11. Juni 2021

Interview zur Covid-19-Impfung von Kindern

„Kein Grund zur Eile“

Sollten auch Kinder und Jugendliche gegen Covid-19 geimpft werden? Welche Faktoren sollten bei der Nutzen-Risiko-Abwägung beachtet werden? Und wäre eine Impfung auch zum Wohle der Gesellschaft? Diese Fragen beantwortet Prof. Dr. David Martin, Universität Witten/Herdecke.

Videodauer: 13 Minuten

Sie haben mit Kollegen ein Konsenspapier zur Covid-19-Impfung von Kindern verfasst.1 Was hat Sie dazu bewogen und wie sind Sie bei der Erstellung vorgegangen?

Prof. David Martin: Wir haben uns bereits zuvor mit Covid-19 bei Kindern beschäftigt, etwa durch die Erfassung der Wahrnehmung von Kinder- und Jugendärzten in den Praxen, als Pendant der klinischen Erhebung der DGPI (Deutsche Gesellschaft Pädiatrische Infektiologie). Per E-Mail haben wir, gemeinsam mit dem BVKJ (Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte), dazu aufgerufen, mitzuteilen, was in den Praxen beobachtet wird.

Die Daten zeigen, auch international, dass Covid-19 bei Kindern sehr selten eine schwere Erkrankung ist. Auch PIMS (Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome) tritt immer wieder auf, in Deutschland bei etwa 250 Kindern. Todesfälle durch PIMS sind in Deutschland jedoch nicht aufgetreten. Long-Covid ist bei Kindern sehr schwer zu erfassen, aber tritt nach bisherigen Daten kaum in schwerer Form auf. In der leichten Form ist es zudem schwer vom Long-Lockdown-Syndrom zu unterscheiden.

Wir wollten analysieren, ob Impfungen für Kinder angebracht wären und ob eine Durchführung der Impfung zum Wohle der Gesellschaft angemessen wäre. An diesen Fragen orientiert sich das Papier.

Sie beschreiben 14 Aspekte, die berücksichtigt werden sollten, je 7 kinderbezogene und gesellschaftsbezogene. Wie haben Sie diese Kriterien ausgewählt?

Prof. David Martin: Wir haben versucht alle Aspekte, die wir in der Literatur gefunden haben, zu bedenken. Dass es jeweils 7 geworden sind, war anfangs nicht so geplant.

Im New England Journal of Medicine wurde vergangene Woche die Wirksamkeit und Sicherheit des Biontech-Impfstoffs bei Kindern (12-15 Jahre) gezeigt.3 Die EMA hat die Zulassung des Impfstoffs für diese Altersgruppen empfohlen. Beeinflussen diese neuen Entwicklungen Ihre Bewertungen?

Prof. David Martin: Wir begrüßen die Zulassung der Impfstoffe, da es einzelne Kinder gibt, die von der Impfung profitieren können. Es wäre aber falsch zu sagen, dass viele chronisch kranke Kinder davon profitieren würden.

In Deutschland hat ein Viertel aller 12-15-Jährigen und ein Sechstel aller jüngeren Kinder eine chronische Erkrankung, etwa Allergien, Asthma oder Typ 1 Diabetes. Diese werden oft als Risikofaktoren genannt, laut unseren Auswertungen und der Literatur sind sie es jedoch nicht.

Man muss genau untersuchen, wer von der Impfung profitieren kann. Eine Zulassung ist etwas anderes als eine generelle Impfempfehlung für alle Kinder.

Wäre eine Covid-19-Impfung grundsätzlich zum Wohle der Kinder?

Prof. David Martin: Die DGKJ und die DGPI haben es gut dargestellt. Bislang sind 4 Kinder in Deutschland wahrscheinlich an Covid-19 verstorben. Natürlich ist jeder Todesfall einer zu viel. Aber die von Prof. Wieler erwähnten 21 verstorbenen Kinder hatten möglicherweise nicht Covid-19, sondern waren SARS-CoV-2-positiv. Ich finde es daher schwierig, dass das RKI so von diesen Daten spricht.

Bei so wenigen Kindern und einer so wichtigen Indikation, wie einer Impfung von 15,5 Millionen Kindern, würde ich erwarten, dass diese 21 Kinder sehr genau aufgearbeitet werden. Dies hat die DGPI gemacht und kommt zu dem Schluss, dass allenfalls 4 Kinder, die chronisch erkrankt oder palliativ waren, an Covid-19 verstorben sind.

Das ist mehr als 10-mal weniger als in diesem Zeitraum an Verkehrsunfällen gestorben sind. Eltern sollten sich klar machen, dass es keinen Grund gibt, etwas eilig zu machen. Die Risikoverhältnisse sind für Kinder und Jugendliche sehr gering.

Könnten gesellschaftliche Aspekte eine Impfung begründen, selbst wenn die Kinder nicht direkt profitieren?

Prof. David Martin: Wir haben versucht auszurechnen, ob es sich für die Gesellschaft lohnt die Kinder zu impfen. Dabei kommen wir auf eine extrem geringe Abnahme des realen eigenen und Fremdrisikos an COVID-19 schwer zu erkranken durch eine Impfung der 12-15jährigen. Es gibt zwar Ansteckungen in den Schulen, aber diese sind relativ selten, sie finden eher zu Hause statt.

Weil die Impfung keinen 100%igen Schutz vor einer Ansteckung bietet, müssen sich Erwachsene weiterhin schützen. Wenn noch nicht alle Erwachsenen geimpft sind, die sich impfen lassen wollen, wäre es ohnehin noch zu früh mit der Impfung von Kindern und Jugendlichen zu beginnen.

Wenn es so weit ist, kann man ausrechnen, ob es sinnvoll ist, dann auch die 12-15-Jährigen zu impfen. Wir kommen zum Schluss, dass Es sich weder für die Gesellschaft noch für die jugendliche lohnen wird – denn das Risiko für alle wird nach Durchimpfung aller die es wollen noch geringer sein.  

Wenn dann noch in Betracht gezogen werden muss, dass wir noch nicht wissen, welche schweren Nebenwirkungen die Impfungen haben können, kommen wir in einen Bereich, in dem wir nicht wissen, was wir tun, wenn wir eine allgemeine Impfempfehlung aussprechen.

Welche ökonomischen, ökologischen und sozialen Konsequenzen gehen mit einer Impfempfehlung für Kinder einher?

Prof. David Martin: Die soziale Konsequenz ist, dass die Kinder in „geimpft“ und „nicht geimpft“ eingeteilt werden. Das führt zu einer Spaltung der Gesellschaft, die eigentlich nicht notwendig wäre. Es gibt Eltern, die lieber auswandern als ihr Kind impfen zu lassen. Andere wollen ihr Kind partout impfen lassen, egal was geschieht. Dazwischen gibt es Unentschiedene.

Eine weitere Schwierigkeit ist, dass die Impfungen möglicherweise jährlich wiederholt werden müssen.

Außerdem sollte man beachten, dass bei der natürlichen Immunität Antikörper gegen verschiedene Proteine des Virus gebildet werden, bei der Impfung hingegen nur gegen das Spike-Protein. Die natürliche Immunreaktion findet zudem auf mehreren Ebenen statt, etwa auch auf den Schleimhäuten.

Zu welchen Empfehlungen kommen Sie nach Ihrer Nutzen-Risiko-Abwägung?

Prof. David Martin: Die Empfehlung an die Eltern und an die Jugendlichen ist ganz klar: Lasst euch von der Tatsache, dass derzeit Freiheiten eingeschränkt sind, nicht verunsichern. Das ist ein Hauptgrund für Jugendliche sich impfen zu lassen. Sie befürchten kaum eine Covid-19-Erkrankung, aber Einbußen ihrer Freiheiten.

Es gibt keinen medizinischen Grund, wenn in Zukunft die Erwachsenen geimpft sind, die Freiheiten der Jugendlichen an den Impfstatus zu koppeln. Dadurch fällt dieser Druck weg.

Dann stellt sich die Frage, ob es für die eigene Gesundheit oder die der Bevölkerung noch einen Grund gibt sich zu impfen. Es bleibt die Frage der Reisefreiheit, die man erst mit der Zeit zu evaluieren können wird.

Es herrscht noch immer ein Impfstoffmangel, kann dies zu einem Generationenkonflikt führen, wenn die Impfpriorisierung im Juni aufgehoben wird?

Prof. David Martin: Auch Tedros Adhanom Ghebreyesus, der Generaldirektor der WHO, hat appelliert, weltweit erst die Menschen zu impfen, die ein Risiko tragen, und dann die gesunden. Erst viel später, wenn überhaupt, sollte an Kinder und Jugendliche gedacht werden.

Jetzt eilt man diesem Vorgang voraus. Kinder sind nachweislich kein Antreiber der Pandemie, deshalb ist diese Entscheidung schwer nachzuvollziehen.

Prof. Dr. David Martin ist Lehrstuhlinhaber des Gerhard-Kienle-Lehrstuhl für Medizintheorie der Universität Witten/Herdecke. Er ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Kinderendokrinologie & -Diabetologie, Kinderonkologie & -Hämatologie.

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