24. Juni 2021

Neue Daten zu Otitis media bei Kindern

Experte will „übertriebene Erwartungen an Paukenröhrchen bremsen“

Mittelohrentzündungen werden oft mit Paukenröhrchen therapiert. Ob diese Maßnahme auch rezidiven Otitiden vorbeugen kann, haben Fachleute jetzt untersucht.1

Lesedauer: 4,5 Minuten

Mittelohrentzündungen treten in den ersten 3 bis 4 Lebensjahren häufig auf. Sie werden oft mit Paukenröhrchen therapiert, damit Entzündungssekret durch das Trommelfell austreten kann und die Belüftung des Innenohrs erleichtert wird.

Antibiotika-Therapie Paukenröhrchen nicht unterlegen

Ob die Maßnahme vorbeugend gegen rezidive Otitiden wirkt, haben Prof. Dr. Alejandro Hoberman, Pädiater und Otorhinologe an der Universität Pittsburgh, und Kollegen jetzt untersucht.

Das Ergebnis: Eine rein antibiotische Therapie wiederkehrender Otitiden ist den Paukenröhrchen nicht unterlegen.

Die Studie
Das Team hat die Folgen einer Paukenröhrchen-Operation (TTP) mit denen einer oralen Gabe von 90 mg Amoxicillin plus 6,4 mg Clavulanat pro kg Körpergewicht über 10 Tage hinweg verglichen. Die Kinder waren zwischen 6 Monaten und 3 Jahren alt und litten an eindeutig diagnostizierter wiederkehrender Mittelohrentzündung. Das Auftreten weiterer Otitiden wurde über 2 Jahre hinweg nachverfolgt. Dabei dokumentierten Ärzte in der TTP-Gruppe 1,48 und in der Antibiotika-Gruppe 1,56 Otitiden, woraus sich kein signifikanter Unterschied ergab (p=0,66).

„Diese Studie ist sorgfältig gemacht und liefert glaubhafte Ergebnisse, die auch auf Deutschland übertragbar sind“, urteilt Dr. Nicole Töpfner, Abteilung Pädiatrische Infektiologie, Universitätskinderklinik Dresden. „Zu diesem Thema gab es bisher hauptsächlich Studien mit dem Ziel, den Nutzen von Paukenröhrchen zu beweisen. Hier wird gezeigt, dass Antibiotika eine gleichwertige medizinische Alternative gegen rezidivierende Otitis media darstellen.“

Die Studienrekrutierung der Kleinkinder ist komplex

Die meisten Fälle von akuter Otitis media werden laut Hoberman und Kollegen durch Streptococcus pneumoniae und Haemophilus influenzae ausgelöst. Aber auch virale Erreger sind sehr häufig, werden meist aber nicht nachgewiesen.

Kriterien für eine wiederkehrende Mittelohrentzündung waren mindestens 3 akute Fälle in den letzten 6 Monaten oder 4 akute Fälle im letzten Jahr, davon einer in den letzten 6 Monaten. Aufgrund dieser Einschränkung und dem Einverständnis der Eltern, das im Studienverlauf oft wechselte, konnte von insgesamt 1.329 geeigneten Kindern nur 250 in die randomisierte Analyse einbezogen werden.

Von 129 kleinen Patienten in der TTP-Gruppe erhielten nur 116 wirklich eine TTP, und von diesen konnten lediglich 103 die Studie abschließen. Von den 121 in der AB-Gruppe Randomisierten erhielten lediglich 67 nur die Antibiotika, von denen 54 Kinder die Studie abschlossen. Die anderen Kinder dieser Gruppe erhielten im weiteren Verlauf der Beobachtungszeit doch eine TTP, meist auf Verlangen der Eltern. Allerdings schlossen auch 46 Fälle von diesen die Studie komplett ab, wurden dann aber nicht in die Intention-to-treat (ITT)-Analyse eingeschlossen.

Ausgewertete Studienpopulation deutlich kleiner als geplant

„Solche Änderungen sind in der Therapie der wiederkehrenden Mittelohrentzündung bei Kleinkindern nicht ungewöhnlich“, berichtet Töpfner. „Allerdings ist durch die verringerte Fallzahl insbesondere innerhalb der Antibiotika-Gruppe die letztendlich ausgewertete Studienpopuplation deutlich kleiner als initial geplant“ Das könne Auswirkung auf die Studienergebnisse haben.

Antibiotika sorgten nicht für mehr Resistenzen der Rachenflora

Während der 2-jährigen Beobachtungzeit wurden die Kinder alle 8 Wochen oder bei Bedarf auf Symptome einer Otitis media und auf Antibiotika-Resistenzen der Rachenflora untersucht. Auch hier zeigten sich in Bezug auf die Schwere der Infektion und die Symptome nur geringe Unterschiede. Insbesondere waren die Resistenzen in der Rachenflora in der Antibiotika-Gruppe nicht höher.

„In Deutschland behandeln wir die Otitis media häufig zusätzlich mit sekretlösenden und abschwellenden Nasentropfen. Diese Maßnahme wurden vor dem Beginn einer Antibiotikatherapie in dieser Studie nicht gemacht oder nicht berichtet“, erläutert Töpfner. „Ebenfalls wurden Patienten mit zusätzlicher Adenektomie in der Studienkohorte ausgeschlossen, die in Deutschland häufig zusätzlich zur TTP durchgeführt werden.“

In einem zeitgleich veröffentlichten Editorial formuliert Prof. Dr. Ellen Wald, Leiterin der Pädiatrischen Klinik der Universität Wisconsin, Nachteile der TTP. Sie nennt einerseits die OP unter Anästhesie, andererseits auch eine mögliche Vernarbung des Trommelfells. Als Vorteile nennt die Kommentatorin den schnelleren Abfluss des Entzündungssekrets und die damit verbundene bessere Hörfähigkeit. Chronische Entzündungen könnten sogar die Sprachentwicklung verzögern, warnt Wald.

Paukenröhrchen oder Antibiotika – individuelle Entscheidung ist gefragt

Das bestätigt auch Töpfner: „Bei Patienten mit chronischem Paukenerguss beraten wir Eltern in Richtung einer TTP. Insbesondere dann, wenn das betroffenen Kind dadurch eine Hörstörung hat und/oder die Sprachentwicklung verzögert wird.“

Zusätzlich könne die Einlage von Paukenröhrchen insbesondere bei jüngeren Kindern mit häufig rezidivierenden Otitiden hilfreich sein, so der Experte weiter. „Aber ab einem Lebensalter von drei bis vier Jahren ist sowieso mit dem Abklingen der Prävalenz zu rechnen, so dass man durchaus mit einer Antibiotika-Therapie auskommen kann, ohne Nachteile befürchten zu müssen. Das hat diese Studie jetzt bestätigt.“

Letztlich stimmen Töpfner, Wald und die Studienautoren darin überein, dass jede Therapie von Kleinkindern auch die Eltern überzeugen muss. Insofern spielen in der Praxis nicht nur medizinische allein, sondern auch kommunikative Elemente in die Therapieentscheidung hinein.

Standardschema der DGPI

Das Standardschema der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) empfiehlt bei akuter Otitis media bei Kindern in den ersten 6 Lebensmonaten, bei Otitis media-Symptomen über 48-72 Stunden, bei schwerem Verlauf oder bei Kindern mit Grunderkrankung zusätzlich zur Schmerzlinderung und zu abschwellenden Maßnahmen eine antibiotische Therapie.

Bei älteren Kindern ohne Kontraindikation kann zunächst auch eine rein symptomatische Behandlung gegen Schmerz und Schwellung erfolgen. „Es ist gut, dass die Daten dieser Studie Argumente liefern, die manchmal übertriebenen Erwartungen an Paukenröhrchen zu bremsen und eine konservative Behandlungsalternative anzubieten“, resümiert Töpfner.

Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape erschienen.

  1. Hoberman A, et al: Tympanostomy Tubes or Medical Management for Recurrent Acute Otitis Media, NEJM (online) 13. Mai 2021
  1. Wald E: NEJM (online) 13. Mai 2021

Bildquelle: © gettyImages/Ольга Симонова

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