21. Oktober 2020

Update 2020

Intrauterine Entzündung durch vertikale Infektionen

Cytomegalie, Hepatitis B und SARS-CoV-2: Vertikale Infektionen sind zwar selten, können aber in Ausnahmefällen schwere Folgen für das Kind haben. Auf dem diesjährigen Online-Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. hat Prof. Dr. Christian Bührer, Direktor der Klinik für Neonatologie der Charité Universitätsmedizin Berlin, den aktuellen Wissensstand kompakt zusammengefasst.

Lesedauer: 5 Minuten

Quelle: Kongress „Kinder- und Jugendmedizin aktuell” – Online Update 2020 aus Berlin“, Vortrag von Prof. Dr. Christian Bührer “Intrauterine Entzündungen durch vertikale Infektionen – Update 2020″ vom 19. September 2020.

Vertikale Transmission von SARS-CoV-2 möglich

Zu Beginn seines Vortrags verweist Prof. Bührer auf die Möglichkeit einer vertikalen Transmission von SARS-CoV-2 anhand folgender Kasuistik: Eine schwangere Patientin war schwer an Covid-19 erkrankt. In der SSW 35+5 wurde das Kind per Kaiserschnitt bei einem pathologischen CTG entbunden. Das Neugeborene musste 6 h beatmet werden. Bereits wenige Stunden nach Geburt konnte eine SARS-CoV-2-Infektion aus Plazenta, Blut und Trachealsekret des Kindes nachgewiesen werden.

Der Säugling konnte nach 18 Tagen aus dem Krankenhaus entlassen werden, wenn auch nicht völlig genesen: Im MRT des Schädels zeigten sich “kleine weiße Pünktchen” in der weißen Substanz – Hinweise auf Gefäßschädigungen.

STORCH: Die häufigsten Pathogene intrauteriner Infektionen

Nach Vortrag von Prof. Dr. Christian Bührer, Kinder – und Jugendmedizin aktuell 2020.

Die häufigsten Pathogene, die zu einer intrauterinen Infektion führen können, werden über die Kurzform STORCH beschrieben, erläutert der Neonatologe (siehe Abbildung rechts). Darüber hinaus gibt es ein Dutzend weiterer Erreger.

Im folgenden fokussiert sich Prof. Bührer jedoch auf Infektionen mit Cytomegalieviren und Hepatitis-B-Viren, da für beide Erreger Medikamente zur Prophylaxe und zur Therapie zur Verfügung stehen.

Hepatitis B

Während die Hepatitis B in Deutschland eher selten auftritt, beträgt die HBV-Prävalenz in afrikanischen Ländern südlich der Sahara und in Südostasien in der Bevölkerung zwischen 1-10 %. Speziell Südostasien konnte in den letzten Jahren deutliche Erfolge im Kampf gegen HBV verzeichnen und die Anzahl der Mutter-Kind-Transmissionen drastisch senken. „Bei den Kindern unter 5 Jahren gibt es praktisch keine Hepatitis-B-Infektionen mehr”, erzählt Prof. Bührer.

Wie ist dies gelungen?
Wie auch in Deutschland üblich, werden schwangere Frauen in diesen Ländern auf das HBs-Antigen (HBsAg) getestet. Im Falle eines positiven Testergebnisses besteht ein Transmissionsrisiko von der Mutter auf das Kind von etwa 60 %. Eine aktive und passive Immunisierung innerhalb von 12 h nach der Geburt kann diese Transmissionsrate auf 3 % senken. Allerdings sei diese Rate für Länder mit sehr hoher HBV-Prävalenz nach wie vor zu hoch, so Prof. Bührer.

Ähnlich wie Retroviren benötigt HBV für seine Replikation die Reverse Transkriptase. HBV-positive Schwangere mit einer sehr hohen Viruslast im Blut (> 10 7 HBV-Kopien/ml) werden daher mit einem Reverse-Transkriptase-Hemmer wie Lamivudin, Telbivudin oder Tenofovir therapiert. So lässt sich die Transmissionsrate – mit Immunisierung nach der Geburt – bei Kindern auf unter 1 % senken.

Cytomegalievirus

Das Cytomegalievirus (CMV) gehört zu den Herpesviren und verbleibt nach einer Infektion ein Leben lang im Körper. Das kindliche Infektionsrisiko liegt zwischen 30 bis 40 %, wenn sich Mütter in der Schwangerschaft erstmalig mit CMV infizieren. 2

Kinder, deren Mütter bereits vor der Schwangerschaft CMV-positiv waren, unterliegen grundsätzlich einem niedrigeren Infektionsrisiko (< 1 %), berichtet Prof. Bührer. Allerdings ist die Zahl der Frauen, die bereits bei Eintritt der Schwangerschaft CMV-positiv sind, deutlich höher als die derjenigen Frauen, die erst während der Schwangerschaft serokonvertieren.

In sehr warmen Ländern wie Indien und Brasilien besteht eine nahezu 100-prozentige Durchseuchung der Bevölkerung mit CMV – fast alle Fälle der konnatalen CMV-Infektionen sind hier auf die nicht-primären Infektionen zurückzuführen.

Infektionszeitpunkt ausschlaggebend für Erkrankungsschwere

Für die Erkrankungsschwere spiele es jedoch keine Rolle, ob die Frau bereits vor der Schwangerschaft CMV-positiv war oder sich erst im Verlauf der Schwangerschaft angesteckt hat, erklärt der Arzt: „Entscheidend für das Kind ist nur der Infektionszeitpunkt. Liegt dieser früh, kommt es zu einem für das Kind traumatischen Krankheitsbild”. Die meisten dieser Kinder sterben kurz nach der Geburt. Die Häufigkeit liegt hier laut Prof. Bührer aber unter 0,1 %.

In den meisten Fällen, wenn die Infektion des Kindes erst später im Schwangerschaftsverlauf erfolgt, kommt das Immunsystem des Ungeborenen mit der Virusinfektion besser zu recht. Die Kinder erscheinen bei der Geburt asymptomatisch, was aber nicht bedeutet, dass diese auch gesund sind.

Denn asymptomatische konnatale CMV-Infektionen können die Ursache sein von

  • Zerebralparesen (in 2- 10 % der Fälle),
  • ätiologisch ungeklärten Gehirnfehlbildungen (in ca. 16 % der Fälle), und
  • behandlungsbedürftigen Hörstörungen ( in ca. 18 % der Fälle).

Innenohrschwerhörigkeit ist das zentrale Problem der konnatalen CMV-Infektion”

Bei symptomatischer Infektion liegt die Rate der Hörstörungen sogar zwischen 35 und 40 %. „Da besteht auch kein Zweifel daran, dass man diese behandelt”, betont Prof. Bührer.

Behandlung der Innenohrschwerhörigkeit auch später wirksam

Die meisten Kindern ohne Symptome entwickeln hingegen deutlich seltener Hörstörungen (7 – 11 %). Das Heimtückische dabei: Bei der Geburt ist die Innenohrschwerhörigkeit bei asymptomatischen CMV-Infektionen oftmals noch nicht vorhanden, sondern entwickelt sich erst im Laufe der ersten 12 bis 18 Monate.

Bislang gibt es noch keinen Konsens unter Experten, ob man diese Kinder behandeln soll oder nicht, erklärt der Arzt. Daten aus Israel zeigten aber, dass eine Behandlung auch in diesen Fällen wirksam sei.

Dort wurden 59 Neugeborene mit konnataler CMV-Infektion und isoliertem sensorineuralem Hörverlust mit Valganciclovir oral behandelt: Die Säuglinge erhielten das Präparat (17 mg/kg) für die ersten 3 Monate zweimal pro Tag, danach für weitere 9 Monate nur noch einmal täglich. Das Ergebnis: Das Hörvermögen hat sich deutlich verbessert (ca. 70 % Steigerung). Zudem hat sich die Behandlung auch bei CMV-positiven Kindern als wirksam erwiesen, die das Medikament deutlich später erhalten hatten: Bei ihnen lag bei der Geburt noch keine Hörstörung vor, diese hat sich erst im Laufe der nächsten Monate entwickelt.

  1. Kongress “Kinder- und Jugendmedizin aktuell” – Online Update 2020 aus Berlin, Vortrag von Prof. Dr. med. Christoph Bürer “Update Neonatologie und und Infektiologie: Intrauterine Entzündung durch vertikale Infektionen”, 19.10.2020
  2. Deximed: Zytomegalievirus (abgerufen am 19.10.2020)

Bild: © GettyImages/syahrir maulana

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