08. Dezember 2021

Interview mit Burkhard Rodeck

DGKJ-Generalsekretär Rodeck: “Wir brauchen die Impfung, um die Kinder zu schützen”

Vor Kurzem hat die EMA die Impfung für Kinder ab 5 Jahren empfohlen. Grund genug nachzufragen: Welchen Stellenwert hat die Impfung für Kinder? Für welche Kinder ist die Impfung sinnvoll? 1

Lesedauer: 9 Minuten

Das Interview für Medscape führte Ute Eppinger

Die 4. Welle der Pandemie überrollt derzeit Deutschland. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) fordern in ihrer Pressemitteilung bessere Schutzmaßnahmen für Kinder und Jugendliche.

Ab 12 Jahren steht eine Impfung bereits zur Verfügung. Vor Kurzem hat die EMA die Impfung für Kinder ab 5 Jahren empfohlen. Die Impfstoffe mit der geringeren Dosis sollen nun schon, wie heute gemeldet wurde, am 13. Dezember in den EU-Mitgliedstaaten ausgeliefert werden, also eine Woche früher als geplant.

Welchen Stellenwert hat die Impfung für Kinder? Für welche Kinder ist die Impfung sinnvoll? Über diese und andere Fragen sprach Medscape mit PD Dr. Burkhard Rodeck, dem Generalsekretär der DGKJ.

Medscape: Trotz einer allgemeinen Impfempfehlung der STIKO für alle Erwachsenen sind nur knapp 68% der Bevölkerung vollständig geimpft. Dabei würde eine hohe Impfquote doch gerade auch die Kinder schützen, oder?

Dr. Burkhard Rodeck: Ja. Wir brauchen die Impfung, um die Kinder zu schützen und vor allem, um sich als Erwachsener selbst zu schützen. Das Risiko einer Impfung ist insgesamt niedriger als das Risiko durch eine Covid-19-Erkrankung – das gilt ganz eindeutig für die Erwachsenen. Kinder können theoretisch die Infektion auch weitergeben, ja. Doch ihr Anteil wird dabei überschätzt. Nach allem, was wir wissen, ist der Eintrag von Infektionen in die Schulen hinein über Schüler eher seltener und über Lehrer und andere Erwachsene häufiger.

Medscape: In ihrer Pressemitteilung schreiben DGKJ und BVKJ, dass grundsätzlich alle Erwachsenen im Umfeld der Kinder geimpft sein sollten. Fordern DGKJ und BVKJ auch eine allgemeine Impfpflicht gegen Covid-19?

Rodeck: Der BVKJ hat auf seiner Delegiertenversammlung am vergangenen Wochenende tatsächlich eine allgemeine Impfpflicht gefordert. Wir plädieren dafür, dass alle, die sich mit Kindern beschäftigen, die um Kinder herum sind, einer Impfpflicht unterliegen sollten. Alle diejenigen, die Infektionen an Kinder weitergeben können, die noch nicht geimpft werden können, müssen sich impfen lassen.

Medscape: Sie plädieren nicht nur für 2G in allen Kitas und Schulen, sondern für 2G plus. Wie bewerten Sie die Rolle, die Geimpfte für die Weitergabe des Virus spielen? Und wie häufig sollten geimpfte Erzieher und Lehrer dann getestet werden?

Rodeck: Wir wissen, dass die Ansteckung auch über Geimpfte eine gewisse Rolle spielt. Die Rolle ist sicher klein – der Geimpfte erkrankt nicht schwer, er erkrankt möglicherweise gar nicht manifest. Damit hustet er kaum oder gar nicht und verteilt die Virenpartikel definitiv nicht in dem Umfang wie ein manifest Erkrankter. Die Infektionsgefahr, die von Geimpften ausgeht, ist damit deutlich geringer. Das trifft für geimpfte Erzieher und Lehrer auch zu. Dennoch ist es sinnvoll, dass eine 2G plus-Regelung dort eingeführt wird, weil damit das Risiko der Weitergabe der Infektion durch einen Geimpften – das klein, aber eben nicht null ist – noch weiter reduziert wird. Es würde ausreichen, wenn sich geimpfte Erzieher und Lehrer 3-mal in der Woche testen.

Medscape: Sie schreiben in der Pressemitteilung, dass die primäre Krankheitslast durch Covid-19 bei Kindern gering ist und eine Erkrankung meist ohne Krankheitszeichen oder mild verläuft. Selten kann eine überschießende Immunreaktion mit schweren Krankheitssymptomen auftreten. Seit Mai 2020 sind dem Register der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie insgesamt 455 Fälle gemeldet worden (Stand: 14. November 2021). Long-Covid gibt es auch bei Kindern, die Häufigkeit ist nicht bekannt, aber wahrscheinlich geringer als bei Erwachsenen. Wobei es schwierig ist, zwischen Long-Lockdown und Long-Covid zu unterscheiden, da die Symptome sich sehr ähneln. Welchen Stellenwert nimmt vor diesem Hintergrund die Impfung für Kinder ab 5 Jahren ein?

Rodeck: Die Krankheitslast durch Covid-19 ist bei Kindern tatsächlich sehr gering. Das heißt: Primär werden die Kinder nicht sehr davon profitieren, dass eine Impfung für sie zur Verfügung steht. Und selbst wenn sie sich infizieren, erkranken sie nur leicht – wie bei einer normalen Erkältung. Sie sind extrem selten hospitalisiert, auf Intensivstationen findet man sie so gut wie gar nicht.

Seit Beginn der Pandemie sind insgesamt 32 Kinder und Jugendliche mit Covid-19 verstorben, 25 davon mit Vorerkrankungen. Allein am 23. November 2021 sind 336 Todesfälle bei Erwachsenen gemeldet worden – bei insgesamt über 100.000 Todesfällen durch Covid-19 bislang in Deutschland. Das bedeutet: Die Situation ist ganz anders zu bewerten als bei Erwachsenen. Deshalb muss man auch die Problematik möglicher langfristiger Impfkomplikationen durch die Impfung sehr sorgfältig beobachten. Und man muss sehr genau abwägen: Bringt die Impfung etwas für mein Kind, oder bringt sie das nicht?

Wir wissen, dass bei den 12- bis 17-Jährigen und auch bei den jungen Erwachsenen das Risiko einer Myokarditis durch die Impfung vorliegt. Eine Myokarditis kann aber auch bei einer manifesten Covid-19-Erkrankung auftreten. Die Waagschale bei der Abwägung „impfen – ja oder nein“ bei diesen älteren Kindern oder jungen Erwachsenen tendiert daher in die Richtung Impfung. Entsprechend hat die STIKO auch eine allgemeine Impfempfehlung für die 12- bis 17-Jährigen ausgesprochen.

Medscape: Bei den 5- bis 11-Jährigen, für die ja die Impfung konzipiert ist, ist die Risiko-Nutzen-Analyse aber nicht so eindeutig, oder?

Rodeck: Richtig, das alles wissen wir für die 5- bis 11-Jährigen noch nicht. Gäbe es je eine Situation, dass in dieser Altersgruppe Myokarditiden beobachtet werden würden – wobei sich das ja erst zeigt, wenn eine ausreichende Zahl von Kindern geimpft worden ist, da reichen die gut 1.500 Kinder aus der Zulassungsstudie von BioNTech nicht aus – dann hätten wir eine andere Diskussion. Insoweit ist die Zurückhaltung vor einer allgemeinen Impfempfehlung zunächst nachvollziehbar und verständlich.

Medscape: Für die Zulassungsstudie wurden in Phase-2 und -3 2.268 Kinder zwischen 5 und 11 Jahren eingeschlossen, 2 Drittel von ihnen bekamen je 2 Dosen des Impfstoffs, ein Drittel ein Placebo. Reicht diese Zahl denn aus, um seltene Nebenwirkungen zu erkennen?

Rodeck: Die Zulassung durch die EMA bedeutet: Die EMA prüft die Unterlagen, die vom Hersteller eingereicht wurden. Sie prüft bei diesen gut 1.500 Kindern also nur, ob die Impfantwort vergleichbar mit der von älteren Geimpften ist.

Zwar sind bei den ca. 1.500 Kindern, die tatsächlich geimpft worden sind, im Rahmen des Beobachtungszeitraums, der sich natürlich nur über wenige Monate erstreckt, keine schwerwiegenden Nebenwirkungen aufgetreten. Aber 1.500 Kinder – und daraus soll jetzt eine Impfempfehlung entstehen für 4,5 bis 5 Millionen Kinder von 5 bis 11 Jahren allein in Deutschland? Man kann vielleicht sagen: Not kennt kein Gebot. Und der politische Druck ist da, auch ein öffentlicher Druck ist da, viele rufen nach der Impfung. Das ist aber eine Situation, die eine sorgfältige Abwägung – die aus epidemiologisch-wissenschaftlicher Sicht ja notwendig ist – dann manchmal deutlich erschwert.

Medscape: Die EMA hat kürzlich grünes Licht für die Zulassung des Corona-Impfstoffes der Hersteller BioNTech/Pfizer für Kinder ab 5 Jahren gegeben. Wann rechnen Sie mit der Empfehlung der STIKO?

Rodeck: Die Auslieferung des Impfstoffes für die kleinen Kinder – geplant sind laut Bundesgesundheitsminister Jens Spahn 2,4 Millionen Dosen – wird am 20. Dezember 2021 stattfinden (Aktualisierung der Redaktion vom 1.12: Auslieferung soll auf den 13.Dezember vorgezogen werden). Wahrscheinlich wird sehr zeitnah die STIKO schon zu der Empfehlung kommen, dass Kinder mit chronischen Vorerkrankungen und damit mit einem höheren Risiko, schwerer an Covid-19 zu erkranken, geimpft werden sollten. Ich rechne aber mit keiner allgemeinen Impfempfehlung. Das wird sicherlich ein schwieriger Abstimmungsprozess werden und Zeit brauchen.

Medscape: Manche Eltern werden ungeduldig und drängen auf eine rasche Impfung, immer mal wieder wird ein Off-Label-Use ins Spiel gebracht. Was ist davon zu halten?

Rodeck: Die Rufe nach einem Off-Label Use werden lauter, ja. Auch nach der Zulassung durch die EMA wird es ja noch ein wenig dauern, bis dieser Impfstoff verteilt ist und verimpft werden kann. Die Impfung von jungen Kindern wird mit 1/3 der Erwachsenendosis durchgeführt. Die z.Zt. ausgelieferten Vials für Erwachsene enthalten 6 Dosen à 0,3 ml. Die Verimpfung einer Kinderdosis mit einem Volumen von 0,1 ml aus diesen Vials mit entsprechender Verdünnung ist zwar denkbar, die Vials sind dafür aber nicht geeignet. Zudem liegt dann formal aber ein sogenannter Off-Label-Use vor. Wir raten deshalb dazu, auf den tatsächlich für die Kinder konzipierten Impfstoff zu warten.

Medscape: In den USA wurden seit November rund 2,6 Millionen 5- bis 11-Jährige mit der geringer dosierten Vakzine von BioNTech/Pfizer geimpft. Welche Rolle spielen diese Daten für die Bewertung des Impfstoffs in Deutschland?

Rodeck: Die STIKO prüft diese Daten jetzt schon – das ist richtig und wichtig. Auf die vorläufigen Sicherheitsdaten der ca.1.500 Kinder im Rahmen der Zulassungsstudie können wir uns aus den genannten Gründen ja nicht verlassen. Sondern wir brauchen die Erfahrungen bei den Kindern, die weltweit bereits geimpft worden sind.

In der Bewertung der Krankheitsrisiken ist auch problematisch, dass eine landesspezifische Situation nicht immer 1 zu 1 auf Deutschland übertragen werden kann. Wir wissen, dass die Krankheitslast bei Kindern in den Vereinigten Staaten deutlich höher ist – das hat mit den verschiedenen Ethnien zu tun und mit den unterschiedlichen Gesundheitssystemen. Wir haben in Deutschland eine signifikant geringere Krankheitslast, gerade auch bei den jungen Kindern, als das in den USA der Fall ist. Dort ist der Impfdruck dann ein anderer und auch aus diesen Gründen haben die Amerikaner mit dem Impfen von jungen Kindern angefangen.

Medscape: Sie sagten, dass die STIKO wahrscheinlich zunächst die Impfung für 5- bis 11-Jährige mit chronischen Vorerkrankungen empfiehlt. Wenn Eltern die Impfung wünschen, ohne dass ihre Kinder ein erhöhtes Krankheitsrisiko haben, was raten Sie Kinderärzten?

Rodeck: Eine allgemeine Impfempfehlung durch die STIKO ist keine Voraussetzung zur Impfung. Es bedeutet nicht, dass sie nach ärztlicher Aufklärung und bei individuellem Wunsch des Kindes bzw. der Sorgeberechtigen und bei entsprechender Risikoakzeptanz nicht möglich ist. Es bleibt dann eine persönliche Entscheidung. Wenn ein Impfstoff zugelassen ist, kann man ihn impfen – das ist bei der Grippe genauso. Es gibt von der STIKO ja auch keine allgemeine Impfempfehlung für den Grippe-Impfstoff. Die Krankheitslast z.B. durch Grippe-Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen in den Jahren bis 2018 ist deutlich höher gewesen als all das, was in der Pandemie mit Covid-19 über die Kinder hereingebrochen ist.

Wenn Eltern das möchten, dann kann der Kinderarzt mit der Familie selbst entscheiden – das ist auch unsere Position dazu. Besteht ein solcher Wunsch seitens der Eltern, sollte der Arzt das gemeinsam mit den Eltern diskutieren und über mögliche Risiken aufklären. Wir wissen ja, dass Langzeitprobleme bei Impfungen dieser jungen Kinder einfach aufgrund der bislang nur kurzen Zeit der Prüfung noch nicht ganz eindeutig abgeschätzt werden können. Wenn Eltern dann aus familiären Gründen, beispielsweise weil sich ein Großvater nicht impfen lassen kann und geschützt werden soll, das Kind impfen möchten, kann diese Impfung natürlich mit einem zugelassenen Impfstoff durchgeführt werden – auch wenn keine STIKO-Empfehlung dafür vorliegt.

Medscape: Viele Eltern möchten ihre Kinder impfen lassen, manchmal bestehen explizit Vorbehalte gegen die mRNA-Impfstoffe. Rechnen Sie mit einem erhöhten Gesprächsbedarf in den Kinderarztpraxen?

Rodeck: mRNA-Impfstoffe oder Medikamente kennen wir ja durchaus in der Onkologie, so dass man nicht völlig ohne Erfahrung ist. Klar ist aber auch, dass die Impfung mit entsprechenden Impfstoffen noch nicht so lange existiert und dass man deswegen tatsächlich ein paar Fragezeichen hinsichtlich möglicher langfristiger Komplikationen setzen kann. Man muss aber auch sagen, dass die Nebenwirkungen und auch Komplikationen von Impfungen typischerweise in den ersten Wochen nach der Impfung auftreten – und nicht mehr nach Monaten.

Was uns in der Diskussion beschäftigt, ist das Risiko einer Myokarditis. Die Fälle, die beobachtet worden sind, verlaufen leicht, sie heilen aus und haben bislang – soweit wir das wissen – keine Langzeit-Nebenwirkungen. Allerdings kann man das bei einer durchgemachten Myokarditis – gleich welcher Ursache, Erkrankung oder Impfung – für die nächsten 30, 40, 50 Jahre noch nicht 100%ig sicher prognostizieren. Jeder, der die Impfentscheidung vor sich hat, muss das für sich selbst entscheiden, im Sinne der Akzeptanz eines allgemeinen Lebensrisikos.

Medscape: Wir bedanken uns ganz herzlich für das Gespräch.

Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape.com erschienen.

Bildquelle: © gettyImages/Rob Lewine

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