine Vorerkrankungen haben – hingegen kaum eine Gefahr dar, so die Virologin weiter. Sie könnten sich zwar mit SARS-CoV-2 infizieren, erkrankten aber nur sehr selten schwer. Die meisten Fälle verlaufen eher mild.3

Aktuellen Studien zufolge sind Kinder bis 14 Jahre sogar deutlich weniger anfällig als Menschen zwischen 15 und 65 Jahren.4 In einer Studie aus Island, wo Kindertagesstätten und Grundschulen im Rahmen der Pandemie geöffnet blieben, fanden die Autoren bei keinem Kind unter 10 Jahren SARS-CoV-2.5 Bei Kindern über 10 Jahren inklusive der Erwachsenen lag der Anteil hingegen bei 0,8%.

Ähnliches ergab eine Studie aus Italien: In der Kleinstadt Vò in Norditalien wurde vor Beginn der strengen Isolationsmaßnahmen die Mehrheit der Bevölkerung per PCR getestet. Hier wurde SARS-CoV-2 bei 2,6% der Bevölkerung nachgewiesen – jedoch bei keinem Kind unter 10 Jahren.6

Kinderärzte: Schulschließungen neu überdenken

Laut Kinderärzten um Dr. Tilmann Schober von der Kinderklinik und Kinderpoliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital an der LMU München widersprechen Schulschließungen dem Recht der Kinder auf Bildung und haben für die Betroffenen erhebliche psychische und psychische Belastungen und soziale Konsequenzen.7

„Nach derzeitigem Wissen scheinen Kinder in geringerem Ausmaß als Erwachsene an der Übertragung von SARS-CoV-2 beteiligt zu sein. Deshalb tragen die flächendeckenden Schließungen von Schulen, Kindergärten und Kinderkrippen voraussichtlich weniger als erwartet zur Eindämmung der Pandemie bei. In Anbetracht der erheblichen Nebenwirkungen der Schließungen, sollte dem Recht der Kinder auf Bildung und Teilhabe an der Gesellschaft Vorrang eingeräumt werden”, heißt es in einer Publikation im Deutschen Ärzteblatt.

Kinder erkranken seltener schwer an Covid-19: Warum ist das so?

Kinder sind im Allgemeinen anfälliger für Infektionen – bei SARS-CoV-2 scheint es jedoch anders zu sein. Eine Theorie besagt, dass bei ihnen möglicherweise der ACE-2-Rezeptor (SARS-CoV-2-Rezeptor), über den das Virus in die Zelle eintritt, weniger stark exprimiert ist. Um dies eindeutig zu beweisen, seien allerdings die Durchführung von Biopsien auch bei Kindern nötig, was aus ethischen Gründen nicht vertretbar wäre, erklärt Protzer.3

Vielmehr könnte der Schlüssel für die geringere Anfälligkeit von Kindern für Covid-19 im angeborenem Immunsystem zu finden sein, schreiben italienische Forscher.8 Ihre Erklärung: In den ersten Lebensjahren sind alle Mikroorganismen für Kinder neu. Häufige Infektionen im Kindesalter dienen deshalb dazu, einen Pool von T- und B-Gedächtniszellen aufzubauen. Letztere induzieren die Bildung von Antikörper des IgM-Typs, die sich gegen ein breites Erregerspektrum richten. Das kindliche Immunsystem kann damit also besser und schneller auf neue Erreger reagieren. Eine Eigenschaft, die bei Erwachsenen vermindert ist und bei älteren Menschen ab 70 Jahren sogar ganzlich verloren sein könnte.

Wenn Kinder doch schwer erkranken: Ergebnisse aus Deutschland

Bis zum 4. Mai 2020 wurden in Deutschland insgesamt 9657 Patienten im Alter bis 19 Jahre mit Covid-19 gemeldet. Nur die wenigsten Kinder mussten ins Krankenhaus. Seit 18. März erfasst die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) deutschlandweit die Daten aller hospitalisierter Kinder mit Covid-19. Bislang liegen Daten von 128 Kindern aus 66 Kliniken vor, von denen 96 (78 %) bereits entlassen worden waren.

16 Patienten (13 %) wurden intensivmedizinisch betreut. 85 Kinderkliniken meldeten aktiv, bisher keine Patienten mit Covid-19 behandelt zu haben.In 38 % der Fälle konnte ein Indexpatient identifiziert werden, in 85 % handelte es sich hierbei um die Eltern. Die vollständigen Ergebnisse sind im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht. Zur Studie der DGPI geht es hier

  1. RKI, SARS-CoV-2 Steckbrief zur Coronavirus-Krankheit-2019 (COVID-19), Stand: 7.5.2020
  2. Jones TC, Mühlemann B, Veith T, et al.: An analysis of SARS-CoV-2 viral load by patient age.
  3. Science Media Center, press briefing, 08.05.2020: Welche Rolle spielen Kinder bei der Übertragung von SARS-CoV-2?
  4. Zhang et al.: Changes in contact patterns shape the dynamics of the COVID-19 outbreak in China; Science; 29 Apr 2020; Doi: 10.1126/science.abb8001 CrossRef MEDLINE
  5. Gudbjartsson DF, et al.: Spread of SARS-CoV-2 in the Icelandic population. N Engl J Med 2020. Doi: 10.1056/NEJMoa2006100 CrossRef MEDLINE PubMed Central
  6. Lavezzo E, et al.: Suppression of COVID-19 outbreak in the municipality of Vo, Italy. medRxiv 2020.2004.2017.20053157. Doi: 10.1101/2020.04.17.2005315z
  7. Schober, Tilman et al.: Coronakrise: Kinder haben das Recht auf Bildung. Dtsch Arztebl 2020; 117(19): A-990 / B-837
  8. Carsetti Rita et al.: The immune system of children: the key to understanding SARS-CoV-2 susceptibility? Lancet Child Adolesc Health 2020, May 6, 2020

Bild: © GettyImages/Dobrila Vignjevic

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