01. Dezember 2021

Das Alagille-Syndrom: Ein Überblick

Das autosomal-dominant vererbte Alagille-Syndrom gehört mit einer geschätzten Häufigkeit von 1 auf 100.000 zu den „Orphan Diseases“. Der Kombination aus intrahepatischer Cholestase, Gesichtsdysmorphie und weiteren viszeralen und skelettalen Fehlbildungen liegt meist eine Mutation im JAG-1-Gen auf dem kurzen Arm von Chromosom 20 vor, seltener auch eine Mutation des NOTCH-2-Gens auf dem kurzen Arm von Chromosom 1. 1

Lesedauer: 2 Minuten

Autorin: Maria Weiß

Durch die Mutation beim Alagille-Syndrom (ALGS oder auch arteriohepatische Dysplasie) werden der NOTCH-Rezeptor und seine Liganden (z. B. das von JAG-1 kodierte Protein Jagged-1) in ihrer Funktion behindert, die wesentlich am korrekten Ablauf von Differenzierungsprozessen während der Embryonalentwicklung beteiligt sind. In etwa der Hälfte der Fälle liegt eine Neumutation vor – die Penetranz liegt bei fast 100 %.

Symptome fallen schon bei der Geburt auf

Die typische Gesichtsdysmorphie mit dreieckiger Gesichtsform, breiter Stirn, spitzem Kinn, tiefliegenden und weit auseinanderliegenden Augen fällt oft schon bei Geburt auf.

Führendes Symptom bei den Neugeborenen ist der stark ausgeprägte Ikterus mit quälendem Juckreiz, der weit über den üblichen Neugeborenenikterus hinausgeht. Ursache ist eine Rarefizierung der intrahepatischen Gallengänge bis hin zur vollständigen Gallengangsatresie. Dadurch kommt es neben dem Ikterus auch zu einer Gedeihstörung, die durch den Mangel oder das Fehlen von Gallenflüssigkeit im Darm mit eingeschränkter Fettresorption und mangelnder Aufnahme fettlöslicher Vitamine bedingt ist.

Weitere mögliche Symptome sind

  • Herzfehler (z.B. Pulmonalstenose, Septumdefekte),
  • Skelettfehlbildungen (z.B. Klinodaktylie, Ulnaverkürzung, Schmetterlingswirbel),
  • Nierendysplasie und
  • Fehlbildungen im Zentralnervensystem.

95 % der betroffenen Kinder zeigen einen gräulich-weißen peripheren Kornealring (Embryotoxon posterius), der aber auch bei bis zu 30 % der Allgemeinbevölkerung zu finden ist.    

Diagnostik

Diagnostisch steht die MR-Cholangio-Pankreatikografie mit Nachweis einer verminderten Ausbildung der intrahepatischen Gallenwege im Vordergrund. Beweisend für die Gallengangfehlbildung ist der pathohistologische Befund in der Leberbiopsie mit erhöhtem Verhältnis von Pfortader- zu Gallengangästen. Bestätigt wird die Diagnose dann durch die molekulargenetische Untersuchung.  

Eine kausale, genetische Therapie der Erkrankung steht nicht zur Verfügung, sodass nur eine symptomatische Behandlung der Symptome möglich ist. Dazu gehört vor allem auch Kontrolle der Cholestase mit dem dadurch bedingten starken Juckreiz. Hier könnte vielleicht Maralixibat, ein auch bei anderen seltenen cholestatischen Lebererkrankungen eingesetzter selektiver Inhibitor des apikalen Natrium-abhängigen Gallensäure-Transporters, in Zukunft Abhilfe schaffen. ‘Dessen Effektivität und Sicherheit wurde in der ICONIC-Studie belegt.

Härtefall-Programm
Im Rahmen eines Härtefall-Programms kann Maralixibat bereits jetzt schon von Ärztinnen oder Ärzten eingesetzt werden. Für weitere Informationen können Sie sich direkt wenden an: Patrick Kolb, Mirum Pharmaceuticals AG, patrick.kolb@mirumpharma.com.

Ebenfalls wichtig ist die Anpassung der Ernährung und die Substitution fettlöslicher Vitamine zur Vermeidung von Gedeihstörungen. Ultima ratio ist eine Lebertransplantation.

Die Letalität des ALGS vor allem durch kardiale und hepatische Komplikationen liegt bei etwa 10 %. Die Kinder sollten möglichst in spezialisierten multidisziplinären Zentren behandelt werden. Außerdem ist eine humangenetische Beratung betroffener Familien zu empfehlen. 

  1. Dr. Elke Ruchalla; Das Alagille-Syndrom; Z Gastroenterol (2018); 56: 348; DOI: 10.1055/s-0043-124984
  2. Horizonte: Alagille und die Neugeborenen-Cholestase; Österreichische Ärztezeitung (2021)

Bildquelle: © gettyImages/Jill Lehmann Photography

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG.

coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigter Geschäftsführer:
Jeremy Schneider, Blake DeSimone
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653