31. März 2021

Interview

Verdacht auf Kindesmissbrauch: Tipps für Ärzte und Therapeuten

Hegt man als Arzt oder Therapeut den Verdacht, dass ein Kind körperlich oder psychisch gefährdet ist, steht man oft vor einem Dilemma. Pädiater und Kinderschutzmediziner Oliver Berthold von der Medizinischen Kinderschutzhotline beantwortet häufige Fragen zum Thema.

Lesedauer: 3,5 Minuten

Redaktion: Dr. med. Laura Cabrera, Dr. Nina Mörsch

Herr Berthold, was ist die Medizinische Kinderschutzhotline?

Wir sind ein ärztliches Beratungsangebot zu allen Fragen des medizinischen Kinderschutzes, das heißt immer dann, wenn die Möglichkeit der Misshandlung, der Vernachlässigung oder des sexuellen Missbrauches im Raume steht. Dabei beraten wir alle Fachkräfte im Gesundheitswesen, sowie Fachkräfte aus der Kinder- und Jugendhilfe (d.h. vor allem den Jugendämtern) und den Familiengerichten zu konkreten medizinischen Fragen. Das Beratungsangebot wird vom Bundesfamilienministerium finanziert und vom Uniklinikum Ulm in Kooperation mit den DRK Kliniken Berlin umgesetzt. Wir sind rund um die Uhr kostenlos unter 0800 19 21000 erreichbar.

Oliver Berthold – © <span>DRK</span> Kliniken Berlin
Oliver Berthold – © DRK Kliniken Berlin

Oliver Berthold ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Kinderschutzmediziner (DGKiM). Er leitet die Kinderschutzambulanz der DRK Kliniken Berlin und ist Klinischer Teamleiter der Medizinischen Kinderschutzhotline. Seit 2017 berät er in der Medizinischen Kinderschutzhotline Ärzt*innen, Psychotherapeut*innen und andere Fachkräfte in Fragen zu Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung.

Was sind Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung? Welche Hinweise werden übersehen? Welche Hinweise werden oft falsch interpretiert?

Hinweise (der Gesetzgeber spricht von „gewichtigen Anhaltspunkten“) sind eigentlich alle Aspekte, die mich als Fachkraft an Misshandlung, Vernachlässigung oder Missbrauch denken lassen.
Das können körperliche Befunde oder psychische Auffälligkeiten beim Kind sein (altersuntypische Verletzungen, inadäquat behandelte Grunderkrankungen, auffälliges, z.B. sexualisiertes oder distanzloses Verhalten, massive Adipositas), genauso wie ein inadäquates Verhalten von Eltern (z.B. Unterlassen dringlicher medizinischer Maßnahmen).

Dabei sollte uns bewusst sein, dass es, anders als bei körperlichen Befunden, eigentlich keine misshandlungsspezifischen psychischen Befunde gibt. Ob und wie Kinder auf erlebte Traumata reagieren, kann nicht vorhergesagt werden und umgekehrt kann von einer psychischen Erkrankung nicht automatisch auf erlebte Misshandlung oder Missbrauch geschlossen werden. Ebenso ist wichtig zu bedenken, dass sich nicht alle Hinweise bestätigen. Aber zunächst geht es ja darum, eine weitere Abklärung einzuleiten.

Subklinische und mehrzeitige Frakturen bei Säuglingen werden häufig übersehen, wenn nicht bei altersuntypischen Verletzungen oder sonstigem Hinweis auf Misshandlung ein vollständiges Skelettscreening durchgeführt wird.

Grundsätzlich gilt: Jede Verletzung hat eine Erklärung. Aber nicht immer erfahren wir sie in der Anamnese. Und wir wissen aus Berichten von Betroffenen, dass sich Kinder und Jugendliche, die sexuelle Übergriffe erlebt haben, an Fachkräfte wenden, aber manchmal kein Gehör finden oder ihnen nicht geglaubt wird. Bei Vernachlässigung kommt es zudem nicht darauf an, ob die Eltern „böswillig“ vernachlässigen. Relevant ist lediglich, ob eine bestimmte Situation schädlich für die weitere Entwicklung des Kindes ist.

Welche Bedeutung hat der emotionale Missbrauch bzw. Vernachlässigung eines Kindes?

Die emotionale Komponente von Misshandlungen und Vernachlässigung scheint der Aspekt zu sein, der die größten Auswirkungen auf das restliche Leben der Betroffenen hat. Die Wahrscheinlichkeit für spätere psychische und körperliche Erkrankungen, Substanzmissbrauch, ja sogar Suizidversuche steigt. Dabei gibt es kein spezifisches „Misshandlungssyndrom“ und nicht jede Person mit Misshandlungserfahrung wird später deshalb gesundheitliche Probleme haben. Aber im Durchschnitt steigt das Risiko und es steigt auch mit der Summe der erlebten, sogenannten „belastenden Kindheitserlebnisse“ (engl. Adverse childhood experiences).

Welche Pflichten hat man als Arzt rechtlich?

Wenn wir uns Sorgen um ein Kind machen, sollen wir das mit Eltern und Kind / Jugendlichem besprechen und gemeinsam einen Plan entwickeln, wie man die Situation verbessern könnte. Soweit ist das erst einmal selbstverständlich in unserer täglichen Tätigkeit. Schwierig wird es dann, wenn die Eltern entweder nicht willens oder in der Lage sind, an der Verbesserung mitzuarbeiten. Dann besteht die ausdrückliche Befugnis, das Jugendamt auch gegen den Willen der Eltern um Unterstützung zu bitten. Allerdings sollten wir das mit den Eltern vorab besprechen bzw. ihnen mitteilen (nachzulesen im § 4 des Gesetzes zur Kooperation und Information im Kinderschutz).

Wie sollten Ärzte konkret vorgehen, wenn sie einen Verdacht haben?

In vielen Situationen ist es ja so, dass ich als Arzt gar nicht weiß, ob eine Gefährdung des Kindes vorliegt. So kann eine Verletzung theoretisch sowohl durch einen Unfall, als auch eine Misshandlung passiert sein oder jemand befürchtet einen sexuellen Missbrauch, aber das Kind äußert sich nicht (oder unspezifisch) dazu.

So einen Verdacht kann ich üblicherweise nicht in der kurzen Zeit einer Vorstellung in der Praxis oder der Notaufnahme vollständig abklären. Deswegen ist die Überweisung in eine Einrichtung mit entsprechender Expertise (Kinderklinik mit Kinderschutzgruppe oder Kinderschutzambulanz, Adressen hier) erforderlich. Als inneren Maßstab, „ob der Aufwand wirklich nötig ist“, empfehle ich folgendes Gedankenspiel: stellen Sie sich vor, mit derselben Wahrscheinlichkeit hätten Sie den Verdacht auf eine maligne Erkrankung. Müsste man das abklären? Die Folgen für das betroffene Kind können bei unterlassener Diagnostik in beiden Fällen ähnlich sein.

Bildquelle: © gettyImages/sam thomas

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