29. Juni 2020

Möglicher Hinweis auf Kindesmissbrauch

Bei Fingerkuppenverletzungen hellhörig werden

Verletzungen der Fingerkuppe sind bei Kindern meist auf Unfälle wie Einklemmen in der Tür zurückzuführen. Pädiater sollten jedoch hellhörig werden: Eine große Studie aus den USA hat jetzt eine eindeutige Assoziation zwischen diesen Verletzungen und Missbrauch oder Vernachlässigung gezeigt. 1

Lesedauer: 2 Minuten

Quelle: Christopher S. Klifto et al; Pediatric Fingertip Injuries: Association With Child Abuse; Journal of Hand Surgery Global Online 2 (2020) 31e34. Redaktion: Maria Weiß

Verletzungen des Fingerendgliedes einschließlich Amputationsverletzungen, Abrisse und Quetschungen machen zwei Drittel der pädiatrischen Handverletzungen und 54 % der notwendigen Amputationen bei Kindern aus. Häufigster Verletzungsmechanismus ist die Einklemmung, wobei Türen hierbei wahrscheinlich die größte Rolle spielen. Auch wenn Präventionsmaßnahmen wie einklemmsichere Gummidichtungen oder andere Türstopper eigentlich gut bekannt sind, hat die Häufigkeit solcher Verletzungen eher zugenommen.

Meist als normaler Unfall gewertet

In der Regel werden solche Verletzungen als „normaler“ Unfall wahrgenommen und nicht in Zusammenhang mit Kindesmisshandlungen oder Vernachlässigung gebracht. Von anderen Verletzungen im Kindesalter ist aber sehr wohl bekannt, dass eine Assoziation besteht. Christopher S. Klifto aus Durham, USA, und seine Arbeitsgruppe sind daher jetzt einem möglichen Zusammenhang zwischen Fingerkuppenverletzungen und Missbrauch nachgegangen.

Dazu werteten sie die Daten einer Kohorte von über 4 Millionen Kindern zwischen 0 und 12 Jahren aus, die zwischen 2004 und 2013 ambulant oder stationär behandelt worden waren. 79.108 dieser Kinder (1,62 %) wiesen Fingerspitzenverletzungen auf.  97,2 % hatten eine solche Verletzung, 2,7 % zwei und 0,1 % drei oder mehr.

In der Gesamtkohorte war bei 0,22 % der Kinder ein Missbrauch oder eine Vernachlässigung dokumentiert. Bei den Kindern mit Fingerspitzenverletzung lag diese Rate bei 0,27 %, bei Kindern ohne diese Verletzung bei 0,22 %

23 % höheres Missbrauchsrisiko bei verletzten Fingerkuppen

In der Multivarianzanalyse hatten Kinder mit verletzten Fingerkuppen eine 23 % höhere Wahrscheinlichkeit, Missbrauch oder Vernachlässigung erfahren zu haben (OR 1,23). Noch größer war das Risiko bei Kindern zwischen 1 und 2 Jahren mit Fingerverletzungen (OR 1,58) und Kindern zwischen 3 und 11 Jahren (OR 1,56) im Vergleich zu jüngeren Kindern unter einem Jahr.

Auch Jungen mit Fingerkuppenverletzungen (OR 1,27) oder am Fingerendglied verletzte Kindern mit einer oder mehreren kindlichen Verhaltensstörungen (Depression, ADHS, aggressives Verhalten oder Autismus) hatten ein erhöhtes Risiko (OR 1,35). Weitere Risikofaktoren war die Versorgung über Medicaid – eine Krankenversicherung, die in den  USA bedürftigen Menschen zur Verfügung steht (OR1,40) – sowie eine weiße Hautfarbe. 

Die Daten weisen somit auf einem möglichen Zusammenhang zwischen Fingerspitzenverletzungen und Kindesmissbrauch und Vernachlässigung. Die Autoren empfehlen bei diesen Kindern besonders auf weitere mögliche Hinweise für Kindesmisshandlungen zu achten und gegebenenfalls entsprechende Schritte zu unternehmen.

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