31. März 2021

Teil 2 des Interviews

„Himmel & Hölle in Bewegung setzen, und das möglichst heimlich“

Kinderschutzmediziner Oliver Berthold gibt konkrete Tipps für die Abwägung zwischen Kindesschutz und Schweigepflicht und erklärt, mit welcher inneren Haltung man als Ärztin oder Therapeut bei Verdachtsfällen am weitesten kommt.

Lesedauer: 4 Minuten

Redaktion: Dr. med. Laura Cabrera, Dr. Nina Mörsch

Was raten Sie im Umgang mit den Eltern?

Die Eltern sind grundsätzlich die Hauptverantwortlichen für das Wohlergehen ihrer Kinder und in der Regel unsere wichtigsten Ansprechpartner. Das gilt auch und besonders in der Krise.
Schuldzuweisungen und Vorverurteilungen sind kontraproduktiv, deswegen sollte ich mich immer auch um eine entsprechende neutrale innere Haltung bemühen: es ist für das Kind wichtig, genau zu klären, was passiert ist und zu verhindern, dass es in Zukunft weiteren Schaden nimmt. Das ist mein einziges Interesse als Arzt. Das versuche ich primär in Kooperation mit den Eltern, wenn das nicht funktioniert, zusätzlich in Kooperation mit dem Jugendamt, notfalls auch in Kooperation mit der Polizei.
Entsprechend sollte die Kommunikation aussehen, wenn ich bei der U5 mit einem Säugling konfrontiert bin, der ein unerklärtes Hämatom am Abdomen hat oder der nachts mit einer Humerusfraktur in der Notaufnahme vorgestellt wird: Eine sorgfältige Abklärung ist aus medizinischen Gründen unerlässlich, daher erfolgt die Einweisung in die entsprechende Klinik. Bei Unterlassung ist die Besorgnis ausreichend groß, um bereits zu diesem Zeitpunkt das Jugendamt zu informieren und um Unterstützung zu bitten.

Welche Tipps haben Sie für Ärzte, die gerade abwägen müssen, ob der Kindesschutz den Bruch der Schweigepflicht rechtfertigt?

Die Information des Jugendamtes stellt hier keinen Bruch der Schweigepflicht dar, da im Bundeskinderschutzgesetz ausdrücklich die Befugnis formuliert wird, bei gewichtigen Anhaltspunkten für eine Kindeswohlgefährdung Informationen an das Jugendamt weiter zu geben.

Diese Informationen lösen im Jugendamt eine eigene Abschätzung der Kindeswohlgefährdung aus. Das heißt, ich schaffe keine Tatsachen, sondern bitte das Jugendamt um Aufklärung.

Trotzdem kann die Abwägung sehr belastend sein, weil oft wichtige Informationen fehlen. Es hilft, sich mit kleinen Fragen zu nähern:

  • Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit aus meiner jetzigen Sicht für eine weitere Gefährdung des Kindes?
  • Wie stark ist die Gefährdung aus meiner jetzigen Sicht?
  • Welcher Schaden droht dem Kind, wenn ich eine Abklärung anstoße, die keine Kindeswohlgefährdung ergibt?
  • Welcher Schaden droht dem Kind, wenn ich keine Abklärung anstoße, obwohl eine Kindeswohlgefährdung besteht?

Je größer die Gefahr einer erheblichen Schädigung, desto geringere Ansprüche sollten Sie an die Wahrscheinlichkeit stellen. Umgekehrt entsteht jedoch vor allem bei Verdachtsfällen von sexuellem Missbrauch oft ein erheblicher Handlungsdruck, sofort „Himmel und Hölle“ in Bewegung zu setzen (und das möglichst heimlich), bevor eine sorgfältige Abklärung erfolgt ist. Das kann ebenso kontraproduktiv sein.

Ein klassischer Fall: Ein Facharzt erfährt “indirekt” über eine mögliche Kindeswohlgefährdung. Zum Beispiel berichtet eine Patientin, sie sei mit ihrem gewalttätigen Ex-Partner wieder zusammen. Was raten Sie den Kollegen, die sich mit ähnlichen Situationen an Sie wenden?

Hier wäre naheliegend, in einem ausführlichen Gespräch mit der Patientin zu klären, welche Gefährdung für das Kind besteht. Vor allem im stationären Setting ist bereits hier die frühzeitige Einbindung des Sozialdienstes sinnvoll. Besteht die Möglichkeit, gemeinsam mit der Patientin ein tragfähiges Konzept zu erarbeiten, um eine Gefährdung des Kindes auszuschließen? Sieht die Patientin selbst Unterstützungsbedarf und kann unterstützt werden, sich selbst beim Jugendamt um Unterstützung zu bemühen? Wenn die Besorgnis um das Kind bestehen bleibt und gemeinsam mit der Patientin keine Lösung möglich erscheint, ist eine Klärung der Situation durch das Jugendamt angeraten. Das sollte in Absprache mit der Patientin geschehen. Perspektivisch ist es günstig, wenn das Vertrauensverhältnis zwischen Ärzt*in und Patientin erhalten bleibt und das Jugendamt nicht als Drohung, sondern als Unterstützung vermittelt und wahrgenommen wird. Erfreulicherweise ist das oft möglich.

Welche Folgen hat die derzeitige Pandemie auf den Kinderschutz?

In den Lockdownphasen sehen wir in allen Bereichen der Pädiatrie deutlich weniger Kinder als sonst, auch die Schulen, Kindergärten und Sportvereine sehen die Kinder nicht mehr. Das ist dramatisch, weil diese Ressourcen wegfallen, während auf der anderen Seite der Druck auf die Familien steigt: gesundheitliche und wirtschaftliche Sorgen nehmen zu, man verbringt mehr Zeit auf engem Raum miteinander, ist sozial isoliert.

Aus früheren Krisen und aus ersten Untersuchungen in der SARS-CoV-2-Pandemie wissen wir, dass dies eher zu einem mehr an häuslicher Gewalt führt, die Möglichkeiten der Entdeckung und Intervention sind aber reduziert. Somit tragen Kinder, vor allem diejenigen aus Familien, die bereits vor der Pandemie belastet waren, zur Zeit ein besonders hohes Risiko, obwohl sie im Hinblick auf ihr Erkrankungsrisiko vom Lockdown vergleichsweise wenig profitieren. Das ist ein ethisches Dilemma, welches unbedingt beachtet werden muss, wenn es um die Frage geht, mit welcher Priorität Schulen und Kindergärten auch im Lockdown offen gehalten werden sollten.

Kürzlich hat die Bundesregierung den Entwurf für ein Gesetz zur Stärkung von Kindern und Jugendlichen vorgelegt – was sind aus Ihrer Sicht für Ärzte die wichtigsten Punkte? Wo sollte noch nachgebessert werden?

Besonders wichtig als Arzt ist mir, dass zukünftig diejenigen Fachkräfte in die Gefährdungsabschätzung des Jugendamtes einbezogen werden sollen, von denen die Information kam. Das heißt, dass wir Teil des Prozesses werden, den wir angestoßen haben und entsprechend auch wissen, wie es weitergeht.

Oliver Berthold – © <span>DRK</span> Kliniken Berlin
Oliver Berthold – © DRK Kliniken Berlin

Oliver Berthold ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Kinderschutzmediziner (DGKiM). Er leitet die Kinderschutzambulanz der DRK Kliniken Berlin und ist Klinischer Teamleiter der Medizinischen Kinderschutzhotline. Seit 2017 berät er in der Medizinischen Kinderschutzhotline Ärzt*innen, Psychotherapeut*innen und andere Fachkräfte in Fragen zu Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung.

Bildquelle: © gettyImages/takasuu

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