28. Oktober 2021

Frühkindliche Förderung hilft bei Autismus-Spektrum-Störung

Eine australische Studie legt nahe, dass präventive Behandlungen bei Kleinkindern die Wahrscheinlichkeit für eine ASS-Diagnose im Alter von 3 Jahren stark verringern kann. Der Anstoß für einen Paradigmenwechsel?

Lesedauer: 2 Minuten

Redaktion: Sebastian Schmidt

Eine australische Studie untersuchte die Auswirkungen präventiver Behandlungen bei Kleinkindern ab 9 Monaten, die medizinisch indiziert eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für eine Autismus-Spektrum-Störung (ASS) haben. Die Ergebnisse legen nahe, dass solche Maßnahmen die Wahrscheinlichkeit für eine ASS-Diagnose im Alter von 3 Jahren verringert. 1

So gingen die australischen Autismus-Forscher vor

Dazu hatten die Forschenden mehr als hundert Kleinkinder randomisiert in zwei Gruppen aufgeteilt. 50 Kinder erhielten eine Basis-Video-Intervention, um eine positive Elternschaft (iBASIS-VIPP) zu fördern. Die Kontrollgruppe mit Familien von 53 Kindern erhielt nur die üblicherweise in Australien durchgeführte Betreuung für Kinder mit Autismus.

iBASIS-VIPP
Die Basis-Video-Intervention (iBASIS-VIPP) besteht aus bis zu zwölf Einheiten über einen Zeitraum von 5 Monaten. Der Fokus liegt auf der Schulung und Beratung der Eltern. Darin lernen sie, wie sie mit ihrem Kind interagieren können, um soziale Eltern-Kind-Interaktionen positiv zu beeinflussen.

Die australischen Forschenden begleiteten die Familien für circa 2 Jahre. Für die Bewertung nutzten die Forschenden das Manchester Assessment of Caregiver-Infant Interaction (MACI), ein global anerkanntes Bewertungsinstrument für eine 6-minütige Spielsitzung zwischen Eltern bzw. Pflegepersonen und Säuglingen. Mithilfe von Unterskalen wurden diese videokodiert. Dabei betrachtet die Studie primär die einfühlsame Reaktionsfähigkeit der Betreuungsperson, die Nicht-Direktivität der Betreuungsperson, die Aufmerksamkeit des Säuglings und den positiven Affekt des Säuglings.

Das Ergebnis: In der Gruppe, die mit iBASIS-VIPP-Betreuung unterstützt wurde, diagnostizierten die Forscher 6,7 Prozent der Kinder im Alter von drei Jahren mit ASS. Bei der Gruppe, die die Standard-Unterstützung erhielt, waren es jedoch 20,5 Prozent.

Forschende sehen Behandlungserfolg und wollen weitermachen

Für die Forschenden der Studie ist klar: Von einer frühzeitigen Behandlung können Kleinkinder mit autistischen Verhaltensauffälligkeiten oder einem erhöhten Risiko für ASS durch bekannte Diagnosen in der Familie deutlich profitieren. Was weiter dafür spreche möglichst zeitnah zu intervenieren, ist die recht niedrige Therapieintensität ohne Nebeneffekte. Bekannt sei, dass die diagnostische Einstufung der ASS im Alter von 3 Jahren über die gesamte Kindheit hinweg stabil ist. Jedoch sei es möglich, dass ein kleiner Teil der Kinder die diagnostische Kategorie wechselt, wenn sie zu einem späteren Zeitpunkt erneut untersucht werden. Auch deshalb wollen sie in einem weiteren Schritt den beobachteten Behandlungserfolg über mehrere Jahre hinweg bis ins Erwachsenenalter weiterverfolgen.

Einschätzungen zur Studie und Ausblick auf die Umsetzbarkeit

In der Forschung zu Autismus ist schon länger bekannt, dass sich eine frühe Intervention kurz nach der Diagnose positiv auswirkt. Für Prof. Dr. Marie Schaer, Assistenzprofessorin an der Fakultät für Psychiatrie, Universität Genf und Leiterin der auf Autismus spezialisierten Ambulanz in Genf, stellt die Studie jedoch einen Paradigmenwechsel dar, der auf sehr gründliche Art und Weise für ein Eingreifen vor dem Ausbruch eines vollständigen Autismus argumentiere. „Diese Studie ist von großer Bedeutung für das Forschungsfeld Autismus: Die Autoren demonstrieren sehr gründlich, dass wir wirksame Interventionen anbieten können, noch bevor Autismus diagnostiziert werden kann“, so Schaer.

Dr. Sanna Stroth, Psychologische Psychotherapeutin in der Spezialambulanz für Autismus-Spektrum Störungen in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Philipps Universität Marburg teilt diese Einschätzung: „Die Studie macht deutlich, wie wichtig es in der frühen Förderung von Kindern mit ersten Autismus-Symptomen ist, zentrale Entwicklungsaufgaben der sozial kommunikativen Fertigkeiten zu fördern, nämlich beispielsweise gemeinsame Aufmerksamkeit (Blickkontakt), Imitation und gemeinsames, aufeinander bezogenes Spiel. Sie macht außerdem deutlich, dass die Eltern hier eine zentrale Rolle spielen.“

Dr. Ronnie Gundelfinger, ehemaliger leitender Arzt der Fachstelle Autismus der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Universität Zürich sieht jedoch große Herausforderungen für die praktische Umsetzung, auch wenn der Mehrwert früher Interventionen durch weitere Untersuchungen bestätigt würde: „Ein Problem ist, dass zum Beispiel in der Schweiz medizinisch-psychologische Behandlungen durch die Krankenkassen erst bezahlt werden, wenn eine gesicherte Diagnose vorliegt. Dies entspricht nicht dem Kindeswohl und dem präventiven Gedanken, erschwert aber die Umsetzung solcher Modelle.“

  1. Whitehouse AJO et al. (2021): Effect of Preemptive Intervention on Developmental Outcomes Among Infants Showing Early Signs of Autism – A Randomized Clinical Trial of Outcomes to Diagnosis. JAMA Pediatrics. DOI: 10.1001/jamapediatrics.2021.3298.

Bildquelle: © Getty Images / Mayte Torres

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